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Panorama Gequältes Mädchen erhängt sich - Mitschüler vor Gericht
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10:13 05.04.2010
Phoebe besuchte die High School in South Hadley in Massachusetts.
Phoebe besuchte die High School in South Hadley in Massachusetts. Quelle: afp (Archiv)
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Drei Monate lang wurde sie von Mitschülern schikaniert und gepeinigt, dann konnte sie es nicht mehr aushalten. Die 15-jährige Phoebe Prince erhängte sich im Treppenhaus des Hauses, in dem sie mit ihrer Familie lebte. Sie benutzte dazu einen Schal, ein Weihnachtsgeschenk ihrer kleinen Schwester, und die Jüngere - erst 12 Jahre alt - war es auch, die Phoebe nach dem Selbstmord fand.

Jetzt hat der tragische Tod im US-Staat Massachusetts ein Nachspiel. Neun Teenager, sieben davon Mädchen, soll der Prozess gemacht werden. Die ersten drei werden an diesem Dienstag erstmals vor Gericht erscheinen, dann soll die Anklage gegen sie offiziell verlesen werden.

Sechs aus der Gruppe sollen als Erwachsene zur Rechenschaft gezogen werden. Sie könnten im Fall von Schuldsprüchen jahrelang hinter Gittern landen. Es ist das erste Mal in den USA, dass die Staatsanwaltschaft in einem Fall von „Bullying“ derart hart vorgeht. Sie betritt damit juristisches Neuland, denn es gibt in den US- Strafgesetzbüchern keine Regeln oder Vorgaben für solche Fälle.

„Bullying“ nennt man in den USA das Drangsalieren von Kindern oder Jugendlichen zumeist durch Gleichaltrige. Studien zufolge kommt es sehr häufig vor, vor allem via Internet. Etwa 30 Prozent der Schüler in den Klassen sechs bis zehn praktizieren es, werden zu Opfern oder beides, heißt es zum Beispiel auf der Webseite „how-to-stop- bullying.com“. Aber, so Bezirksstaatsanwältin Elizabeth Scheibel: „Was Phoebe erdulden musste, geht weit über das übliche Maß an Schikanen hinaus.“ Das Mädchen sei nicht nur ständig verfolgt, beschimpft und geschmäht, sondern auch körperlich misshandelt worden.

Und, was viele Eltern und US-Medien wie die „New York Times“ besonders alarmierend finden: Mehrere Lehrer und Schulangestellte wussten anscheinend, was vor sich ging, aber niemand schritt ein.

Die Prince-Familie zog im vergangenen Oktober von Irland nach South Hadley in Massachusetts um. Phoebe, hübsch und lebhaft, besuchte dort eine High School mit rund 700 Schülern und zog die Aufmerksamkeit eines 17-jährigen Jungen auf sich, beliebt, gut aussehend und gut im Sport. Die beiden begannen eine Beziehung, aber nach kurzer Zeit trennte sich der Junge wegen eines anderen Mädchens von Phoebe, und dieses Mädchen - so die Anklageschrift - begann dann mit einer Gruppe von Freundinnen, Phoebe systematisch zu quälen.

Die Gang, das schildern US-Zeitungen, lauerte ihr auf, auf den Schulkorridoren, in der Bibliothek, in der Schul-Cafeteria, auf dem Nachhause-Weg. „Irische Hure“, „Schlampe“ wurde ihr nachgerufen oder im Vorbeigehen zugeflüstert, sie wurde geschubst und mit Gegenständen beworfen, man schlug ihr Schulbücher aus der Hand und schickte ihr SMS-Botschaften mit Drohungen - Tag für Tag.

So war es auch am letzten Tag ihres Lebens, am 14. Januar. Mitschüler gaben später bei der Polizei an, dass Phoebe am Morgen weinend die Krankenstation der South Hadley High aufsuchte, später auf dem Schulflur malträtiert und dann auf dem Nachhauseweg mit einer Büchse beworfen wurde.

Zwei Mal zuvor, so schildert ein Freund der Prince-Familie, habe sich Phoebes Mutters hilfesuchend an die Schule gewandt, habe von den Quälereien berichtet und die Angst geäußert, dass ihrer Tochter etwas zustoßen könne. Aber in beiden Fällen sei ihr gesagt worden, es gebe kein Grund zur Sorge.

Mehrere der Angeklagten sind inzwischen von der Schule verwiesen worden, aber die meisten erst vor wenigen Tagen, als die Vorwürfe gegen sie publik wurden. Die Sechs aus der Gruppe, denen der Prozess nach dem Erwachsenen-Strafrecht gemacht werden soll, müssen sich in verschiedenen Punkten verantworten: Die Vorwürfe reichen von Verfolgung über Verstoß gegen die Bürgerrechte mit Körperverletzung als Folge bis hin zur Vergewaltigung einer Minderjährigen. Die Schul- Verantwortlichen sind weiter im Dienst, Rücktrittsforderungen haben sie kategorisch zurückgewiesen.

dpa