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Panorama Folgenschwere Impfskepsis: Dritte Corona-Welle erreicht Moskau
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22:26 14.06.2021
Menschen mit Masken auf dem Roten Platz in Moskau.
Menschen mit Masken auf dem Roten Platz in Moskau. Quelle: picture alliance/dpa/TASS
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Moskau

Die Zahl der Corona-Neuansteckungen in Moskau wird natürlich jeden Tag im Internet veröffentlicht. Wer wissen will, wie es um das Infektionsgeschehen steht, braucht aber nur ins Hamburgerrestaurant #Farsch an der Metrostation Frunsenskaja zu gehen. Denn die „Burgernaja“ hat die öffentlichen Auflagen in Bezug auf die Pandemie in den vergangenen Monaten immer akribisch umgesetzt. Anders als in Deutschland gibt es in Moskau schon seit einem Jahr keinen Lockdown mehr, doch gewisse Regeln herrschen schon: Als die Infektionszahlen im vergangenen Winter hoch waren, wurden jedem Gast am Bestelltresen des #Farsch mit sanftem Druck eine Atemschutzmaske und Plastikhandschuhe zur sofortigen Anwendung überreicht, wenn sie oder er die Schutzausrüstung nicht ohnehin schon trugen. Als die Zahlen im Frühjahr sanken, ging das Personal kulanter mit der Maskenpflicht um. In dieser Woche verschärfte das Restaurant die Schutzmaßnahmen nun wieder schlagartig: Plötzlich wird erneut auf die Distanzregel gepocht – viele Sitzplätze sind mit weiß-rotem Klebeband abgesperrt – und Maskenlosigkeit ist ein absolutes Tabu.

Das #Farsch reagiert mit den Maßnahmen auf aktuelle Ansagen aus dem Moskauer Rathaus. Schon Mitte vergangener Woche schlug Bürgermeister Sergej Sobjanin Alarm. Am vergangenen Mittwoch gab er bekannt, dass seine Behörde am vierten Tag in Folge eine Erhöhung der Infektionszahlen in der Stadt registriert habe und deswegen wieder stärker auf die Einhaltung der AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Atemschutzmasken) pochen werde.

Das half allerdings nicht weiter. Denn schon am Samstag stellte sich die Lage noch deutlich kritischer dar: Waren es nur drei Tage zuvor gut 4000 neue Corona-Fälle in der Zwölf-Millionen-Stadt, so stieg die Zahl mit nun circa 6700 Neuinfektionen binnen 72-Stunden-Frist auf das knapp Doppelte. Am Sonntag lag die Ziffer dann bei 7700 Fällen, dem höchsten Anstieg seit dem 24. Dezember 2020. In ganz Russland mit insgesamt etwa 146 Millionen Einwohnern wurden 14.700 Neuinfektionen gemeldet.

Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin.

Behörden werden auf dem falschen Fuß erwischt

Sobjanin ordnete arbeitsfreie Tage bei Beschäftigungen in nicht systemrelevanten Bereichen bis zum kommenden Sonntag an. Zudem müssen öffentliche Spielplätze schließen. Restaurants und Clubs dürfen zwischen 23 Uhr und 6 Uhr keine Gäste mehr empfangen. Die Strafen für das Nichttragen von Masken und Handschuhen im öffentlichen Raum wurden auf 5000 Rubel (57 Euro) erhöht. Außerdem kündigte der Bürgermeister „Tausende neue Krankenhausbetten“ für Corona-Erkrankte an.

Für die Behörden kam die Verschärfung der Pandemie in der warmen Sommerzeit völlig unerwartet, wie Beamte dem unabhängigen Nachrichtenportal „Meduza“ sagten. Sie hatten mit einer möglichen Ausbreitung des Virus erst wieder im Herbst gerechnet. Mitarbeiter des Moskauer Corona-Krisenzentrums nannten zwei mögliche Gründe für die Verschlechterung des Infektionsgeschehens: der Beginn der Sommerferien und die Feierlichkeiten zum letzten Schultag, die in Russland traditionell am 25. Mai mit einer geselligen Zeremonie namens „Das letzte Schulläuten“ („Poslednij Swonok“) begangen werden.

Entscheidender ist wahrscheinlich aber, dass viele Russen zögern, sich impfen zu lassen. Nach Angaben des Internetportals Gogov sind bisher nur knapp 10 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, während es in Deutschland inzwischen mehr als 25 Prozent sind. Dabei stellt Russland inzwischen vier Vakzine zur Verfügung: Sputnik V, die Version Sputnik Light, bei der eine Impfung ausreicht, sowie Epivaccorona and Covivac. Doch „in der Bevölkerung trauen viele den heimischen Impfstoffen nicht“, sagte der Virologe Wassilij Wlassow dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Denn in den sozialen Netzwerken kursieren Gerüchte über schädliche Nebenwirkungen.“ Ob es diese tatsächlich gebe, könne von außen kaum nachgeprüft werden. Doch da Russland im Gegensatz zu Westeuropa oder den USA kaum offizielle Angaben zu wissenschaftlich nachweisbaren Begleitsymptomen veröffentliche, werde solchen Parolen oftmals geglaubt.

Geschichten über tragische Schicksale

Der Nachhilfelehrer Alexeij Wolkow ist als studierter Physiker kein Anhänger von Verschwörungstheorien, doch auch er weiß nicht, ob es ratsam ist, sich einen russischen Impfstoff verabreichen zu lassen. „Ich bekomme im Bekanntenkreis Unterschiedliches zu Ohren“, sagt er. „Manche haben nach einer Impfung keinerlei Problem, aber ich habe auch von einem Mann gehört, der nach der Erstdosis Sputnik gestorben ist. Seine Familie glaubt, dass es an der Impfung lag.“

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Es ist verständlich, dass die Impfskepsis wächst, wenn die Geschichten über solch tragische Schicksale kursieren. Moskaus Bürgermeister Sobjanin will dem nun entgegenwirken, indem er von Montag an bis zum 11. Juli jede Woche fünf Autos unter denjenigen verlosen lässt, die sich zum ersten Mal impfen lassen. „Der Hauptgewinn für diejenigen, die sich schützen, ist natürlich nicht mit einem Auto gleichzusetzen – es geht um ihre eigene Gesundheit und ihren inneren Frieden“, schrieb er auf seiner Website.

Langfristig wäre es sicherlich aber zielführender, wenn Russland verlässliche Studien über die Nebenwirkungen seiner Impfstoffe veröffentlichen würde.

Von Paul Katzenberger/RND

Der Artikel "Folgenschwere Impfskepsis: Dritte Corona-Welle erreicht Moskau" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.