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Panorama Die späte Befreiung des Brockens
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19:00 01.12.2009
Am 3. Dezember 1989 standen 800 Menschen an der Stelle unterhalb des Brockenplateaus und forderten lautstark die Öffnung des Tores und damit Zugang zum damaligen militärischen Sperrgebiet.
Am 3. Dezember 1989 standen 800 Menschen an der Stelle unterhalb des Brockenplateaus und forderten lautstark die Öffnung des Tores und damit Zugang zum damaligen militärischen Sperrgebiet. Quelle: ddp (Archiv)
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Am 3. Dezember 1989 brechen in Ilsenburg und Schierke im Ostharz knapp 1000 Menschen zu einer Wanderung auf. Es ist Sonntag, der erste Advent, und Bilderbuchwetter. Die Wanderer stapfen bei strahlend blauem Himmel durch den Schnee. Alle gehen in die gleiche Richtung. Einige tragen Transparente. Darauf ist zu lesen: „Freier Brocken, freie Bürger.“ Die Massenwanderung durch den Winterwald ist ein Protestmarsch, das Ziel der Demonstranten: Wanderfreiheit. Sie wollen endlich wieder auf den Brocken.

Seit 1961 ist der höchste Berg Norddeutschlands militärisches Sperrgebiet, sowohl Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR als auch der Sowjetarmee sind hier stationiert. Für Zivilisten ist das Plateau gesperrt. An diesem Dezembertag fällt auch diese Mauer: Mit ihrem Massenansturm erzwingen die Wanderer die Öffnung des Sperrzaunes – ab 12.50 Uhr ist der Weg zum Gipfel frei.

Am Donnerstag werden wieder viele Wanderer auf den Gipfel kommen, um den 20. Jahrestag der „Brockenbefreiung“ zu feiern. Zum Jubiläum wird auch Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht erwartet. Die Zweigvereine des Harzklubs bieten geführte Wanderungen an. Ausgangspunkte sind Ilsenburg, Oderbrück, Schierke, Torfhaus und der Ehrenfriedhof zwischen Torfhaus und Oderbrück. Wanderer können an diesem Tag einen Sonderstempel erwerben. Im Brockenhaus ist außerdem die Sonderausstellung „20 Jahre freier Brocken“ zu sehen. Sie zeigt zahlreiche historische Fotos, die die Entwicklung des Brockens von der militärischen Festung der letzten Tage der DDR zum zentralen Anlaufpunkt für den Nationalpark Harz dokumentieren.

Zu der Demonstration vor 20 Jahren hatte die DDR-Bürgerbewegung Neues Forum aufgerufen. Die Erstürmung des Brocken hatte eine besondere symbolische und politische Bedeutung: So ist der mythen- und sagenumwobene Berg einer der wichtigsten Handlungsorte in Goethes „Faust“. Heinrich Heine brachte die besondere Faszination des Berges auf den Punkt: „Der Brocken ist ein Deutscher.“

Bei guter Fernsicht – die es angesichts von 300 Nebeltagen im Jahr jedoch nur selten gibt – bietet sich eine grandiose Aussicht über das weitere Harzvorland bis hin zum Thüringer Wald. Ausgerechnet dieser deutscheste der deutschen Berge war während des kalten Krieges zum westlichsten Vorposten Moskaus geworden. Hier stand nicht nur der höchste Wachturm der DDR-Grenztruppen, sondern hier befanden sich auch die Horchposten und Radaranlagen, mit denen die Spionageeinheiten der sowjetischen Armee und der Staatssicherheit der DDR den Funk- und Telefonverkehr in der Bundesrepublik belauschten.

Inzwischen ist die 3,60 Meter hohe und mehrere Kilometer lange Betonmauer, hinter der sich die Militärs auf dem Plateau verbarrikadiert hatten, ist abgerissen. Im März 1994 zogen die letzten russischen Soldaten ab. Nach der „Wiedereroberung“ des Brocken gab es indes ein neues Problem: Die in Massen auf den Berg strömenden Besucher hinterließen jede Menge Müll und Fäkalien. Naturschützer sorgten sich um die Hochmoore und die empfindliche subalpine Vegetation. Bereits im Januar 1990 stellte der Kreis Wernigerode zwei „Ranger“ ein, die die Besucher zu einem umweltfreundlicheren Verhalten anhalten sollten. Zwei Tage vor der Wiedervereinigung wurde der Brocken unter besonderen Schutz gestellt: Am 1. Oktober 1990 beschloss die letzte DDR-Regierung die Einrichtung des Nationalparks Hochharz, der dann im Januar 2006 mit westlichen Nationalpark Harz fusionierte.

Immer wieder kommt es auch zu Unfällen, in den vergangenen zwei Jahrzehnten gab es sogar über 20 Todesfälle. Vor allem Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen sollten die gesundheitliche Belastung durch die Höhenunterschiede nicht unterschätzen, meint Klaus-Rainer Sittka von der Bergwacht in Wernigerode. Der Brocken ist wieder ein freier Berg – aber oft auch ein unwirtlicher.

von Heidi Niemann