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Panorama Eltern ließen Gesicht von behinderter Tochter verfaulen
Mehr Welt Panorama Eltern ließen Gesicht von behinderter Tochter verfaulen
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20:10 19.05.2011
Als die Ermittler der Kriminalpolizei gemeinsam mit einer Ärztin und einer Mitarbeiterin des Gesundheitsamts das Haus der Familie aufsuchten, bot sich ihnen ein Bild des Schreckens. Quelle: Schaarschmidt (Symbolbild)
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Weil ein Ehepaar aus dem Landkreis Gifhorn ihre an Akne erkrankte und geistig behinderte Tochter nicht ärztlich behandeln ließ, sind der 31-Jährigen große Teile des Gesichts weggefault. Die Kriminalpolizei ermittelt nun wegen schwerer Körperverletzung durch Unterlassung gegen die 61-jährige Mutter und den 67-jährigen Vater. Das Opfer wurde in das Klinikum Gifhorn eingeliefert.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei dauerte das Martyrium der kranken Frau mehrere Jahre. Statt medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, habe die Mutter ihre Tocher „selbst behandelt“, sagt der Sprecher der Polizeiinspektion Gifhorn, Thomas Reuter. Einen Arzt habe man nicht aufsuchen können, da die Tochter nicht krankenversichert gewesen sei, versuchte die Mutter sich gegenüber den Ermittlern zu rechtfertigen.

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„Die Familie hat völlig abgeschottet gelebt“, berichtet Reuter. Nur hin und wieder habe die Frau mit vollständig verbundenem Gesicht vor die Tür treten dürfen. „Da jeder in der Umgebung von der schweren Akne der Frau wusste, hat sich niemand über dieses Anblick gewundert“, so Reuter. Offenbar konnte sie aufgrund ihrer geistigen Behinderung nicht sprechen, so dass sie niemandem von ihrem Leiden berichten konnte.

Der entscheidende Tipp kam dann vor rund zwei Wochen von einem nahen Verwandten. Dieser habe sich darüber gewundert, dass er die 31-Jährige lange nicht gesehen habe. Er äußerte den Verdacht, dass sie von den Eltern in irgendeiner Form misshandelt werde, berichtet Reuter. Die Beamten seien noch am selben Tag tätig geworden. Weil zunächst die Hintergründe der Familientragödie geklärt werden sollten, machte die Polizei den Fall erst gestern öffentlich.

Als die Ermittler der Kriminalpolizei gemeinsam mit einer Ärztin und einer Mitarbeiterin des Gesundheitsamts das Haus der Familie aufsuchten, bot sich ihnen ein Bild des Schreckens: Das Gesicht der Tochter war völlig entstellt. „Nase und Lippen waren weggefault“, so Polizeisprecher Reuter. „Selbst die Beamten vor Ort, allesamt langjährige und hartgesottene Ermittler, waren von dem Anblick entsetzt.“

Hätten die Polizisten die Frau nicht entdeckt und sie in ein Krankenhaus einweisen lassen, hätte sie sterben können, erklärt der Leiter des Gesundheitsamts im Landkreis Gifhorn, Josef Kraft. „Die Wunden hätten sich entzünden können“, so der Amtsarzt. Plastische Chirurgen sollen der 31-Jährigen nun ein neues Gesicht geben. „Eine vollständige Wiederherstellung ist allerdings ausgeschlossen“, sagt Polizeisprecher Reuter. „Die Nase ist irreparabel beschädigt, die Frau wird nie wieder riechen können.“ Bei einer frühzeitigen Behandlung hätten diese Folgen der Akne durch Medikamente und Antibiotika verhindert werden können. „Die Tochter war über den Vater krankenversichert“, sagt Amtsarzt Kraft.

Die Eltern müssen sich nun wegen schwerer Körperverletzung verantworten. Rechtlich kommt eine unterlassene Hilfeleitung, die zu irreparablen körperlichen Schäden führt, einer Misshandlung gleich, sagt Reuter. Die Befragung von Nachbarn und Verwandten soll nun weitere Einzelheiten des Falls klären.

Michael Soboll und Uwe Stadtlich