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Panorama Fachwerk soll Weltkulturerbe werden
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10:04 12.04.2012
Von Gabriele Schulte
Foto: Allein in der Altstadt von Goslar gibt es mehr als 2000 Gebäude aus der Zeit vor 1900.
Allein in der Altstadt von Goslar gibt es mehr als 2000 Gebäude aus der Zeit vor 1900. Quelle: dpa
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Hannover

Osterode und Northeim, Einbeck, Duderstadt und Hann. Münden haben sich zusammengetan und wollen die Probleme, die sie mit ihren zum Teil maroden Stadtkernen haben, gemeinsam angehen. Gleichzeitig wollen sie die Chancen für den Tourismus nutzen, die sich aus dem hübsch anzusehenden Fachwerk in den Altstädten und angrenzenden Dörfern ergeben.

Bis die Kommission der UN-Kulturbehörde in Paris über den Antrag aus Deutschland entscheidet, dürften noch einige Jahre ins Land gehen. Die Beteiligten, deren Idee bei einer Fachwerktagung in Osterode gereift ist, wollen nichts überstürzen. Osterodes Bürgermeister Klaus Becker spricht von einer „Vision“. Die fünf Mittelzentren am Harz wollten sich mit ihrer Überlegung, gemeinsam die Aufnahme ins Unesco-Programm zu beantragen, unter anderem die Möglichkeit einer speziellen Förderung durch die Europäische Union eröffnen. „Gerade bei Fördermitteln denkt die EU in Regionen“, sagt das Stadtoberhaupt. Doch das Geld sei notwendig, um die sanierungsbedürftigen Altstädte auf Vordermann zu bringen.

In diesem und den kommenden Jahren ließen sich das Land und die Stadt Osterode bereits die energetische Sanierung und den behindertengerechten Umbau von Fachwerkhäusern 10,4 Millionen Euro kosten, im Rahmen des Programms Städtebaulicher Denkmalschutz. Die Treppen in den alten Häusern seien beispielsweise oft so eng, dass die Feuerwehr im Notfall Kranke mit einer besonderen Drehleiter aus höheren Stockwerken herausholen müsse. Mit solchen Schwierigkeiten stehe die Stadt allerdings nicht allein. „Diese Themen haben wir in allen fünf Städten“, sagt Becker.

Regelmäßige Treffen von Bürgermeistern und Stadtbauräten sollten bei der Bewältigung helfen. Die Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe könnte den Tourismus stark ankurbeln, wie in Quedlingburg im Ostharz zu beobachten sei. Schon die Diskussion darüber diene dazu, „die Vorzüge im Bereich Fachwerk herauszustellen und deutlich zu machen, um was für eine wunderschöne Landschaft es sich hier handelt“, wie Northeims Bürgermeister Harald Kühle hervorhebt. „Weltkulturerbe ist unser Ziel in der Ferne“, sagt sein Kollege Becker in Osterode. „Wir machen uns jetzt auf den Weg.“

Rudolf Wengerek in Duderstadt sieht das „Fernziel“ Weltkulturerbe ebenfalls als eine gute Möglichkeit, die Menschen neugierig auf die besonderen Städte im Süden Niedersachsens zu machen. „Schließlich ist das Thema sehr positiv besetzt“, sagt der Stadtplaner. An weltweit Einzigartigem habe der Städteverbund die Vielfalt der Stile auf engem Raum zu bieten. Niedersächsisch, hessisch und thüringisch geprägte Gebäude träfen hier aufeinander, ganz unterschiedliche Fachwerkbaustile mehrerer Jahrhunderte mit ihren Ständerwerken, Gefachen und Schnitzereien.  

Besonders Hann. Münden kann Touristen zudem noch mit bedeutenden Hinterlassenschaften der Weserrenaissance locken – etwa dem Alten Rathaus und dem Welfenschloss. Wie andernorts droht aber auch dort die Innenstadt zum reinen Touristenzentrum zu werden – Leerstände von Wohn- und Geschäftsgebäuden sind ein Dauerthema. Es gibt noch Häuser, deren Bewohner über den Hof zur Toilette flitzen müssen – vom fehlenden Bad mit Dusche und Wanne ganz zu schweigen. Wie Hann. Mündens Stadtplaner Friedhelm Meyer berichtet, macht besonders eine Eigentümerfamilie Ärger. Sie wehre sich seit Jahren dagegen, acht leer stehende Fachwerkhäuser zu sanieren. „Wir versuchen mit dem stumpfen Schwert des Denkmalschutzes wenigstens die Erhaltung hinzukriegen“, sagt der Stadtplaner. Bisher habe die Stadt vor Gericht, wenn es etwa um die Abdichtung von Dachrinnen ging, stets gewonnen. 

Doch es gibt auch Beispiele, wo Eigentümer alte Gebäude mit großem finanziellem Aufwand liebevoll restauriert haben. Bernd Demandt in Hann. Münden gehört dazu. Sein „Aegidienhof“ wurde im Mai 2000 in der Drei-Flüsse-Stadt als Hotel neu eröffnet, in zwei 1534 erbauten Häusern. Einen „Denkmalaktivisten“ nennt ihn Stadtsprecherin Julia Bytom voller Respekt. Sogar die entwidmete Aegidienkirche und den angrenzenden Kirchhof habe der Hotellier in sein Gastronomie- und Kulturangebot ansprechend einbezogen.
Wie sich auch anderes zum Guten wenden lässt, wollen die fünf Städte demnächst gemeinsam weiter vertiefen – bei einer „Fachwerk-Triennale“ in Einbeck.