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Panorama Elizabeth II. sitzt seit 60 Jahren auf dem Thron
Mehr Welt Panorama Elizabeth II. sitzt seit 60 Jahren auf dem Thron
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08:59 04.02.2012
„Ruhe bewahren
und weitermachen“:
 Elizabeth II. Quelle: dpa
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Hannover

Es sind arbeitsame Zeiten für die Queen. Jamaika will der britischen Königin ihre historisch begründete Rolle als Staatsoberhaupt des Karibikstaates nehmen. Dem früheren Chef der Royal Bank of Scotland, Fred Goodwin, entzog Elizabeth II. in dieser Woche die Ritterehre, nachdem er als einer der Hauptverantwortlichen für die Finanzkrise ausgemacht worden war. Ihren Ehemann Prinz Philip hatte sie ausgerechnet über Weihnachten wegen Herzproblemen ins Krankenhaus schicken müssen.

Und als wenn all dies noch nicht genug wäre, diskutiert die britische Boulevardpresse seit Wochen angeregt darüber, ob Steuerzahler oder Sponsoren der 85-Jährigen eine neue Jacht kaufen sollten. Die frühere sozialdemokratische Regierung, dem Königshaus schon aus Tradition nicht gerade eng verbunden, hatte ihr altes Schiff „Britannia“ 1997 im Übereifer des Sparens ausmustern lassen. Und dabei wollte die Königin – Markenzeichen Hut, Hund und Handtasche – 2012 doch eigentlich nur aus einem Grund Schlagzeilen machen: ihrem 60-jährigen Thronjubiläum.

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Am 6. Februar 1952 wurde Elizabeth Alexandra Mary Windsor zur Königin von Großbritannien und Nordirland proklamiert, am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey gekrönt. Der Legende nach nahm sie wortwörtlich über Nacht und auf einem Baum das Zepter in die Hand. Denn die junge Thronfolgerin befand sich gerade auf Reisen in Kenia, als ihr Vater Georg VI. daheim in England an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Als Prinzessin sei sie in ihrem Baumhaus in Afrika schlafen gegangen, als Königin am nächsten Morgen aufgewacht – so lautet die geradezu märchenhafte Überlieferung. Von ihr selbst ist in all den 60 Jahren dazu nicht viel in Erfahrung zu bringen gewesen – britische Monarchen geben gemeinhin keine Interviews.

Ganz anders Elizabeths Verwandtschaft: Von Montagabend an widmet sich das BBC-Fernsehen in einer dreiteiligen Reihe dem Leben der Königin. Starjournalist Andrew Marr wird darin unter anderem die beiden Enkel der Königin, die Prinzen Harry und William, interviewen. Schon vorab sind Passagen gestreut worden, die von Bewunderung Harrys für seine Großmutter zeugen: Es sei sehr schwierig, die Grenze zwischen privaten und öffentlichen Pflichten zu ziehen, sagt der 27-Jährige da. Seine Großmutter habe ihren Weg ganz allein gestaltet. „Sie hatte keinen Vordruck.“

Das Haltbarkeitsdatum einer Anleitung zum Königinsein wäre heute wohl ohnehin überschritten: Elizabeth II. hat als Monarchin bereits zwölf Premierminister kommen und gehen sehen. Sie hat vier Kinder, acht Enkel und eine Urenkelin. Sie hat miterlebt, wie der Einfluss ihres Königreichs in der Welt schrumpfte, nachdem sich immer mehr Länder von der Krone lossagten und in Richtung Unabhängigkeit schwenkten.

Schließlich wurden auch ihre Bemühungen um ein Fortleben der königlichen Traditionen immer wieder auf eine harte Probe gestellt – etwa durch die zeitweise dramatischen Szenen der Ehe ihres Sohnes und Thronfolgers Prinz Charles mit Prinzessin Diana. Oder durch den Hang ihrer inzwischen verstorbenen Mutter zu Gin und Pferderennen und durch das mitunter etwas lose Mundwerk ihres Mannes Prinz Philip. Oder durch frühe Eskapaden von Enkel Harry, etwa als dieser vor Jahren in Nazi-Uniform auf einer Party auftauchte und eine Beweisaufnahme den Weg in die Boulevardpresse fand.

Ein öffentliches Machtwort hat es von Elizabeth II. dazu nie gegeben. Doch glaubt man den royalen Insidern in London, sind die Sätze hinter den Kulissen zu solchen Anlässen dafür umso deutlicher. „Sie mag Hunde, Pferde, Männer und Frauen – und zwar in dieser Reihenfolge“, schrieb vor Jahren einer ihrer Biografen, Graham Turner. Wenn es um die Sache der Monarchie geht, so ist längst bekannt, versteht die britische Königin keinen Spaß.

Das mag daran liegen, dass sie sich schon früh in einer von Männern dominierten Welt behaupten musste. Als der Zweite Weltkrieg begann, war sie 13 Jahre alt. Mit 14 richtete sie unter dem Eindruck der Kampfhandlungen ihre erste Rundfunkansprache speziell an die britischen Kinder. Kurz vor Ende des Krieges trat Elizabeth dem Heimathilfsdienst ATS bei, der sie, die Tochter aus dem besten Hause der Insel, ausgerechnet zur Automechanikerin ausbildete. Als sie im kenianischen Baumhaus von ihrer künftigen Königswürde erfuhr, war die Tochter von Georg VI. gerade einmal 25 Jahre alt – jünger als Charles’ jüngster Sohn Harry heute. Und bereits fast fünf Jahre verheiratet mit Philip Mountbatten, dem Duke of Edinburgh.

„Keep calm and carry on“, Ruhe bewahren und weitermachen, lautete im Weltkriegsjahr 1939 eine Durchhalteparole an die Briten. Der Satz könnte auch Elizabeths Lebensmotto sein. Sie gilt als strebsam, fleißig und scharfsinnig. Und man kann sich vorstellen, für welche Partei ihr Herz schlägt, nämlich die ihr treu ergebenen Konservativen – doch weder eine ihrer Amtshandlungen noch eine ihrer Aussagen haben diese Einschätzung je untermauern können. Die britische Königin ist, soviel man heute weiß, durch und durch unangreifbar.

Dennoch stellt der Londoner „Guardian“, eine zutiefst demokratische Zeitung, in unregelmäßigen Abständen die Frage, wie zeitgemäß eine Monarchie eigentlich noch ist. Die Königin ist das Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreichs. Ihr Konterfei ziert Briefmarken, Münzen und Geldscheine. Sie besitzt als einzige Britin keinen Reisepass, denn die aller anderen Briten sind ja schon in ihrem Namen ausgestellt – sie ist der Staat. Die Königin ernennt und entlässt Premierminister, sie hält die Regierungserklärung gegenüber Unter- und Oberhaus. Und doch hat sie mit dem politischen Tagesgeschäft im Grunde noch weniger zu tun, als der Bundespräsident in Berlin.

Das britische Parlament wird längst in freien Wahlen bestimmt, die Partei mit den meisten Stimmen stellt – wie allgemein üblich – den Premierminister. Dessen Regierung gibt den politischen Kurs vor. Selbst die von der Königin verlesene Regierungserklärung wird vom Kabinett erstellt. Eine repräsentative Rolle ist es, die dem Königshaus um Elizabeth II. zugeschrieben wird – quasi aus Gewohnheit. Denn eine geschriebene Verfassung gibt es in Großbritannien bis heute nicht. Das Recht basiert noch immer auf der Magna Charta von 1215.

Vielleicht ist es gerade diese staatsmännische, aber streng genommen wenig bedeutungsvolle Rolle, die so viele Briten derart entzückt zu Elizabeth II. aufblicken lässt – trotz ihrer nur 1,63 Meter Körpergröße. Wenn sie in ihrem braunen Bentley durch den dichten Londoner Verkehr kutschiert wird, schwingt bei vielen Respekt mit für das Staatsoberhaupt. Und hinzu kommt wohl auch ein bisschen Stolz, einer Nation anzugehören, die sich auch in Krisenzeiten den Luxus eines Monarchen leistet – zusammen mit allen Vorzügen der parlamentarischen Demokratie.

Michael Pohl

03.02.2012
03.02.2012