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Panorama Drei Schluchten-Damm in China macht neue Probleme
Mehr Welt Panorama Drei Schluchten-Damm in China macht neue Probleme
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11:21 19.05.2011
Das gigantische Bauwerk am Yangste-Strom in China bereitet neue Probleme. Quelle: dpa (Archiv)
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Fünf Jahre nach der Fertigstellung des umstrittenen Drei Schluchten-Dammes in China bereitet das weltweit größte Wasserkraftwerk neue Kopfschmerzen. Regierungschef Wen Jiabao berief in Peking eigens eine Kabinettssitzung ein, um die Probleme zu lösen. Es geht um notwendige neue Umsiedlungen, geologische Gefahren und den Schutz der Ökologie. Der große Damm, der den Jangtse-Strom in Zentralchina staut, „beeinflusst weiter flussabwärts die Schifffahrt, die Bewässerung und Wasserversorgung“, wird offen eingeräumt.

Am 20. Mai 2006 wurde der letzte Beton in die 185 Meter hohe Staumauer gegossen. Da es auch in der Regierung kritische Stimmen zu dem Damm gibt, war damals kein Mitglied der kommunistischen Führung zur Feier gereist. Besonders viel Unmut hatte über die Jahre schon die nötige Umsiedlung ausgelöst. 1,2 Millionen Menschen mussten für das 600 Kilometer lange Reservoir ihre Felder und Heimat verlassen. 13 große und 140 kleinere Städte sowie 1350 Dörfer wurden überflutet.

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Einige chinesische Experten geben dem Stausee eine Mitschuld für die verheerende Trockenheit am unteren Flusslauf. Befürworter des Dammes wiederum entgegnen, die Auswirkungen hätten gemildert werden können, indem zusätzlich Wasser aus dem riesigen Reservoir abgelassen wurde. Die überraschende Kabinettssitzung am Mittwoch verdeutlicht aber die Sorgen, dass das Mammutprojekt das ökologische Gleichgewicht in der Region möglicherweise dramatisch durcheinandergebracht hat.

Kritiker sehen ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. „Das Projekt hat große negative Auswirkungen mit sich gebracht, sei es ökologisch, geologisch oder auch sozial, was die Umsiedlung der Menschen betrifft“, sagte der Chefingenieur des Geologischen Amtes der Provinz Sichuan, Fan Xiao, der Nachrichtenagentur dpa. „Auch wenn es einige Vorteile durch die Stromerzeugung gibt, richtet das Projekt nach unserer Einschätzung langfristig mehr Schaden an.“

Vor gut einem Jahr wurde angekündigt, dass weitere 300 000 Menschen umgesiedelt werden müssten, um einen Schutzgürtel zu schaffen. Ein Grund sind die unerwartet häufigen Erdrutsche, weil der ständig wechselnde Wasserstand die Ufer aufweicht. Viele Menschen sind auf höheren Hängen angesiedelt worden, wo die Böden aber nicht so fruchtbar sind und die Erosion stark ist. Die Folgekosten kann niemand genau beziffern, sie gehen aber in die Milliarden.

Das Jahrhundertbeben in Japan weckte Sorgen, ob so etwas auch am Jangtse passieren könnte. „Es ist nahezu unmöglich, dass es an den Drei Schluchten ein Beben der Stärke 9 wie in Japan gibt“, sagt der Experte Fan Xiao und begründet das mit den unterschiedlichen geologischen Strukturen. Ein schwächeres, aber immer noch starkes Erdbeben lasse sich aber nicht ausschließen. Immerhin dürfte der Damm selbst bei einem Beben der Stärke 6 oder 7 nicht ernsthaft beschädigt werden. Die wahre Gefahr sei aber das labile und gefährdete Reservoirgebiet, wo es bei einem Beben massive Erdrutsche mit schweren Folgen geben könnte.

Ungelöst ist auch die Wasserverschmutzung. Da die Fließgeschwindigkeit von dem Damm stark gebremst wurde, ist das chemische Gleichgewicht gestört. Tonnenweise muss Müll aus dem Reservoir gefischt werden. Ob der Damm wirklich, wie einst großspurig verkündet, die Überschwemmungen am mittleren und unteren Lauf des Jangtse verhindern kann, ist heute umstritten. Experten schätzen die Möglichkeiten zur Flutkontrolle als sehr begrenzt ein, weil auch das Volumen des Reservoirs letztlich begrenzt sei.

Obwohl der Damm auch die Navigation verbessern sollte, hat sich das riesige Schiffshebewerk zum Flaschenhals entwickelt. Die Schiffe müssen lange warten. Nur gut die Hälfte der ursprünglich beabsichtigten Tonnage kann abgewickelt werden.

Auch die Kosten schießen weiter in die Höhe. Offiziell wurden die Baukosten mit 180 Milliarden Yuan, knapp 20 Milliarden Euro, angegeben. Westliche Experten schätzen das Doppelte, chinesische Kritiker das Dreifache. Es wird befürchtet, dass ein Zehntel des Geldes für die Umsiedlung in korrupten Kanälen versickert ist.

dpa