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Panorama Entführte Bankiersehefrau Maria Bögerl bleibt verschwunden
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20:29 17.05.2010
Polizisten durchsuchen ein Waldstück bei Heidenheim.
Polizisten durchsuchen ein Waldstück bei Heidenheim. Quelle: dpa
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Heidenheim. Manchmal macht der Regen Pause. Aber die vereinzelten Sonnenstrahlen, die durch die Wolken brechen, können die Spannung aus den Gesichtern der Polizisten und Hundeführer nicht lösen. Zum sechsten Mal in Folge beginnen die Retter ihre Suche vor dem Gasthaus Linde in Nietheim, einem Ort, der eigentlich nur ein ausgesetztes Gehöft in der Nähe des schwäbischen Heidenheim ist.

Laut rauscht der Verkehr über die nahe Autobahn 7, die sich am östlichen Rand Baden-Württembergs nach Norden windet. Ihre Flächensuchhunde, erklärt die Staffelführerin der Malteser Heidenheim, seien darauf spezialisiert, Menschen in unwegsamem Gelände oder in Trümmern aufzuspüren. Die Tiere schlagen auf unterschiedliche Weise an, je nachdem, ob ein Mensch lebt oder schon tot ist. So sind sie trainiert.

Gut möglich, dass der letzte Tag der kräftezehrenden Großsuche angebrochen ist, für die Polizisten und Hubschrauber aus dem ganzen Bundesland und aus Hessen zusammengezogen wurden. Kaum einer glaubt noch, dass Maria Bögerl in dem zehn mal fünfzehn Quadratkilometer großen Waldstück gefunden wird, das die Einsatzleitung Meter für Meter durchkämmen lässt. Sogar in die Abwasserrohre neben der Autobahn hat der Polizeieinsatzleiter Michael Krämer seine Leute geschickt.

Seit dem vergangenen Mittwoch hält der Entführungsfall Bögerl die 50 000-Einwohner-Stadt Heidenheim in Atem. Maria Bögerl, 54 Jahre alt, ist die Ehefrau einer Größe der örtlichen Wirtschaft und Politik. Thomas Bögerl ist Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heidenheim. Der Bankier hatte am vergangenen Mittwoch zur Mittagszeit in seinem Büro den Telefonanruf eines Kidnappers erhalten. Gegen Zahlung einer hohen Geldsumme werde Maria Bögerl wieder freigelassen, erfuhr er. Kurze Zeit später telefonierte das Opfer selbst kurz mit dem Ehemann und schilderte seine verzweifelte Lage.

Der Bankchef, sagen die Ermittler, beschaffte das Geld und fuhr los. Die „Bild“-Zeitung will erfahren haben, dass sich die Forderung des Entführers auf 300 000 Euro belief, die Summe wird von der Heidenheimer Polizei nicht kommentiert. Ziel des zutiefst besorgten Ehemanns war eine von dichtem Wald eingerahmte Betriebsausfahrt der A7 zwischen den Anschlussstellen Heidenheim und Aalen-Oberkochen. Bögerl legte das Geld an einer Stelle ab, die der Entführer mit einer Deutschlandfahne markiert hatte. Erst als er wieder zu Hause ankam, will er die Polizei informiert haben. Das Geld wird jedoch nicht abgeholt. Es wird später sichergestellt. Das Opfer bleibt verschwunden. Eine neue Forderung gibt es nicht – bis heute.

Ein Polizeisprecher hält Journalisten auf Distanz zu den Suchmannschaften. Es sei möglich, sagt er, dass der Täter sein Opfer in einer Kurzschlussreaktion im Wald ausgesetzt habe, als die Übergabe nicht klappte. „Wir haben nichts Konkretes. Aber wir wollen nichts versäumen.“ Bei der Heidenheimer Kriminalpolizei, die den Fall bisher nicht an eine übergeordnete Dienststelle abgegeben hat, wächst die ohnehin schon große Nervosität. Die Frager stören nur: Hat Thomas Bögerl wirklich erst die Polizei eingeschaltet, als er das Geld für den Entführer deponierte? Oder wussten die Beamten doch schon früher Bescheid? Sind sie vom Täter bemerkt worden? Dann wäre Maria Bögerl womöglich in höchster Lebensgefahr. Der Polizeisprecher sagt dazu kein Wort – „Ermittlungstaktik“.

Am Mittwoch gegen 11.25 Uhr, so viel weiß man, verschwand die Bankiersgattin aus ihrem Haus. Die Ermittler schweigen zur Frage, ob es Kampfspuren gibt. Seltsam: Der Täter und sein Opfer verließen das Haus im Wagen von Maria Bögerl, einem schwarzen A-Klasse-Mercedes. Der Entführer – wenn es denn nur einer war – muss die letzten Meter an den Ort des Verbrechens zu Fuß zurückgelegt haben. Der Fluchtwagen ist am Wochenende im Innenhof des Klosters Neresheim unweit von Heidenheim gefunden worden. Ob die Spurensicherer etwas Verwertbares gefunden haben, ein fremdes Haar, einen Schweißabdruck, Blut, darüber schweigt sich die Polizei aus. Auch das Handy des Opfers, das offenbar während der Fahrt fortgeworfen wurde, wurde an der A7 sichergestellt. Doch die SIM-Karte war entfernt worden, bevor das Telefon aus einem Wagenfenster über eine Autobahnbegrenzung geschleudert wurde.

Ob die Polizei es mit einem Profi oder einem Ersttäter zu tun hat, das ist eines der Rätsel, die eine ganze Stadt beschäftigen. Kaum zu glauben, dass Maria Bögerl unbemerkt über längere Zeit hinweg ausgespäht werden konnte. Das Wohnhaus der Bankiersfamilie liegt am Ende einer großzügig parzellierten Wohnstraße voll stattlicher Häuser, deren Bewohner den Blick auf den Fluss Brenz genießen. Es ist eine Sackgasse. Jeder fremde Wagen fällt hier auf, erst recht einer, der über Tage geparkt steht. Die Polizei hat die überschaubare Zahl der Nachbarn längst befragt, es ergab sich kein Hinweis auf ein verdächtiges Autokennzeichen, geschweige denn eine verwertbare Personenbeschreibung.

Immerhin, seit Montag sucht die Polizei gezielt nach einem glatzköpfigen Hausierer, der am Tag der Entführung im Stadtteil Schnaitheim gesehen wurde und Blindenwaren verkaufte. „Es ist möglich, dass er etwas gesehen hat“, sagt ein Polizeisprecher. Vielleicht ist es wieder nur eine Spur, die ins Nichts führt. Am Sonnabend nahmen Spezialkräfte einen 44-jährigen Mann fest, auf dessen Grundstück ein Zeuge Maria Bögerl gesehen haben will. Der Verdacht erwies sich als falsch.

Hinter halb heruntergelassenen Jalousien warten Thomas Bögerl, die beiden erwachsenen Kinder, Freunde und Spezialisten der Polizei auf den nächsten Anruf des Entführers. Der öffentliche Mitleidsappell der Familie ist ohne Reaktion geblieben. „Wir haben alles getan, was Sie wollten. Bitte geben Sie uns unsere geliebte Mama, meine Frau wohlbehalten zurück“, stand auf einem Blatt Papier, das ein Heidenheimer Polizist vergangenen Donnerstag bei einer Pressekonferenz in alle Kameras hielt. Mittlerweile hat die Familie für Hinweise eine Belohnung in Höhe von 50 000 Euro ausgesetzt.

Auch den Nachbarn gehen die Worte aus. Einer schüttelt den Kopf, sagt nur, es sei „eine unendliche Tragödie“, die sich hier abspiele. Einmal, am Wochenende, überschreitet einer der wartenden Journalisten eine Respektsgrenze und klingelt an der Haustür. Der Hausherr gerät aus der Fassung, schreit aus dem Fenster, man solle endlich verschwinden.

Je mehr Spuren erkalten, desto mehr erhitzen sich die Spekulationen. Warum geriet ausgerechnet der vielleicht wohlhabende, aber kaum als reich zu bezeichnende Chef einer Provinzbank in den Fokus eines Entführers? Warum betreibt ein Krimineller für ein paar hunderttausend Euro einen so hohen planerischen Aufwand und geht ein so hohes Risiko ein? Eine zynisch anmutende Theorie kursiert unter Journalisten: Hat sich die blonde, attraktive Maria Bögerl mit Hilfe eines Mannes abgesetzt? Sollte das Lösegeld Startkapital in ein neues Leben sein? Scheiterte die Aufnahme des Geldes am Rand der A7 lediglich durch einen Zufall, zum Beispiel das plötzliche Auftauchen eines Streifenwagens? Die Heidenheimer Polizei weist die Geschichte von einer inszenierten Entführung mit Entschiedenheit zurück.

Aber dass sich Geldgier mit Rache verbinden könnte, das gilt bei den Fahndern als denkbar. Möglich, so wird inoffiziell bestätigt, dass es sich beim Täter um einen Anleger handelt, der im Zuge des weltweiten Finanzcrashs sein Geld verloren hat und sich am Chef des Geldinstituts schadlos halten will. Die Kripo verschließt sich beharrlich allen Anfragen, die über die Suchaktion an der Autobahn hinausgehen. Trotzdem ist klar, dass sich die Ermittler für alle Kunden der Kreissparkasse interessieren, die in den vergangenen Monaten unangenehm aufgefallen sind. Noch weitere Verdachtsmomente bestehen dafür, dass der Täter aus dem näheren Umfeld stammen könnte: der vorbereitete Fahrzeugwechsel am Kloster Neresheim, die sorgfältig gewählte, durch Bäume verdeckte und doch leicht zugängliche Geldübergabestelle an der A7.

Seit Sonntagabend hat die Polizei neben den bekannten Leitungen noch ein „vertrauliches Telefon“ geschaltet; niemand nimmt dort ab – nur ein Anrufbeantworter ist geschaltet. Es ist ein stummes Angebot an den Entführer, der womöglich keinen Mut zu einer neuen Forderung aufbringt, aber noch sein Opfer in der Gewalt hat: Hier kann er einen anonymen Hinweis hinterlassen, wo Maria Bögerl ist.

Die Polizisten sind erschöpft. Dass Maria Bögerl noch lebt, diese Hoffnung wollen auch sie trotzdem nicht aufgeben.