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Panorama ESC in Israel – der Tanz auf dem Vulkan
Mehr Welt Panorama ESC in Israel – der Tanz auf dem Vulkan
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08:40 18.05.2019
ESC-Party in Tel Aviv. Quelle: Foto: Oded Balilty/AP/dpa
Tel Aviv

Auf dem Rasen stehen bunte Liegestühle. Eine sanfte Brise mildert die Wüstenhitze. Musikfetzen schweben vom Messezentrum herüber. Es ist „Dancing Queen“ von Abba, tatsächlich. Sechs israelische Soldaten dösen in der Abendsonne. Es herrscht Frieden im Herzen von Tel Aviv. Aber da sind die Kameras überall. Da ist der seltsame weiße Ballon am Himmel. Da sind die Körperscanner. Da sind die stechenden Blicke angeblicher Zivilisten mit Knopf im Ohr. Da ist im Gedächtnis noch der dringende Rat der US-Botschaft an Israel-Reisende, sich „immer über den nächstgelegenen Schutzraum“ zu informieren.

Eurovision Song Contest in Israel. Europa feiert ein Auswärtsspiel in Tel Aviv (Sonnabend, 21 Uhr in der ARD). Es ist eine Party unter Polizeischutz. Es ist noch keine zwei Wochen her, dass aus dem Gazastreifen mehr als 700 Kassam-Raketen auf Israel niedergingen, 60 Kilometer südlich von hier. Vier Israelis starben, 200 wurden verletzt. In ­Gaza kamen 25 Menschen bei Vergeltungsschlägen ums Leben. Es war die schwerste Eskalation des Konflikts seit fünf Jahren. Und der Zeitpunkt war kein Zufall: Ein Fest der Vielfalt mitten im Nahen Osten? Ein fröhliches Trallala von 41 Ländern samt Schwulenkitsch und Männern mit Federboas auf dem Kopf? Hier?

Party im „Silicon Wadi“

Eine Provokation. Ein Stachel. Für die Palästinenser im Pulverfass Gaza sowieso. Aber auch für die ultraorthodoxen Juden in Benjamin Netanjahus alter Rechtsregierung.

Oberflächlich gesehen hat das schneeweiße Tel Aviv, das wörtlich „Frühlingshügel“ heißt, nicht viel mit Gaza, Hamas, Stacheldraht und Sechstagekrieg zu tun. Das hier ist Miami, Santa Barbara, Ibiza. Tel Aviv inszeniert sich als Street-Art-Paradies und High-Tech-Metropole der Moderne, als „Silicon Wadi“ mit Elektromietrollern, mit einer blühenden Start-up-Kultur, mit einer Gay-Community, die ihresgleichen sucht. Jeder fünfte Einwohner ist Statistiken zufolge homosexuell. Eine bunte Insel des Hedonismus im Irrsinn, trotz oder wegen homophober Nachbarn, trotz oder wegen einer wachsenden ultraorthodoxen Bevölkerung. Jederzeit kann es krachen, also lässt man es selbst krachen. „Ich kann hier meinen Freund küssen und Hand in Hand durch die Stadt gehen“, sagt der Clubbetreiber Imri Kalmann. „Selbst in Amsterdam kann ich das nicht ohne komische Gefühle.“

Party, Mittelmeer, Hightech: Der Strand von Tel Aviv. Quelle: Shutterstock

Tel Aviv hat stets nach Westen geguckt, übers Meer, nach Europa. „Der ganze Staat Israel wurde ja von Europäern gebaut“, sagt ein großer Sohn der Stadt, Samy Molcho (82), weltweit gefeierter Pantomime und Experte für Körpersprache. „Zunächst erklang europäische Musik in Israel, erst in letzter Zeit nehmen die Klänge des Orients zu.“

Am Stadtstrand führen schöne Menschen ihre Körper spazieren. 400 vegane Restaurants gibt es in der Stadt. Für den Boom des Körper- und Ernährungskults hat der Soziologe Rafi Grosglik eine Erklärung: In der politischen Ausweglosigkeit flüchteten viele Israelis dorthin, wo sie noch Gestaltungsmacht haben: in die Beschäftigung mit sich selbst und ihrer Umwelt. Selbst das Militär hat sich auf die veganen Urbanisten eingestellt: mit Stiefeln aus Kunstleder, Barets aus Kunstwolle und fleischlosem Sojaschnitzel in der Armeekantine.

Jerusalem betet, Haifa arbeitet, Tel Aviv feiert

Jerusalem betet, Haifa arbeitet, Tel Aviv feiert, sagt man in Israel. Sie machen sich hier lustig über den Heiligen Ernst der Hauptstadt. „Die eine Hälfte in Jerusalem wartet auf den Messias, die andere auf die Straßenbahn – beide werden niemals kommen“, lautet ein populärer Witz. Tel Aviv dagegen ist Stein gewordene Sorglosigkeit. Sie lieben den ESC hier. Als Friedensfest. Als Toleranzappell. Als Gelegenheit, spielerisch Kontakt zu Europa zu halten. Auch als Werbung für Andersartigkeit, denn das Gefühl, anders zu sein, gehört schließlich zum Kern der jüdischen Identität. Aber ein Hype? Nein. Im ESC-Fieber ist die Stadt nicht. Eine weitere Party fällt hier kaum auf.

Sisters – der deutsche Beitrag beim ESC

Der Eurovision Song Contest sei „ein Geschenk für Israel“, sagt ein anderer, der es zu weltweitem Fernsehruhm gebracht hat: Uri Geller, Mentalmagier, Löffelverbieger, TV-Star. „Es ist ein Beitrag zum Frieden. Es liegt eine Energie in diesem Ereignis, die über die Kraft der Musik hinausgeht.“ Er sitzt in einem Café in Jaffa, trinkt eiskaltes Wasser. Erst vor drei Jahren ist Geller nach 48 Jahren im Ausland zurückgezogen in seine Geburtsstadt, wo er 1946 zur Welt kam. Warum die Rückkehr? „Jeder Israeli, der Israel je verlässt, trägt in seinem Herzen den Wunsch, eines Tages zurückzukommen.“ Also verließ er seine 23-Zimmer-Villa in London. Nun wohnt er mit seiner Frau Hanna mitten im alten Jaffa.

„In Tel Aviv liegt eine starke Energie in der Luft, ein seltsamer, uralter Buzz“: Der israelische Illusionist und Löffel-Verbieger Uri Geller. Quelle: dpa

„Es ist mein Land, ich habe dafür gekämpft“, sagt er. Die große Narbe an seinem linken Arm stammt von einer Verletzung als Fallschirmjäger im Sechstagekrieg 1967. „In Tel Aviv liegt eine starke Energie in der Luft, ein seltsamer, uralter Buzz.“ Oder wie Theodor Herzl 1898 über Jaffa schrieb, der Urheber der Utopie eines modernen jüdischen Staates: „Armut, Schmerz und Chaos, alles in wunderbaren Farben“.

Tausende Polizisten im Einsatz

Das aktuelle Chaos in wunderbaren Farben, der ESC, wird unauffällig geschützt von 8000 zusätzlichen Polizisten. „Es gibt keine konkrete Drohung, aber wir kennen die Dynamik in dieser Region“, sagt Polizeisprecher Micky Rosenfeld. „Es kann nicht sein, dass sie feiern und Spaß haben, während wir leiden“, wird ein Hamas-Sprecher zitiert. Israels Raketenabwehrsystem und das Home Front Command schützen auch den Großraum Tel Aviv. „Wir sind auf jedes Szenario vorbereitet“, sagt TV-Produzentin Tali Eshkoli. Sie wissen hier, wie das geht: Sicherheit herstellen.

Hohe Sicherheitsstufe: Israelische Polizisten durchstreifen die Straßen der Stadt. Quelle: dpa

Die Europäische Rundfunkunion würde die Politik gern vor der Tür lassen. Man ergeht sich routiniert in pathetischen Friedensappellen. „Dare To Dream“ heißt das Motto des ESC 2019 – wage es, zu träumen. Doch die Raketenbedrohung gefährdet die Illusion von einem politikfreien Völkerfest. Mehr noch: Die Bewegung BDS (Boykott, Deinvestitionen und Sanktionen) forderte, den ESC im „Unterdrückerstaat“ Israel zu boykottieren. Pink-Floyd-Frontmann Roger Waters und 50 weitere Popstars schlossen sich an. Dann folgte die Gegenbewegung: Mehr als 100 Künstler, darunter Marina Abramovic, Stephen Fry und Sharon Osbourne, solidarisierten sich mit dem ESC. Er sei „ein wichtiger Faktor zur Überwindung kultureller Differenzen“. Die israelische Cyperabwehr spürte ein angeblich palästinensisches Bot-Netzwerk auf, das bei Twitter und Facebook mit gefälschten Konten einen Boykott befeuerte.

„Wir erhoffen uns vom ESC eine Langzeitwirkung“, sagt Diklah Cohen Sheinfeld vom Tourismusministerium. Man will sich als Ort für Großereignisse ins Gespräch bringen. Olympia in Tel Aviv? Warum nicht? „Es ist wie ein zweites Barcelona auf der anderen Mittelmeerseite“, sagt ein Hotelbesitzer. Aber die Hoteliers haben es überrissen. Die Preise explodierten. Nur etwa 10 000 von 30 000 erwarteten ESC-Touristen kamen tatsächlich.

Es ist, als sei die Stadt für den ESC gebaut worden

Kein Wunsch ist in Tel Aviv so verbreitet wie der am schwersten erfüllbare: eine normale Stadt zu sein. Am Ende müsse man die Realität akzeptieren, sagt Molcho. „Man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Israel ist ein Faktum. Aber die Vorstellungen der Palästinenser sind unrealistisch. Und diese unrealistischen Ideen werden künstlich am Leben erhalten.“

Israel wird konservativer. Und es ist, als kämpften sie unter den bunten Fahnen am Strand von Tel Aviv tanzend dagegen an. Die Sonne ist untergegangen. Die dunklen Silhouetten der Tänzer zucken in der Dämmerung. Es ist, als sei diese Stadt für den ESC gebaut worden.

1973 nahm die junge Nation Israel erstmals teil – als erster Staat außerhalb des geografischen Europa, die Europäische Rundfunkunion (EBU) macht’s möglich. Sängerin Ilanit, damals 25, sang hingebungsvoll „Ey Sham“ (Irgendwo) – und trug eine schusssichere Weste unter ihrem bunten Poncho. Sieben Monate zuvor hatten palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München elf israelische Sportler getötet. Den ESC-Zuschauern war es verboten, von ihren Sitzen aufzustehen. Scharfschützengefahr. Ilanit wurde Vierte. Heute wird sie im ESC-Finale auftreten, 46 Jahre danach.

Ilanit trat 1973 als erste Sängerin für Israel an

Viermal gewann Israel den ESC bisher, zuletzt 1998, als die transsexuelle Ikone Dana International mit „Diva“ siegte. Zehntausende bejubelten sie damals auf exakt dem Platz, wo drei Jahre zuvor ein rechtsextremer und fanatisch religiöser Jurastudent Israels Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin auf dem Weg vom Parkplatz zum Redepult erschossen hatte. „Die Eurovision ist sehr wichtig für Israel, um dem Land ein anderes Profil zu geben“, sagt Samy Molcho. Das Land tut viel, damit die Welt Tel Aviv nicht als Festung erlebt. Es gibt hier mehr als Raketen und Religion. Aber es ist eine Party mit gebremstem Schaum.

Mehr lesen:
Tüll Aviv – das ESC-Tagebuch auf Israel

Von Imre Grimm

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