Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Die Ölpest ist Barack Obamas Katrina
Mehr Welt Panorama Die Ölpest ist Barack Obamas Katrina
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:12 28.05.2010
Die Ölindustrie hat sich selbst reguliert – die Ergebnisse sind entsprechend: Ein Arbeiter kämpft an der US-Südküste gegen die Ölpest.
Die Ölindustrie hat sich selbst reguliert – die Ergebnisse sind entsprechend: Ein Arbeiter kämpft an der US-Südküste gegen die Ölpest. Quelle: ap
Anzeige

„Daddy, hast du das Loch schon gestopft?“ Mit dieser Frage, die ihm seine Tochter Malia schon vor dem Frühstück stellte, hat Barack Obama am Ende seiner jüngsten Pressekonferenz beschrieben, wie sehr ihm die Lage am Golf von Mexiko persönlich zusetzt. Am Freitag besuchte der Präsident nach knapp einem Monat die Krisenregion zum zweiten Mal. Er flog an den Strand der am meisten betroffenen Insel Grand Isle südwestlich von New Orleans, um die dort gelegten Ölsperren zu besichtigen.

Tausende Fischer bangen an der US-Golfküste um ihre Existenz, Louisianas Gouverneur Bobby Jindal sieht schon den „Way of Life“, den ganz eigenen Lebensstil des Südens, vor dem Aus. Nie war die Sehnsucht nach einem Hoffnungsschimmer in dem nun schon fünfwöchigen Öldrama größer. Doch kaum jemand dürfte glücklicher über einen guten Ausgang sein als US-Präsident Obama. Täglich steigt der Druck auf seine Regierung, im zähen Kampf gegen das Öl endlich das Heft selbst in die Hand zu nehmen – und den BP-Konzern, der die Operationen ausführt, an die Seite zu drängen.

Seine Visite auf Grand Isle sollte für positive Bilder sorgen. Doch die Nachrichten des Tages waren widersprüchlich. Entgegen anderslautenden Meldungen vom Vortag war BP am Freitag immer noch nicht sicher, ob der Versuch, das Bohrloch mit riesigen Mengen von Spezialschlamm zu stopfen, erfolgreich war. Dazu sollte zusätzlich Gummimaterial aus Altreifen und Golfbällen ins Leck gepumpt werden. BP-Chef Tony Hayward bezifferte gegenüber dem Fernsehsender CBS die Erfolgschancen mit 60 bis 70 Prozent. Der Ölkonzern musste einräumen, dass die Aktion zwischenzeitlich für mehrere Stunden angehalten worden war, um nicht zu riskieren, dass das Leck weiter vergrößert wurde. Nach Angaben von Admiral Thad Allen, dem Chef des staatlichen Krisenstabs, schien der Ölausfluss gestoppt worden zu sein.

Doch zuvor gab es eine neue Hiobsbotschaft. Experten, die Videoaufnahmen vom Bohrloch auswerteten, halten die austretende Ölmenge für viermal größer als bisher angenommen. Demnach fließen täglich mehr als drei Millionen Liter aus. Damit hat die Katastrophe das größte Ölunglück der USA, die Havarie des Tankers „Exxon Valdez“ vor der Küste Alaskas 1989, bereits übertroffen.

Barack Obama konterte diese bedrückende Botschaft mit neuen Beschlüssen. So sollen alle weiteren Genehmigungen für Tiefseebohrungen vor der US-Küste gestoppt werden. Auch 33 bereits erlaubte Erkundungsbohrungen müssen für mindestens ein halbes Jahr ausgesetzt werden. Der Präsident betonte einerseits, dass die Regierung den nötigen Druck auf BP ausübe. „Als das Unternehmen beispielsweise sagte, dass man eine Entlastungsbohrung plane, haben wir eine Reserve verlangt und es angewiesen, gleich zwei Bohrungen anzusetzen“, sagte Obama.

Andererseits beharrte er darauf, dass BP allein die technische Expertise besitze, um das Öl zu bekämpfen. „Die Bundesregierung hat keine bessere Ausrüstung, wenn es darum geht, das Leck zu stopfen“, sagte der Präsident. Obama kritisierte erneut „die skandalös enge Beziehung der zuständigen Regulierungsbehörde zur Ölindustrie.“ Dass dieses Problem nach seinem Amtsantritt nicht schneller angegangen wurde, sei auch sein Fehler gewesen. Er betonte aber, dass er vom ersten Tag an den Ereignissen am Golf Priorität eingeräumt habe: „Ich habe mehr Unterrichtungen zu diesem Thema erhalten als zu jedem anderen Problem seit der Ausarbeitung der neuen Afghanistan-Strategie.“

In der Öffentlichkeit steht Obama dennoch erheblich unter Druck. Nach einer Umfrage der Tageszeitung „USA Today“ halten 53 Prozent der Amerikaner Obamas Krisenstrategie für schlecht oder sehr schlecht. Republikaner wie George W. Bushs ehemaliger Chefstratege Karl Rove, die einst Obamas zögerliche Haltung zu neuen Bohrungen vor der Küste kritisierten, versuchen ihm nun die Krise anzuheften. „Ja, die Ölpest im Golf ist Obamas Katrina“, war jetzt, in Anspielung auf den Hurrikan des Jahres 2005, ein Kommentar im „Wall Street Journal“ betitelt – der freilich von Karl Rove stammte, dem Architekten und „Hirn“ der Politik von US-Präsident George W. Bush. „Obama hat zwölf Tage gebraucht, bevor er in der Region aufgetaucht ist. George W. Bush haben die Demokraten kritisiert, weil er vier Tage wartete.“ Nichts käme den Konservativen gelegener, als Obama in den nächsten Monaten weiter in die Defensive zu treiben. Denn im November stehen wichtige Kongresswahlen an, in den kommenden Wochen geht der Wahlkampf in die heiße Phase, und Obamas Umfragewerte haben bereits schwer gelitten.

Für linke Kommentatoren, denen Obamas Kurs in der Umwelt- und Energie­politik schon lange zu zögerlich ist, erscheint die Katastrophe im Golf von Mexiko hingegen als Beweis für übertriebene Deregulierung. „Die Wahrheit ist doch, dass wir den Staat geschwächt und dem Privatsektor die Verantwortung übergeben haben“, schreibt der Kolumnist E.  J. Dionne in der „Washington Post“: „Die Industrie wird das Allgemeinwohl nie als ihre erste Aufgabe sehen. Unterm Strich ist der Ölschlamm im Golf ein Ergebnis unserer eigenen Widersprüche.“

Kein Wunder, dass Obama gestern abermals in die Küstenregion flog. Kein Wunder, dass er zuvor seine Pläne für eine schärfere Überwachung von Ölbohrungen mitsamt der Industrie bekannt gegeben hat – womit er bei Umweltschutzverbänden erstmals seit Langem wieder ein positives Echo gefunden hat. „Die Industrie hatte bislang eine solche Macht, dass sie sich faktisch selbst regulierte“, sagte der Präsident. „Die Ölpest hat gezeigt, wie sehr Reformen nötig sind.“

Andreas Geldner
 und Frank Brandmaier

Mehr zum Thema

Die Operation "Top Kill" hatte bislang noch keinen Erfolg: Die Ölquelle im Golf von Mexiko ist noch immer nicht dicht, der Konzern BP hält die US-Regierung hin. Erst am Wochenende soll sich zeigen, ob das Unglücks-Bohrloch trotz des Einpumpens von Schlamm weiter sprudelt.

28.05.2010

Der jüngste Versuch zu Abdichtung des Öllecks im Golf von Mexiko verläuft nach Angaben des Ölkonzerns BP bislang nach Plan.

27.05.2010
Politik Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko - Ölpest bedroht Fischer vor der Küste Louisianas

Auf den Inseln vor der Küste Louisianas hat der klebrige Öl-Albtraum gerade erst begonnen: Die Fischer fürchten um ihr kleines Paradies.

26.05.2010