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Panorama Weniger Schweinefleisch im Kantinen-Angebot
Mehr Welt Panorama Weniger Schweinefleisch im Kantinen-Angebot
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00:16 06.03.2016
Von Heiko Randermann
In den Kantinen geht das Angebot an Schweinefleisch zurück, privat verspeisen die Deutschen aber sehr gerne Schweinefleisch. Quelle: dpa
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Hannover

Als die CDU-Fraktion im schleswig-holsteinischen Landtag den Erhalt von Schweinefleisch auf den Menükarten öffentlicher Kantinen forderte, erntete sie dafür im Internet unter dem Schlagwort #schweinefleischpflicht Spott und Häme. Doch Kotelett, Hack und Schnitzel werden tatsächlich in Schulmensen, Kita-Küchen und öffentlichen Kantinen seltener – eine Entwicklung, die die aktuelle Krise der Schweinebauern auch in Niedersachsen noch verstärkt. Staatliche Hilfe lehnen die Landwirte aber dankend ab.

„Dass immer mehr öffentliche Einrichtungen und Kantinen Schweinefleisch aus ihrem Angebot nehmen, erfüllt auch uns mit Sorge“, sagte der Geschäftsführer der Interessensgemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN), Torsten Staack. Staatliche Verpflichtungen bei der Essenswahl lehne der Verband klar ab. Es müsse aber jeder die Möglichkeit haben, sein Essen selber auswählen zu können. „Und genau diese Wahlfreiheit fehlt in den Kantinen immer häufiger“, so Staack.

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Preisdruck in den Kantinen

Die Gründe dafür sieht Staack weniger in religiösen Vorbehalten, weil etwa Muslime kein Schweinefleisch essen dürfen, als vielmehr im Preisdruck, der in den Kantinen herrscht. „Wer täglich vor der Herausforderung steht, für unter zwei Euro ein vollwertiges Mittagsmenü aufzutischen, der schaut genau, wo er sparen kann.“ Geflügelfleisch und vegetarische Gerichte seien da oftmals einfach billiger als Schweine- oder Rindfleisch. Ein alternatives Wahlmenü anzubieten sei kostentechnisch oftmals gar nicht machbar.

Doch es ist nicht immer der Kostendruck, der das Schweinefleisch aus den Großküchen vertreibt. Auch die Nachfrage der Kunden hat sich gewandelt. „Der Verzehr von Schweinefleisch geht in unseren Einrichtungen seit Jahren zurück“, sagt Christiane Kemper, Sprecherin des Caritas-Verbands in Hannover. Die Caritas ist Trägerin vieler Kindertagesstätten und Horte, in denen die Kinder auch ein warmes Mittagessen bekommen. Und es sind oft die Eltern, die um Verzicht auf Schweinefleisch bitten – aus religiösen Gründen, „aber auch, weil es immer mehr Vegetarier gibt“, so Kemper. Auch auf Allergien und Unverträglichkeiten werde Rücksicht genommen. Da jede Einrichtung selber koche, könne man auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen.

Bei der Zubereitung der Mahlzeiten halten sich viele Kita-Küchen an die „Bremer Checkliste“. Die empfiehlt nur ein fleischhaltiges Mahl pro Woche und dann vor allem mageres Fleisch. Pute und Huhn haben weniger Fett als Schweinefleisch und dürften deshalb auch bei dieser Abwägung den Vorzug bekommen.

Außerhalb der Kantinen ist Schweinefleisch Marktführer: 60 Kilo Fleisch isst jeder Deutsche pro Jahr, 38,2 Kilo davon kommen vom Schwein. Dieser Anteil ist seit Jahren stabil, doch für die Betriebe zahlt sich das nicht unbedingt aus, denn gleichzeitig sinken die Schweinepreise immer weiter. Aktuell kann ein Schweinebauer für ein Kilo Fleisch gerade mal 1,24 Euro erlösen. Vor einem Jahr waren es noch 1,40 Euro. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, müssten es aber 1,64 Euro sein, sagt Staack. Ein Grund für die Entwicklung ist das Russland-Embargo. Davor sind aus Deutschland rund 180.000 Tonnen Schweinefleisch jährlich nach Russland geliefert worden, aus der gesamten EU 750.000 Tonnen. Dieser Markt ist inzwischen weggebrochen.

Immer mehr Schweinemäster müssen aufgeben

Durch den Preisdruck müssen immer mehr Schweinemäster aufgeben. 2011 gab es in Niedersachsen noch 8300 Betriebe, Ende 2015 zählte die ISN nur noch 6900 – ein Rückgang um 17 Prozent. Die Zahl der Schweine ist allerdings im selben Zeitraum im Wesentlichen gleich geblieben, bei 8,7 Millionen Stallplätzen in Niedersachsen. Das heißt, dass die übrig gebliebenen Betriebe größer werden, um den Kostendruck abfangen zu können.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) hält das für falsch. Er setzt auf weniger Tiere, geringere Besatzdichten und höhere Preise für die Bauern.

Ringelschwanzprämie und Tierwohl

Eine jahrelang geförderte Überproduktion von Schweinefleisch ist aus Sicht von Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) die Hauptursache der derzeitigen Preisabstürze. Er fordert und fördert ein Umdenken, von dem aber nicht jeder überzeugt ist.

Neben dem Russland-Embargo und den EU-weiten Absatzproblemen habe es eine verfehlte EU-Politik gegeben, bei der viel Schweinefleisch aufgekauft und eingelagert worden sei, so Meyer. „Auf EU-Ebene müssen echte Maßnahmen der Mengenreduzierung eingeleitet werden. Unsere Schweinebauern können bei diesen Preisen nicht existieren“, so der Minister. Unter anderem durch die Ringelschwanzprämie und die Initiative Tierwohl unterstütze das Land Bauern, die weniger Tiere in ihren Ställen halten. Das funktioniere, weil der Verbraucher bereit sei, dafür höhere Preise zu zahlen.

FDP-Agrarexperte Hermann Grupe sieht in der Ringelschwanzprämie dagegen nur eine „teure Symbolpolitik“, da gerade mal ein Prozent aller Schweine in Niedersachsen damit gefördert würden.

 ran

03.03.2016
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