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Panorama Die Gezähmten: Warum Männer nicht wissen, wer sie sein sollen
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20:50 23.03.2019
Kerl mit klarer Kante oder Mädchen für alles? Viele Männer denken, sie müssten beides sein – und geraten dabei in kindlich anmutende Selbstzweifel. Quelle: Ramana Venkat/iStock
Köln

Viele deutsche Männer haben kein klares Rollenbild mehr. Im Fußball werden sie im Erfolgsfall von den Medien bejubelt, aber im normalen Alltag überwiegt der kritische Selbst- oder Fremdblick. Dann werden sie als die „Herren der Erschöpfung“ tituliert, und die Krise des modernen Mannes wird beschworen. Vor allem im Kontrast mit den jungen migrantischen Männern oder den gerade ins Land gekommenen Flüchtlingen gelten sie als durchsetzungsschwache Weicheier.

Die #Metoo-Kampagne rückt dagegen in den Blick, dass Männer immer noch Dinosaurier sind, Alphatiere, die machtbesessen, despotisch und auf ihren persönlichen Lustgewinn fixiert sind. Auch die tiefenpsychologische Männerstudie des Rheingold-Instituts ergibt ein gespaltenes Bild.

Selbstbewusst im Büro, unsicher zuhause

Beim Thema Arbeit und Beruf zeigen sich die meisten Männer sicher und selbstbewusst. Im Büro finden sie ein klares Regelwerk und eine feste Machtbasis. Hier agieren sie selbstsicher und gewinnend – mitunter auch übergriffig.

Zu Hause, in ihrem familiären Kontext, kippen sie aus dieser Funktionspotenz allerdings meist in eine Privatinsolvenz: Wenn sie über ihr Beziehungsleben sprechen, wirken selbst viele beruflich erfolgreiche Männer auf einmal unsicher, kleinmütig, überfordert und orientierungslos.

Klassisches Männerbild in Misskredit

Die Männer wissen oft nicht mehr, wie sie auftreten sollen, denn sie sollen zwei entgegengesetzten Vorbildern genügen. Einerseits existiert immer noch ein traditionelles Rollenbild: Der Mann ist der durchsetzungsstarke Bestimmer der Familie. Er zeichnet sich durch Autorität und klare Positionen aus. Aber vor allem in Deutschland ist dieses klassische Männerbild in Misskredit geraten.

Nach den schuldhaften Verstrickungen Deutschlands in zwei Weltkriegen sollen vor allem hierzulande Männer nicht mehr hart wie Kruppstahl sein. Das neue postmoderne Männerbild sieht den Mann eher als weich, reflektiert, empfindsam und nachgiebig. Er ist kommunikativ und aufgeschlossen und achtet aufmerksam auf die Bedürfnisse seiner Partnerin.

Dieser Paradigmenwechsel führt mitunter zu beinahe aberwitzigen Selbstdefinitionen der Männer. In einer zweistündigen Gruppendiskussion mit acht Männern stellt der moderierende Psychologe der Runde die Frage, wie der Mann denn heute sein sollte. Die Antwort eines Schreiners Mitte vierzig: „Der Mann sollte die beste Freundin seiner Frau sein.“ Keiner der Männer in der Gruppe widerspricht ihm.

Frauenversteher oder Kerl mit klarer Kante?

Solche Antworten zeigen, wie sehr die Männer heute in ihrem Selbstverständnis auf ihre Partnerinnen, Freundinnen oder Frauen bezogen sind. Gleichzeitig ist das alte Männerbild jedoch noch wirksam und zumindest latent faszinierend. Ist nicht auch hierzulande der Typ Putin gefragt – hart, klar, entschieden und kompromisslos? Oder doch lieber die sanfte, friedfertige Putte mit ihrem großen Verständnis und Einfühlungsvermögen?

Diese unvereinbaren Regieanweisungen zwischen pflegeleichtem Frauenversteher und Kerl mit klarer Kante erzeugen im Alltag eine wachsende Rollenunsicherheit. Bezogen auf ihre Familie definieren sich immer mehr Männer als „Mädchen für alles“. Da sich aber auch Frauen immer noch als „Mädchen für alles“ sehen, ist eine Verantwortungsdiffusion im Beziehungsleben programmiert, die zu ständigem Zank führt.

Streit unterhöhlt ein ohnehin schon diffuses Selbstverständnis

Diese Streitereien unterhöhlen dabei zusätzlich das diffuse Selbstverständnis der Männer. Sie erleben sich doch häufig als entgegenkommend, verständnisvoll und konziliant. Bereitwillig übernehmen viele Männer Aufgaben im Haushalt. Sie kochen und gehen einkaufen, sie kümmern sich liebevoll um ihre Kinder. Aber obwohl sie doch so viel mehr für ihre Partnerin und für die Familie tun als ihre eigenen Väter, machen sie aus der Perspektive ihrer Partnerinnen anscheinend vieles noch nicht richtig oder nicht mit dem gebührenden Einsatz.

In ihrer Ratlosigkeit orientieren sich viele Männer unbewusst am Blick ihrer Frau. Sie versuchen zu antizipieren, was „frau“ von ihnen erwartet. Dabei entwickeln sie eine große Sensibilität für die Mimik und Gestik ihrer Frau. Ein Stirnrunzeln oder Lächeln genügt ihnen oft als Fingerzeig für das gewünschte Verhalten. Dabei geraten ihre eigenen mitunter gänzlich anderen Wünsche oder Sehnsüchte aus ihrem Blick. Oft werden weder sie weder artikuliert noch diskutiert.

Frauen sehen sich in eine mütterliche Rolle gedrängt

Viele Männer agieren also nicht in der Logik eines erwachsenen Menschen, der seine eigene Position zur Disposition stellt und auf Augenhöhe mit der Partnerin um eine gemeinsame Lösung ringt. Sie machen auf „lieb Kind“, passen sich brav an, geben sich artig und folgsam – und geraten dabei in kindlich anmutende Selbstzweifel: „Vielleicht mache ich ja einfach so viel falsch, dass sie nie zufrieden ist.“

Die Frauen können dann aber mit dieser demonstrativen Bravheit ihrer Männer wenig anfangen. Sie sehen sich in eine mütterliche Rolle gedrängt, die sie gegenüber ihrem Mann nicht erfüllen wollen. Und während sich mancher Mann als „Mädchen für alles“ im Haushalt nützlich macht, lesen ihre Frauen „Shades of Grey“ und träumen von einem fesselnden Mann, der mit geheimnisvoller Klarheit seine eigene Agenda verfolgt.

Stephan Grünewald Quelle: Maya Claussen

Zur Person: Stephan Grünewald, geboren 1960, ist Diplom-Psychologe und Gründer des Rheingold-Instituts in Köln. Der ausgebildete Psychotherapeut ist Autor mehrerer Bücher. Sein neues Buch „Wie tickt Deutschland?“ (320 Seiten, 20 Euro) erscheint bei Kiepenheuer und Witsch.

Von Stephan Grünewald

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