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22:07 11.05.2012
Gardinen für Ikea? Nähende Häftlinge im Gefängnis Hoheneck.
Gardinen für Ikea? Nähende Häftlinge im Gefängnis Hoheneck. Quelle: dpa
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Leipzig

Beim Discounter griff die junge Frau zu einer Strumpfhosenpackung - und blickte in ein vertrautes Gesicht: „Auf dem Foto war ein Model aus der DDR, das ich persönlich kannte.“

Zu Hause stellte Neumann fest, dass sie theoretisch zwar die richtige Größe, aber praktisch eine viel zu kurze Strumpfhose erworben hatte. „Da dachte ich: Die habe ich wahrscheinlich selbst genäht.“ In einer Gefängniswerkstatt hatte die Leipzigerin - unter Schmerzen und an einer verschlissenen Maschine - vorgefertigte Teile zusammengefügt. „Wenn das schiefging, habe ich die Naht manchmal einfach abgeschnitten und neu gemacht. Dann wurde die Strumpfhose eben kürzer.“

24 Jahre war die Geigerin damals alt. Ab 1977 saß sie wegen versuchter Republikflucht im Frauengefängnis Hoheneck. Die Häftlinge schufteten in einem stickigen, überfüllten Maschinensaal für das Kombinat Esda. „Das Material war noch ungefärbt, also schneeweiß, das Arbeiten bei Neonlicht ging unheimlich auf die Augen“, erzählt Neumann. Gelenkrheuma diagnostizierte der Gefängnisarzt, eine Arbeitsbefreiung bekam sie deshalb nicht. Die Geigerin durfte lediglich ihre Schicht auf sechs Stunden verkürzen, und die extrem hohe Norm wurde ihr erlassen.

„Monatlich bekam ich mal fünf, mal zehn DDR-Mark in Warengutscheinen“, erinnert sie sich. Als sie nach 20 Monaten in den Westen durfte, zahlte ihr der SED-Staat 100 Mark Lohn aus. „Davon habe ich mir eine Reisetasche gekauft.“

Mehr als zwei Jahrzehnte liegt das Ende des selbst ernannten Arbeiter-und-Bauern-Staates zurück - aber erst jetzt regt sich Interesse am Thema Zwangsarbeit. Eine Reportage des schwedischen Fernsehens hat den Stein vor zwei Wochen ins Rollen gebracht. Der Möbelriese Ikea, so der Verdacht, hat möglicherweise Produkte wie das Sofa Klippan von politischen Häftlingen herstellen lassen. Ikea lässt die Vorwürfe prüfen. Aber auf einmal wollen nicht nur Skandinavier wissen, was hinter Gittern in Ostdeutschland geschah.

Zehntausende Menschen, so schätzt Brandenburgs Stasi-Beauftragte Ulrike Poppe, sind in DDR-Gefängnissen zur Arbeit gezwungen worden. Bereits in den achtziger Jahren, sagt der Historiker und Leiter der Chemnitzer Außenstelle der Stasi-Akten-Behörde, Clemens Heitmann, habe die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte darauf hingewiesen, dass ostdeutsche Häftlinge für den westlichen Markt produzierten. Aber „es hat sich einfach keiner dafür interessiert“. Die Zwangsarbeit habe geholfen, die Herrschaft der SED zu sichern. Über die „Disziplinierung durch Arbeit“ wollen Aufarbeitungsexperten an diesem Wochenende im brandenburgischen Erkner auf Einladung Poppes zum ersten Mal diskutieren.

Hartmut Richter freut sich über die späte Aufmerksamkeit. Als Bundesbürger kam er 1975 wegen Fluchthilfe hinter Gitter, erst nach mehr als fünf Jahren wurde er ausgelöst. Richter vermutet, dass die DDR auch einen Teil der von ihm im Knast zusammengeschraubten Geräte für Devisen verkaufte. Erst saß er in Berlin-Rummelsburg, wo sich in der Haftanstalt eine Werkstatt der Elektroapparatewerke Treptow befand. Später landete er in Bautzen II, arbeitete für die Schaltgerätewerke Oppach. „Ich habe immer gearbeitet, obwohl ich wusste, dass ich das Regime damit stärke. Man hatte eine Beschäftigung, da verging die Zeit schneller“, sagt er.

Dass Verurteilte für den Export produzierten, sei doch lange bekannt gewesen, oder zumindest: „Man hätte es wissen können.“ Viele Freigekaufte seien später im Westen auf die von ihnen gefertigten Waren gestoßen.

In Rummelsburg, erinnert sich Richter, habe er sich einmal ohne ärztlichen Segen krankgemeldet. „Dann bin ich zwölf Tage in den verschärften Arrest gegangen.“ Er erzählt von einem Verlies im Keller, von nächtlichen Geräuschen der Ratten in den Abflussrohren, von gekürzter Essensration und vom Gestank des Toilettenkübels.

Es war überall so. Die Anstalt Bautzen I zum Beispiel hieß im Volksmund „Gelbes Elend“, und selbst der damalige Vizechef Frank Hiekel spricht heute von einer bedrückenden Situation. „Es gab sehr große und obendrein überbelegte Zellen.“ Die Häftlinge hätten „vorrangig schwere und gesundheitsgefährdende Aufgaben“ für knapp 50 Einsatzbetriebe, für die sich in Freiheit keine Leute gefunden hätten.

Teils unterhielten die Firmen Werkstätten in den Gefängnissen, teils wurden die Verurteilten in die Betriebe transportiert. Wenn beispielsweise die heiße Ware aus dem Hochofen des Edelstahlwerks Freital kam, schnitten Männer aus Bautzen I Brandblasen heraus. „Das war körperlich sehr anstrengend und geschah bei ständiger Hitze.“

Viele Unfälle habe es bei der Häftlingsarbeit gegeben. Tausende, insbesondere politische Sträflinge, malochten im Tagebau und unter katastrophalen Bedingungen in mitteldeutschen Chemiebetrieben. Historiker Heitmann zufolge sind bisher zwei Fälle belegt, in denen politische Gefangene bei Chemieunfällen umkamen.

Als Leistungsanreiz diente ab Mitte der siebziger Jahre Gefängnisgeld, dessen Höhe von Normerfüllung und Tätigkeit abhing. „Manche kamen monatlich auf 30 bis 40 Mark, andere auf 120 bis 150 Mark“, erläutert Hiekel. Dafür seien vorzugsweise Zigaretten und Kaffee gekauft worden.

Der ausgebildete Pädagoge war mit ganz anderen Berufsvorstellungen zur Polizei gegangen, aber Ende 1987 als Führungskraft im Strafvollzug gelandet. Heute leitet er die Justizvollzugsanstalt in Görlitz, doch das Schicksal der DDR-Sträflinge beschäftigt ihn noch immer: „Ich weiß aus vielen Gesprächen und Foren, wie sehr sie unter dem Arbeitseinsatz gelitten haben.“

Ein Arsenal von Mitteln kann er aufzählen, mit denen Widerspenstige unter Druck gesetzt wurden: Arrest, Zuweisung einer schlechter bezahlten Tätigkeit, Einziehung der Einkaufsgutscheine, Verlegung in eine Sonderabteilung. Hiekel räumt ein, dass mitunter auch die inneren Hierarchien der Gefangenen genutzt wurden, um Unwillige zur Räson zu bringen.

In der Anfangszeit des SED-Staates sei der Versuch unternommen worden, Verurteilte zu erziehen, sagt auch der Historiker Clemens Heitmann. „Spätestens seit Ende der fünfziger Jahre aber ging es nur noch darum, Gefangene als Nothelfer für die Staatswirtschaft zu verwenden. Überall da, wo es gerade brannte oder wo dauernder Personalmangel herrschte, wurden sie eingesetzt. Und in der Haft wurde dreischichtig im Akkord unter miesesten Bedingungen geschuftet.“

Westdeutsche Konzerne haben von der Zwangsarbeit profitiert. Der Quelle-Versand zum Beispiel wusste Anfang der achtziger Jahre, woher seine Katalogware kam. Warum erst jetzt die Debatte? „Wir haben auch im Westen erst später über ,Fair Trade‘ nachgedacht“, sagt Clemens Heitmann. Erst heute interessiere es die Gesellschaft, ob Waren aus Kinderarbeit, Zwangsarbeit, aus ökologischem Anbau kommen. Die Geschichte des eigenen Landes, meint der Historiker, fordert heute umso mehr zur Aufmerksamkeit heraus: „Wir müssen mehr hingucken: Wo kommen unsere Produkte her? Wir alle kaufen täglich billige Waren. Sind die aus Nordkorea? Aus China? Aus Syrien? Ist uns das egal? Was fördern wir damit? Wo feiern wir die Formel 1? Wo feiern wir demnächst die Fußball-WM?“

Armin Görtz

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