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Panorama Fasten unterm Weihnachtsbaum
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20:50 23.12.2009
Von Heinrich Thies
Hier kommen heute sogar Geschenke unter den Baum – die aus dem Süden der Türkei stammende Emek Erkli mit ihren Zwillingen im prachtvoll geschmückten Weihnachtszimmer.
Hier kommen heute sogar Geschenke unter den Baum – die aus dem Süden der Türkei stammende Emek Erkli mit ihren Zwillingen im prachtvoll geschmückten Weihnachtszimmer. Quelle: Karin Blüher
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Weihnachtlicher sieht es auch bei urdeutschen Familien nicht aus. Im Wohnzimmer von Emek Erkli steht schon seit dem 1. Advent ein prächtig geschmückter Tannenbaum; eine Schale mit Nüssen und Lebkuchen und ein Teller mit Weihnachtskugeln unterstreichen das festliche Arrangement. Die achtjährigen Zwillinge Fabio-Ekin und Marko-Erk, die mit ihren Zwergkaninchen vor dem Tannenbaum schmusen, tragen auf ihre Weise zur Weihnachtsstimmung bei. Und über allem liegt das würzige Vanillearoma, das eine Duftkerze verströmt.

Dabei hat Emek Erkli mit dem christlichen Weihnachtsfest gar nicht so viel im Sinn. Die gelernte Kosmetikerin ist 1988 aus dem Süden der Türkei nach Deutschland gekommen, und in ihren Papieren steht immer noch, dass sie Muslimin ist. Bei der Frage nach ihrer Religion zuckt die Frau mit den schwarzen langen Haaren aber die Achseln und sucht verzweifelt nach Worten: „Auf dem Papier bin ich Muslimin, ja, aber gläubig bin ich eigentlich nicht“, sagt sie. „Ich gehe nicht in die Moschee, bete nicht und lese nicht im Koran.“ Schon in ihrer Kindheit sei das so gewesen. „Ich bin in einer muslimischen Umgebung aufgewachsen, aber wir hatten auch christliche Nachbarn.“

Ein bisschen geprägt ist die 38-Jährige auch durch ihren Mann. Der gelernte Betriebswirt, der in einem italienischen Restaurant kellnert, kommt zwar ebenfalls aus der Türkei, hat aber eine italienische Mutter und ist daher katholisch. „Meinem Mann zuliebe gehe ich manchmal auch mit in die Kirche, aber eigentlich bin ich nicht besonders religiös“, sagt Emek Erkli. Der Weihnachtsschmuck sei für sie „nur Optik“.

So wie Emek Erkli empfinden viele, die in jungen Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, Familien gegründet und die deutschen Sitten und Gebräuche aufgenommen haben. Nicht einmal alle gläubigen Muslime können sich der Strahlkraft des Weihnachtsfestes entziehen.

„Bei uns kommt sogar der Weihnachtsmann“, erzählt Lütfige Canbulet. „Die Kinder finden das schön.“ Die 54-jährige Verwaltunsangestellte gehört der islamischen Glaubensgemeinschaft der Aleviten an, und in diesem Jahr fällt die Weihnachtszeit mit dem alevitischen Trauerfasten Muharrem zusammen, das sich jedes Jahr um zehn Tage verschiebt. An Weihnachtsgans oder Christstollen ist daher für die rund 35.000 Aleviten in Niedersachsen nicht zu denken. Zwölf Tage lang, vom 17. bis zum 29. Dezember, wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken. Die Aleviten gedenken damit ihres Imams Hüseyin, der im Jahre 680 gemeinsam mit 72 Gefährten im irakischen Kerbela ermordet wurde, weil er sich nicht der Herrschaft eines Kalifen beugen wollte.

In Gedenken an diesen Enkel Mohammeds versammeln sich die Aleviten aber auch täglich während der Trauerzeit um 17 Uhr, um das Fasten mit einem gemeinsamen Mahl zu brechen. Zum Beispiel in der Alevitischen Gemeinde Hannover. Hier werden sie auch am Heiligen Abend und an den beiden Weihnachtstagen an langen, weißgedeckten Tischen sitzen, Gemüsesuppe, Salat, Joghurt, selbstgebackenes Brot und Apfelsinen essen, beten, indem sie die rechte Hand aufs Herz legen, und den Worten des Vorbeters und dem Gesang des Lautenspielers lauschen. An der Wand hängt ein riesiges Plakat vom Propheten Ali – der Schwiegersohn Mohammeds ist die große Kultfigur der Aleviten.

Viele Rituale begleiten das Fastenbrechen. So geht der Vorbeter durch die Reihen und bespritzt die Anwesenden symbolisch mit Wasser – zur Erinnerung an den Imam Hüseyin, der in der Wüste von Kerbela verdurstet ist. Und wenn beim Gebet Kerzen entzündet werden – an jedem der zwölf Tage eine mehr – kommt fast so etwas wie Adventsstimmung auf. Wenn nach zwölf Tagen die Fastenzeit zu Ende ist, wird die Süßspeise „Asure“ gekocht, die aus zwölf Zutaten besteht – Nüssen, Feigen, getrockneten Früchten und manchem mehr. „Alle Hannoveraner sind herzlich eingeladen“, sagt Ali Yagci, der Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde. „Wir haben keine Berührungsängste.“

Aleviten sind weltoffen und westlich orientiert, die Frauen tragen kein Kopftuch und sind gleichberechtigt. Anders als bei den strenger am Koran ausgerichteten Sunniten beten Frauen, Männer und Kinder in einem Raum – und zwar nicht in einer Moschee, sondern überall da, wo sie sich Gott nahe fühlen. Diese Offenheit zeigt sich auch in ihrem Verhältnis zu Weihnachten. „Damit sich die Kinder nicht ausgeschlossen fühlen, machen wir fast alles mit“, sagt Nermin Yalcin, die zwei 15-jährige Zwillingstöchter hat. „Wir haben einen Tannenbaum und auch einen Adventskranz. Ich muss kein Christ sein, um das schön zu finden.“

Den „Weihnachtsbraten“ aber gibt es erst Silvester. Denn während des Trauerfastens darf kein Fleisch gegessen werden. Andere Regeln sind nicht so unumstößlich. Bei Schulkindern zum Beispiel ist das Fasten meist gelockert. „Ich schicke meine Kinder doch nicht ohne Frühstück zur Schule“, sagt Nermin Yalcin.

Doch die rund 800.000 Aleviten bilden in Deutschland nur eine Minderheit unter den rund 2,5 Millionen Muslimen mit türkischem Hintergrund. Die Mehrheit ist sunnitisch und grenzt sich in ihrer Religionspraxis und Lebensweise stärker von den christlichen Deutschen ab. So holt sich kaum jemand einen Tannenbaum ins Haus. „Die Weihnachtstage werden genutzt, damit die Familien zusammenkommen“, sagt Ahmet Yildirim, ein muslimischer Kurde, der in Hannover aufgewachsen und hier als Rechtsanwalt tätig ist. „Viele reisen auch zu Verwandten.“

Yildirim, der von sich sagt, dass er kein besonders religiöser Mensch ist, wird am 1. Weihnachtstag wie üblich zum Freitagsgebet in die Moschee gehen. Dass der Imam dabei auf die Weihnachtsbotschaft eingeht, hält Yildirim für unwahrscheinlich. „Jesus ist für Muslime zwar ein geschätzter Prophet, aber nicht der Sohn Gottes“, sagt der Rechtsanwalt. „Die Umstände seiner Geburt sind für uns eine Art Wunder, aber kein heiliger Akt.“

Mit Rücksicht auf seine drei Kinder lässt sich aber auch der Sunnit Yildirim auf deutsche Weihnachtsbräuche ein. „Am Nikolaustag wird auch bei uns ein Stiefel gefüllt“, sagt er. Und wenn die Schule seiner achtjährigen Tochter Süeda zur Weihnachtsfeier lade, gehe man da natürlich hin. „Ich habe auch keine Probleme damit, wenn Süeda in der Schule christliche Weihnachtslieder mitsingt“, sagt Yildirim. „Das Christentum ist schließlich eine Vorstufe zum Islam. Christen sind für uns keine Ungläubigen.“

Seit Jahren engagiert sich Yildirim für ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen aller Couleur – in einem überparteilichen Integrationsnetzwerk, das weit über die Region Hannover hinausreicht. „Integration bedeutet für uns aber nicht die Aufgabe unserer Kultur und die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft“, betont der Rechtsanwalt. „Wichtig ist, dass man seine Kultur ausleben kann, ohne sich abzukapseln.“

In diesem Sinne ruft auch der Generalsekretär im Zentralrat der Muslime, Aiman Mayzek, in seiner Weihnachtsbotschaft seine Glaubensschwestern und -brüder in Deutschland dazu auf, „Feindbilder abzubauen, Ängste der Nichtmuslime zu entkräften und die Übereifrigen in den eigenen Reihen zur Besonnenheit zu ermahnen“. Dabei spricht Mayzek ausdrücklich von „Heißspornen“. Gemeint sind islamische Fundamentalisten, die im Internet auch davor warnen, dem christlichen Weihnachtszauber auf den Leim zu gehen.

Doch bei der großen Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime finden solche Warnungen wenig Widerhall. Bei Emek Erkli jedenfalls werden heute sogar Geschenke unterm Tannenbaum liegen. Bei den meisten Muslimen findet die Bescherung nach türkischem Brauch dagegen erst Silvester statt.