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Panorama Die verbotene Liebe der Arzu Ö.
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14:23 17.01.2012
Von Thorsten Fuchs
Foto: Vor der Bäckerei in Detmold, in der die 18-jährige Arzu Ö gearbeitet hat, haben Trauernde Kerzen und Blumen niedergelegt.
Vor der Bäckerei in Detmold, in der die 18-jährige Arzu Ö gearbeitet hat, haben Trauernde Kerzen und Blumen niedergelegt. Quelle: dpa
Hannover

Wahrscheinlich hat sie es einfach nicht mehr ausgehalten. Wollte es nicht hinnehmen, dass sie den Mann, den sie liebt, nicht sehen darf. Und so fährt die 18-jährige Arzu Ö. am letzten Oktobertag des Jahres 2011 in die Talstraße in Detmold, zur Wohnung ihres Freundes Alexander. Sie wusste, dass ihre Familie nach ihr sucht. Aber dieses eine Mal, mag sie gedacht haben, dieses eine Mal wird es doch wohl einfach gut gehen.

Jemand muss sie gesehen haben. In der Nacht, gegen 1.30 Uhr, drängen sich fünf Menschen in die Wohnung. Sie bedrohen Alexander K. mit einer Waffe und brechen ihm einen Finger. Arzu, seine Freundin, nehmen sie mit.

Zweieinhalb Monate lang fehlt von der jungen Frau jede Spur. Dann, am vergangenen Freitag, findet der Platzwart des Golfclubs Großensee im Kreis Stormarn, östlich von Hamburg, im Gebüsch eine Leiche. Noch fehlen die Ergebnisse eines DNA-Tests. Aber es handelt sich, daran hegt auch die Polizei keinen ernsthaften Zweifel, um Arzu Ö. Und wenn sich nun auch noch die weiteren Vermutungen der Ermittler bestätigen, dann waren es ihre eigenen Geschwister, die Arzu Ö. zunächst entführt und dann getötet haben.

Es war offenbar der Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, der Arzu zum Verhängnis wurde. Die Realschülerin jobbte in einer Bäckerei. Dort lernte sie im Sommer 2011 den zwei Jahre älteren Alexander kennen, einen Bäckergesellen. Als sie sich ineinander verliebten, versuchten sie, dies geheim zu halten. „Sie turtelten heimlich. Wir sollten nichts mitbekommen“, sagte die Chefin der Bäckerei später der „Lippischen Landeszeitung“. Aber die Geheimhaltung funktionierte nicht. Nicht im Betrieb, und auch sonst nicht.

Arzu Ö.s Familie stammt aus der Türkei. Sie sind Kurden jesidischen Glaubens, Anhänger einer Religion also, die vor allem unter Kurden im Irak, Syrien und eben der Türkei verbreitet ist. Das Jesidentum ist eine sehr alte Religion, ihre Anhänger werden in ihren Herkunftsländern häufig verfolgt. Insbesondere in einem Punkt jedoch kennen auch die Jesiden wenig Toleranz: Liebesbeziehungen über die Grenzen der Religion hinweg sind verboten. Geheiratet werden darf nur innerhalb der jesidischen Gemeinschaft.

Über diese Regel hat sich Arzu Ö. hinweggesetzt. Ihr Freund ist kein Jeside. Ende August nimmt die Polizei einen Fall „häuslicher Gewalt“ zu den Akten: Gegenüber den Beamten sagt Arzu Ö. aus, vom Vater und einem Bruder verprügelt worden zu sein. Angeblich versucht der Vater in dieser Zeit bereits, in der Türkei für seine Tochter einen Bräutigam zu finden. Arzu Ö. jedoch will sich dem Willen ihrer Familie nicht beugen. Sie flieht ins Frauenhaus, schneidet die schwarzen Haare ab und trägt fortan Blond.

Ihre Geschwister stellen ihr nach. „Die Familie hat intensiv nach der Tochter gesucht“, sagt Jürgen Heinz, Leiter der Sonderkommission „Talstraße“. Arzu Ö. jedoch hält sich versteckt. „Und geh’ nicht zu deinem Freund“, schärfen ihre Unterstützerinnen ihr ein. Aber daran konnte sie sich wohl nicht halten.

Der Fall erinnert auf bedrückende Weise an eine Tat, die sich Anfang Dezember im niedersächsischen Stolzenau in der Nähe von Nienburg zutrug: Damals wurde die 13-jährige Souzan B. auf offener Straße von ihrem Vater erschossen. Zwischen beiden Fällen gibt es einen gravierenden Unterschied: Bei Souzan B. ging es nicht um verbotene Liebe, sie hatte keinen Freund. Daneben gibt es jedoch auffällig Parallelen: Auch Souzan B. war vor ihrer Familie geflüchtet – das Jugendamt hatte sie daraufhin an einem geheimen Ort untergebracht. Auch Souzan B. rebellierte gegen die konservative Ordnung in ihrer Familie – sie sollte im Haushalt helfen, statt sich mit Freundinnen zu treffen und Judo zu lernen. Beide Väter reagierten mit Schlägen auf die Bestrebungen ihrer Töchter. Und: In beiden Fällen handelt es sich um traditionelle, strenggläubige jesidische Familien – obwohl in ganz Deutschland geschätzt gerade mal rund 40.000 Jesiden leben.

Zufall? Oder gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser als besonders friedlich geltenden Religion und solchen Verbrechen, mit denen vor allem Männer meinen, eine mysteriöse verletzte Ehre wiederherstellen zu können?

Nein, sagt der Religionswissenschaftler Professor
Peter Antes von der Leibniz Universität Hannover: „Ehrenmorde haben mit der Religion nichts zu tun.“ Die Idee des Ehrenmords sei älter als alle Religionen, erklärt Dietrich Oberwittler vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. Oberwittler hat die rund 120 sogenannten Ehrenmorde untersucht, die sich zwischen 1996 und 2005 in Deutschland ereignet haben. Ehrenmorde gebe es sowohl bei Muslimen als auch zum Beispiel bei Christen aus Syrien oder eben Jesiden – und bei Letzteren nicht auffallend häufiger als in anderen Gruppen. Das Problem sei nicht der Glaube, „sondern eine auf archaischen Stammestraditionen basierende Selbstjustiz“. Entscheidend sei, wie sich die Religionsvertreter zu solchen Traditionen stellen. Nach dem Mord an Souzan B. hatten sich die offiziellen Vertreter der Jesiden von Ehrenmorden entschieden distanziert. Am Rande der Beerdigung des Mädchens in Hannover berichteten Vertreterinnen einer kurdischen Fraueninitiative jedoch, dass insbesondere einige ältere Männer hinter vorgehaltener Hand durchaus Verständnis für die Tat des Vaters aufbrächten.

In einem Punkt ist der Fall Arzu Ö. auffallend untypisch: Normalerweise sind die Täter bei Ehrenmorden laut Oberwittler bildungsfern und schlecht integriert. Von den Ö.s lässt sich genau dies aber nicht behaupten: Die Familie lebt seit 25 Jahren in Deutschland. Die fünf Geschwister, die die Polizei verdächtigt, vier Brüder und eine Schwester Arzu Ö.s, hatten alle eine Ausbildung absolviert und feste Arbeit – die Schwester bei der Stadtverwaltung.

Alle fünf sitzen bereits seit einigen
Wochen in Untersuchungshaft. Bislang schweigen sie. Ein Bruder räumte lediglich ein, man habe Arzu „den Kopf waschen“ wollen. Die Polizei glaubt jedoch nicht an ein solch harmloses Vorhaben – sie ermittelt wegen „Geiselnahme mit Todesfolge“.