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Panorama Eiskalter Engel oder unschuldige Frau?
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20:59 04.12.2009
Schuldig oder nicht? Die 22-jährige Amanda Knox steht im italienischen Perugia vor Gericht – die Anklage lautet auf Mord. Quelle: afp
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Amanda Knox – für Italiens Medien ist sie „die Schöne mit dem Engelsgesicht“. Für ihren Anwalt ist sie „so natürlich, schlicht und rein wie Wasser und Seife, überrollt von einem Medien-Tsunami“. Der Staatsanwalt aber sieht in der 22-jährigen Amerikanerin aus Seattle eine „durchtriebene Mörderin“, die mit „narkotisierten Gefühlen“ und „enormer Schauspielerei“ die Öffentlichkeit zu ihren Gunsten manipuliere. „Verschlagen und perfide wie Luzifer“ sei Amanda, ergänzt der Anwalt, der die Eltern des Opfers vertritt.

Amanda Knox ist des Mordes angeklagt. Zusammen mit ihrem damaligen italienischen Freund Raffaele Sollecito, 25 Jahre alt, und dem 23-jährigen Rudy Guede von der Elfenbeinküste soll sie am späten Abend des 1. November 2007 die 21-jährige Britin Meredith Kercher umgebracht haben: Kercher hat wie Knox und Sollecito in Perugia studiert und mit Amanda in einer Wohngemeinschaft gelebt.

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Um 10.30 Uhr haben die sechs Geschworenen gestern ihre Beratungen über das Urteil begonnen. Gemeinsam mit zwei Richtern entscheiden sie über Freispruch oder lebenslange Gefängnisstrafe. Am späten Abend stand die Entscheidung noch aus.

Es geht um Sex, Mord und zwei junge Frauen. Drogen und Halloween-Phantasien seien im Spiel gewesen, sagt der Staatsanwalt. Die leichtlebige, „zu sexuellen Abenteuern geneigte“ Amanda habe nicht ertragen, dass die „zimperliche, tendenziell puritanische“ Britin ihren Lebensstil kritisierte. Dann, in der Nacht vom 1. auf den 2. November 2007, sei ein Streit ausgeartet. Unter Einfluss von Drogen hätten Amanda, Raffaele und Rudy die Britin mit Gewalt zum Sex gedrängt, die Engländerin habe sich gewehrt, Nachbarn hätten Schreie gehört, dann war auf einmal ein Küchenmesser da.

Die Polizei fand Meredith halb entkleidet mit durchgeschnittener Kehle auf dem Boden vor ihrem Bett. Sie fand zahlreiche Blutspuren. Sie fand aber auch einen Stein, ein eingeschlagenes Küchenfenster. Es mussten Einbrecher da gewesen sein. Oder hatten Amanda, Raffaele und Rudy versucht, eine falsche Fährte zu legen und echte Spuren wegzuwischen?

Dieser Meinung ist die Staatsanwaltschaft. Sie glaubt Amanda auch deswegen nicht mehr, weil diese anfangs den Verdacht auf einen völlig Unschuldigen gelenkt hatte. Aber nicht einmal mehr die Verteidiger behaupten, der Mörder sei außerhalb des gefassten Trios zu suchen. Sie schieben die Schuld nur im Kreis herum. Zudem ist Rudy Guede, der Schwarze, der ein abgekürztes Verfahren gewählt hat und sich seinerseits für unschuldig erklärt, bereits zu 30 Jahren Haft verurteilt worden.

Elf Monate hat der Prozess gegen Amanda und Raffaele gedauert. Amanda ist in der Untersuchungshaft mit Fanpost und Heiratsanträgen überhäuft worden. Die Debatte um Schuld oder Unschuld des „Engelsgesichts“ zieht sich durchs Internet. Der Staatsanwalt beklagt den Druck „einer Partei aus Seattle“: Amandas Eltern haben fernsehwirksam und mit professionell beratenen Medienauftritten versucht, das öffentliche Bild ihrer Tochter zu bestimmen und damit auch die Geschworenen zu beeinflussen. In Italien, wo Prozesse dieser Art immer unter großem Spektakel parallel in den Medien ausgetragen werden, sind bereits vier Bücher über den Fall erschienen.

Und es wurde jedes „menschliche“ Element notiert: Ob Amanda und Raffaele, die inzwischen ihr Verhältnis aufgekündigt haben, sich im Gericht mit welchem Augenaufschlag angeschaut haben oder nicht. Es wurde registriert, dass Raffaele im Gefängnis sein Informatikstudium abgeschlossen hat und Amanda trotz Untersuchungshaft an einem Film mitwirken durfte, dass sie ein T-Shirt mit dem Beatles-Motto „All you need is love“ trug, dass sie zuletzt „trotz der Knastküche etwas zugenommen“ und in zwei Jahren Haft „ihr Italienisch perfektioniert“ habe.

Die Verteidiger fordern Freispruch für Amanda und Raffaele wegen „erwiesener Unschuld“. „Es war Mord in Verbindung mit sexueller Gewalt“, sagt hingegen der Staatsanwalt. Die Anklage verlangt eine lebenslange Freiheitsstrafe für Knox und auch für den mitangeklagten Italiener.Obwohl es keine Tatzeugen und kein Geständnis gibt, halten sie es für erwiesen, dass das Trio den Mord begangen hat. Die beiden Angeklagten haben immer wieder ihre Unschuld beteuert.

von Paul Kreiner