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Panorama Frankreich will die Prostitution verbieten
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21:36 11.12.2011
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Paris

Sozialistische und rechtsbürgerliche Abgeordnete haben einen Gesetzentwurf in Frankreichs Nationalversammlung eingebracht, wonach mit bis zu zwei Monaten Gefängnis oder Geldbuße bis zu 3750 Euro bestraft werden soll, wer die Dienste einer Prostituierten in Anspruch nimmt. Als „letzten und entscheidenden Schritt zur Abschaffung der Prostitution“ preisen die Parlamentarier ihre Initiative. Zuhälterei und Anmache am Straßenrand stehen in Frankreich bereits unter Strafe. Der Pariser Straßenstrich, wie ihm etwa in den 1940er Jahren Regisseur Robert Bresson im Klassiker „Les Dames du Bois de Boulogne“ ein Denkmal gesetzt hat, er soll weg.

Doch von breitem Konsens kann außerhalb des französischen Parlaments keine Rede sein. Innerhalb des linken wie des rechten politischen Lagers wird heftig gestritten, ob die in Europa bereits von Schweden, Norwegen und Island eingeführte Kriminalisierung der Freier der richtige Weg ist, um dem angeblich ältesten Gewerbe der Welt und der sexuellen Ausbeutung der Frau ein Ende zu machen.

Unterstützung ist dem Gesetzesvorstoß immerhin von kirchlicher Seite sicher. Die katholische Zeitung „La Croix“ etwa begrüßt das Vorhaben und verweist darauf, dass sich die Zahl der Prostituierten in Schweden dank der Freiern drohenden Strafen zwischen 1998 und 2008 um die Hälfte verringert hat.

Gegenwehr kommt allerdings nicht zuletzt von Frankreichs Prostituierten selbst: Auf der Website „Atlantico“ schlägt eine als „Manon“ firmierende Prostituierte Alarm. Manon befürchtet, dass sie und ihre Kolleginnen noch weiter ins Abseits gedrängt werden. In Schweden sei die Prostitution nicht zurückgegangen, sie habe sich lediglich verlagert, versichert Manon. Prostituierte gingen ihrer Arbeit dort in Verstecken nach, wo Freier sie gefahrlos aufsuchen könnten, sie selbst aber jeglichen sozialen oder medizinischen Schutz entbehrten.

Skeptisch zeigt sich auch der Philosoph Ruwen Ogien. In der gewöhnlich an vorderster Front für die Würde der Frau streitenden Zeitung „Libération“ schreibt er: „Die von gesundem Menschenverstand zeugenden Argumente der ,Gewerkschaft für sexuelle Arbeit‘ (Strass) sind von den Abgeordneten brutal vom Tisch gefegt worden.“ Für Gesundheit und Sicherheit der Prostituierten sei die Kriminalisierung der Freier verheerend. Der Staat schwinge sich in einer Art und Weise zum Moralapostel auf, die mit einer laizistischen, pluralistischen Demokratie schwerlich vereinbar sei.

Das Boulevardblatt „Le Parisien“ wiederum zweifelt an der Praxistauglichkeit des Geplanten und lässt mal keinen Philosophen zu Wort kommen, sondern einen bekennenden Freier: Wenn der Gesetzentwurf verabschiedet werde, ändere sich für ihn wenig, glaubt der sich als „Paul“ vorstellende 50-Jährige. „Es wird genügen, ein bisschen diskreter zu Werke zu gehen, die Mädchen etwas später zu bezahlen, sie bei einer Polizeikontrolle als Freundinnen auszugeben.“

Keiner der zahlreichen Kritiker stellt in Abrede, dass die Verfolger der Freier beste Absichten hegen. Angesichts wachsender Kritik an dem von der Sozialistin Danielle Bousquet und dem Rechtsbürgerlichen Guy Geoffroy eingebrachten Gesetzentwurf erinnert etwa die Zeitung „Le Monde“ daran, worum es den beiden Parlamentariern geht. Von der Strafandrohung erhoffen sie sich „einen fortschreitenden Wandel der Mentalität, die wachsende Einsicht, dass der menschliche Körper keine Ware ist, über die Andere verfügen dürfen“. Fragt sich bloß, ob die Abgeordneten den richtigen Weg zum hehren Ziel eingeschlagen haben.

Axel Veiel