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Panorama Erreger schon seit halbem Jahr in Klinik
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17:16 10.11.2011
Foto: Schon vor einem halben Jahr ist in der Bremer Klinik erstmals der lebensgefährliche Erreger festgestellt worden.
Schon vor einem halben Jahr ist in der Bremer Klinik erstmals der lebensgefährliche Erreger festgestellt worden. Quelle: dpa
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Bremen

Der für den Tod von drei Frühchen verantwortliche Erreger ist in einer Bremer Klinik schon deutlich früher als bisher bekannt aufgetreten. Das hat das Krankenhaus am Donnerstag mitgeteilt und zugleich eingeräumt, dass es die Gesundheitsbehörden hätte früher informieren müssen. Ende April sei der Keim erstmals bei einem Frühchen nachgewiesen worden, sagte der Chef des Klinikverbundes Gesundheit Nord, Diethelm Hansen. Auch im Mai und Juni tauchte der Erreger wieder auf. Der Bremer Landtag will einen Untersuchungsausschuss einsetzen.

Nach jetzigem Stand haben Experten den multiresistenten Keim bei 23 Babys festgestellt, davon erkrankten neun. Drei Frühchen starben im August und Oktober nach einer Infektion mit dem Erreger. Mindestens neun Kinder wurden krank. Am 25. Juli sei bereits ein Frühchen an einer Hirnblutung auf der betroffenen Station im Klinikum Bremen-Mitte gestorben. Bei ihm sei der Keim zwar nachgewiesen worden, aber nicht die Ursache für Tod des Babys gewesen.

Klinikleitung und Gesundheitsbehörde hatten die Vorfälle erst in der vergangenen Woche bekanntgegeben. Nach bisheriger Darstellung war die Infektionswelle Ende Juli auf der Frühchenstation ausgebrochen. Auf Anregung von Experten des Robert-Koch-Instituts (RKI) habe man den Betrachtungszeitraum inzwischen auf das ganze Jahr 2011 ausgeweitet, sagte Hansen. Dadurch seien die früheren Fälle aufgefallen. Gesundheitsbehörde und Krankenhaus wollen jetzt prüfen, ob das vorhandene Informationssystem nicht ausgereicht habe.

Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) sagte, die Staatsanwaltschaft sei über die neuen Erkenntnisse informiert. Die Anklagebehörde ermittelt zurzeit wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung.

Die oppositionelle CDU-Fraktion im Bremer Landtag kündigte an, einen Untersuchungsausschuss zu beantragen. Die Regierungsfraktionen von SPD und Grünen sowie die Linke wollen dies unterstützen. „Wir müssen dringend wissen, wer zu welchem Zeitpunkt über welche Informationen verfügte“, sagte der Grünen-Fraktionschef Matthias Güldner. Das sei aber kein Misstrauensvotum gegenüber der Senatorin.

Der SPD-Fraktionschef Björn Tschöpe sagte zur Frage, warum die früheren Infektionsfälle erst jetzt bekanntgegeben wurden: „Wir haben bisher keine Erklärung dafür.“ CDU-Fraktionschef Thomas Röwekamp sprach von einem chaotischen Aufklärungsversuch. „Wir alle sind zutiefst erschüttert und betroffen von den Vorgängen, aber sicherlich auch von der Art der Kommunikation der letzten Tage.“ Röwekamp sagte weiter: „Uns geht es nicht nur um die Aufklärung der bedauerlichen Vorfälle an sich, sondern natürlich auch um Verabredung auf notwendige Konsequenzen.“

Die Klinik hatte Anfang September das Gesundheitsamt eingeschaltet - viel zu spät, wie Hansen am Donnerstag betonte. „Wir geben heute öffentlich bekannt, dass wir Fehler gemacht haben.“ Wenn die Klinik früher einen Verdacht gehabt hätte, wäre das Gesundheitsamt früher informiert worden, versicherte Hansen. Das der Senatorin untergeordnete Amt informierte Jürgens-Pieper erst Anfang November - fünf Tage nach dem letzten Todesfall. Diese verhängte sofort einen Aufnahmestopp und forderte Experten vom RKI an.

Ob durch das frühere Eingreifen des RKI ein Todesfall hätte verhindert werden können, sei zur Zeit spekulativ, sagte Hansen. „Sowohl ich persönlich als auch alle Verantwortlichen im Klinikum Bremen-Mitte sind sehr betroffen von den Erkenntnissen, die wir in den vergangenen 48 Stunden gewonnen haben.“ Hansen berichtete, der für die Hygiene im gesamten Klinikum verantwortliche Arzt habe als Konsequenz aus der neuen Entwicklung seine Verantwortlichkeit abgegeben.

Die Senatorin kündigte an, in der kommenden Woche darüber zu entscheiden, ob sie Disziplinarverfahren gegen Beamte oder dienstliche Verfahren gegen Angestellte einleite. Solange die Staatsanwaltschaft ermittle, würden solche Verfahren dann aber ausgesetzt.

dpa

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