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Panorama Was tut das Land gegen die Katzenplage?
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08:20 01.07.2017
Von Gabriele Schulte
Die jungen Kätzchen werden nach der Kastration an Familien vermittelt. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Gifhorn

Es werden immer mehr. Ein Katzennest nach dem anderen entdecken Bewohner auf dem Campingplatz Waldesruh - und jetzt sogar in einem verwaisten Wohnwagen. „Vier Kleine von diesem Wurf, vier noch vom vergangenen Jahr“, sagt Platzwart Bernd Garnatz und schüttelt den Kopf. Wieder sind kranke Tiere mit verklebten Augen dabei. Ihre Mutter ist eine von geschätzt 50 Katzen, die über den Platz in Gifhorn-Wilsche streunen. „Dieses Jahr ist es hier eskaliert“, klagt der Platzwart. Camper und Tierschützer haben damit begonnen, dem Elend zu Leibe zu rücken. Sie fangen die Tiere ein, um sie kastrieren zu lassen.

Janina Bieling packt nahezu täglich mit an. „Am Anfang hatten hier viele Leute Bedenken“, erzählt die Vorsitzende des Gifhorner Tierschutzvereins. Dann aber habe man die Bewohner des 150-Parzellen-Platzes, vorwiegend Dauer-Camper, überzeugen können, dass den Tieren kein Leid geschehe. Die Katzen werden mit Futter in einen Käfig gelockt und dann vom Tierarzt unter Vollnarkose kastriert. Junge Katzen werden an Familien vermittelt, die Älteren kommen zurück auf den Platz. „Sie sind schon zu wild“, sagt Bieling. Außerdem sind Katzen standorttreu.

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Hauskatzen leiden im Freien

Seit Langem fordern Tierschutzverbände eine gesetzliche Pflicht für private Halter, ihre frei laufenden Kater und Katzen kastrieren zu lassen, um der Vermehrung entgegenzuwirken. Die Streuner leiden häufig unter Verletzungen und Infektionskrankheiten. Denn Hauskatzen sind für das Leben draußen nicht gemacht, ihr Fell ist nicht einmal wasserabweisend. Besonders im Winter finden sie nicht ausreichend Nahrung, was wiederum ihr Immunsystem schwächt. Der Deutsche Tierschutzbund hat gerade eine Petition eingereicht, mit der eine bundesweite Kastrationspflicht erwirkt werden soll.

Einige Bundesländer, neuerdings auch Niedersachsen, sind schon ein Stück in diese Richtung gegangen. Mit einer „Subdelegations-Verordnung“ hat Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) für Rechtssicherheit gesorgt. Städten und Gemeinden wird nun ausdrücklich erlaubt, mit einer kommunalen Tierschutzverordnung Privatleuten die Kastration ihrer frei laufenden Katzen vorzuschreiben.

Die Zahl der Katzen in Niedersachsen ohne menschliche Aufsicht schätzt das Ministerium auf mehr als 200.000. Jäger dürfen verwilderte Katzen laut Jagdgesetz schießen, wenn sie sie mehr als 300 Meter entfernt von Wohngebäuden antreffen. „Das dient dem Schutz vor allem der Singvögel“, heißt es bei der Landesjägerschaft. Wie oft das geschieht, sei nicht bekannt.

Es gibt andere Wege. 57 Kommunen im Land haben schon vor Meyers Freibrief mit Verweis auf eine Gefahrenabwehr Regelungen zur Kastrationspflicht getroffen. Kleine Städte wie Barsinghausen und Bad Münder gehören dazu, mittlere wie Celle und Delmenhorst, Großstädte wie Hildesheim und Oldenburg. In Braunschweig besteht die Verordnung seit 2014. „Seitdem erreichen die Veterinärabteilung deutlich weniger Beschwerden über streunende, herrenlose Katzen“, sagt ein Sprecher.

Im Prinzip funktionieren die Verordnungen so: Erhält die Kommune eine Information über Hauskatzen, die als Freigänger nicht kastriert sein könnten, schreibt sie die Halter an und setzt einen Termin für den Kastrationsnachweis. Auch Veterinärämter weisen auf die Verordnung hin, wenn sie auf nicht kastrierte Hauskatzen treffen. Osnabrück handelte schon 2013 konsequent, als ein Besitzer seine Tiere trotz Aufforderung nicht kastrieren ließ: Die Stadt ließ einen Tierschutzverein die Katzen für den Termin beim Tierarzt einfangen und schickte dem Halter die Rechnung.

Die Stadt Hannover zeigt sich zögerlich. Es müsse erst geprüft werden, wie viele herrenlose Katzen es überhaupt gebe, sagt ein Sprecher. Bei der letzten Schätzung vor fünf Jahren sei man von rund 2200 ausgegangen: „Möglicherweise hat sich die Zahl aber verringert, weil zahlreiche Tierschutzorganisationen in Hannover Kastrationen durchführen.“

Anne Wallat vom SPD-Bezirksarbeitskreis Tierschutz hält nichts von langwierigem Ermitteln von Zahlen. Die Kommunen sparten sogar Geld, rechnet sie vor: Die Unterbringungspflicht für Fundkatzen in einem Tierheim koste sie sonst nämlich bis zu 7,50 Euro pro Tag.

OP kostet rund 100 Euro

Die Stadt Gifhorn will sich im Herbst mit dem Thema befassen. „Wir denken schon seit Längerem über eine Kastrationsverordnung nach“, sagt Bürgermeister Matthias Nerlich. Es brauche auch Personal für die Kontrollen. Nerlich deutet an, die Stadt könnte Katzenbesitzer bei den Kosten einer Kastration finanziell unterstützen - wie es andernorts zum Teil schon der Fall ist.

Rund 80 Euro kostet das Entfernen der Hoden beim Kater. Für das Herausoperieren der Eierstöcke bei Katzen, das ebenfalls Kastration genannt wird, werden gut 100 Euro fällig. Auch deshalb duckten sich die „Waldesruh“-Bewohner zunächst weg. „Das sind nicht unsere“, sagten sie, als der von Katzenkot und -urin genervte Platzwart vom Kastrieren sprach - auch diejenigen, die die Tiere durch Füttern am Campingplatz hielten. Nun brachte ein öffentlicher Aufruf des Tierschutzvereins mehrere Tausend Euro Spenden ein, womit die Aktion finanziert wird.

Gabriele Schulte

factboxInterview: "Zu Hause gut aufgehoben"

Unkastrierte Kater zeugen nachts draußen jede Menge Nachwuchs, und die Katzen überraschen ihre Besitzer zu Hause mit einem Wurf Junge – kommt das oft vor?

Leider passiert das ständig. Ich halte es für unverantwortlich, unkastrierte Katzen herumstreunen zu lassen. Die Tierheime sind voll mit Katzen, die keiner will. Viele kommen draußen zur Welt und sind sofort krank.

Viele Katzenhalter scheuen die Kosten für eine Kastration. Andere haben Angst, einen „halben Kater“ zurückzubekommen...

Tatsächlich wird der Kater ohne Hoden femininer, weniger dominant. Er hat nicht den großen Kopf und den Katernacken. Aber die Besitzer können sich freuen, dass der Katergestank wegfällt, und bei weiblichen Tieren, wenn die Eierstöcke heraus sind, das nächtliche Geschrei in der Paarungszeit.

Warum fordern Sie außer einer Kastrationspflicht für Freigänger auch eine Registrierung mit Chip?

Ich gehe noch weiter: Es müsste eine Katzenhaftpflicht eingeführt werden. Wie viele Unfälle gibt es, weil Autofahrer Katzen ausweichen! Und die Schuldigen werden nicht gefunden.

Die Besitzer wollen ihren Katzen möglichst viel Freiheit geben.

Hunde lässt man doch auch nicht einfach allein frei laufen. Und Katzen als vor Jahrtausenden domestizierte Haustiere sind in einer Wohnung gut aufgehoben, möglichst mit abgezäuntem Garten oder Balkon. Abgesehen davon haben sie draußen eigentlich nichts zu suchen, insbesondere während der Brut- und Setzzeit, wenn Jungvögel leichte Beute sind. Interview: Gabriele Schulte

Prof. Hansjoachim Hackbarth, Tierschutzexperte der Tierärztlichen Hochschule