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Panorama Doppelmord in Bodenfelde: Der Tatverdächtige Jan O.
Mehr Welt Panorama Doppelmord in Bodenfelde: Der Tatverdächtige Jan O.
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15:02 25.11.2010
Mit diesem Bild suchte Jan O. (rechts) im Internet die Bekanntschaft meist minderjähriger Mädchen.
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Ein „Kleinkrimineller“ sei er bisher gewesen, eher der Typ des „Eierdiebs“, heißt es in Polizeikreisen über die lange kriminelle Karriere des Jan O. Andere sprechen vom „Herumgereichten“. Von einem jungen Mann, der, aus zerrütteten Familienverhältnissen herausgerissen, auch in Erziehungsheimen keinen Halt fand. Seine Fähigkeit zur Grausamkeit, die psychische Perversion einer enthemmten Mordlust indes hatte niemand erahnt: In Bodenfelde hat der 26-Jährige vergangene Woche zwei Kinder ermordet und sie dabei furchtbar zugerichtet, so die Polizei. Eine Bluttat, die Jan O. sogar prahlerisch auf der Internetplattform Facebook mitteilt: „Gestern Mädchen geschlachtet. Jeden Tag eins bis mich erwischen“, trägt O. am 17. November in legasthenischem Deutsch ein. Am Mittwoch hat Facebook die Seite gesperrt. Auch die Polizei revidiert nun ihr Urteil: O. sei ein psychisch Kranker mit dem Potenzial zum Serienmörder, heißt es am Mittwoch.

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Zu minderjährigen Mädchen fühlt sich Jan O. schon seit einiger Zeit hingezogen. Im Internet bei „Netlog“ kennt er fast nur junge Frauen im Teenageralter: 19 von 20 Profilen stammen beim Flirttreff von eben solchen weiblichen Chat-Partnern. Der mutmaßliche Doppelmörder hat hier ein Bild von sich hochgeladen, das viel über ihn aussagt. Es zeigt den jungen Mann in lässiger Pose, drei Finger der Hand ausgestreckt; er trägt eine schwere schwarze Lederjacke, einen Arm hat er auf dem Bild lässig über die Schulter eines Freundes gelegt. Der Eindruck, den er vermitteln will: ein selbstsicherer Halbstarker auf Frauensuche.

Das schreibt er auch in sein Profil: „Sucht: nach Freundschaft, Beziehung“ ist da zu lesen. Und „Ich stehe auf Weiblich“. Im Juni 2009 hinterlässt er in mangelhafter Rechtschreibung morgens um 4.40 Uhr einen Eintrag: „welches girly will mehr als nur quwatschen“. Später: „suche girls swischen 10 und 14“. Im Juli 2010 dann: „hatt ein girly zwischen 10 und 16 intresse hat zu chaten und vieleicht mehr bitte melden“.

Teenager tummeln sich auch gerne auf der Plattform von knuddels.de. Dort ist O. unter dem großspurigen Namen „king@jany“ dabei. In das Gästebuch einer erst 14-Jährigen schreibt er vor vier Monaten: „echt hübsch!“ Weitere Spuren hinterlässt er im Forum, wo er mit derb-vulgären Worten nach Sexpartnern sucht sowie als Beruf „stolzer arbeitslohser“ angibt.

Letzteres prägte sein Dasein seit zehn Jahren. Damals, im Frühsommer 2000, verlässt er die Pestalozzi-Sonderschule in Rotenburg an der Wümme. Eine Berufsausbildung absolviert er nicht; er lebt, lediglich gestützt von Hartz IV, in den Tag hinein. Halt hatte O. nie gefunden. Er wird in Uelzen geboren und wächst in eine zerrüttete Beziehung hinein. Vater und Mutter streiten sich fortwährend, der kleine Jan steht immer dazwischen. Seit der zweiten Klasse habe es Ärger mit ihm gegeben, räumt Vater Klaus O. am Mittwoch ein. Irgendwann wird die Ehe geschieden, das Jugendamt nimmt ihn aus der Familie heraus und bringt ihn bei der Großmutter unter. Aber auch die wird mit dem komplizierten Enkel nicht fertig. Mit 14 Jahren kommt er in ein Erziehungsheim. Die disziplinarischen Schwierigkeiten bleiben; er wird von Heim zu Heim gereicht, ohne dass jemand den Teenager wirklich in den Griff bekommt.

Mit Polizei und Justiz kommt der jugendliche O. früh in Kontakt: Er stiehlt Fahrräder, Mofas und anderes mehr, wenn ihm etwa nach einer Spitztour ist. Später kommen Alkohol- und Drogenkonsum hinzu. Er wird wegen Diebstählen und Rauschgiftbesitzes mehrfach verurteilt, muss in den Jugendarrest oder Sozialstunden ableisten. Gewalttaten aber verübt Jan O. nie.

2006 schließlich sitzt er erneut auf der Anklagebank des Amtsgerichts Uelzen: 40 Diebstähle hält ihm die Staatsanwaltschaft vor, begangen im „rauschhaften Zustand“, also unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Das Urteil: zwei Jahre und neun Monate. Nach der vorzeitigen Haftentlassung auf Bewährung muss O. die sogenannte „Führungsaufsicht“ akzeptieren. Es wird die Unterbringung in die geschlossene Drogentherapieeinrichtung „Neues Land“ in Amelith bei Bodenfelde angeordnet. O. schafft den Drogenentzug und scheint endlich Boden unter den Füßen zu finden. Anfang dieses Jahres ist der junge Mann nach Einschätzung seiner Betreuer „ausreichend stabilisiert“; er darf sich eine eigene Wohnung suchen und findet diese im nahen Uslar. Er erhält die Auflage, sich regelmäßig beim Bewährungshelfer einzufinden und sich fortwährend einer Drogenkontrolle zu unterziehen.

Die Einschätzung indes, dass Jan O. es endlich allein schafft, ist falsch. Recht bald ermittelt die Polizei wieder wegen diverser Mofa- und Fahrraddiebstähle gegen ihn. In Bodenfelde soll er zudem einen Schuppen in Brand gesetzt haben – offenbar aber eher fahrlässig als vorsätzlich, wie die Ermittlungen der Polizei ergeben. Auch verfällt er erneut dem Alkohol. Im Oktober setzt ihn sein Bewährungshelfer auf die Warteliste für einen Platz in einer Alkoholentziehungskur. Eine erneute Einweisung in die geschlossene Abteilung der Einrichtung in Amelith ist juristisch nicht möglich. O. hat einen festen Wohnsitz; Fluchtgefahr kann man dem 26-Jährigen auch nicht nachweisen.

Ein Geständnis hat der 26-Jährige am Mittwoch nicht abgelegt, doch Vater Klaus O., der seinen Sohn nach eigenen Worten seit 2005 nicht gesehen hat, war sich am Mittwoch sicher: „Ja, ich kann mir vorstellen, dass es Jan war.“

Marcus Schwarze, Andreas Fuhrmann, Alexander Dahl

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