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Panorama Die Cholera trifft Haiti mitten im Wiederaufbau
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20:20 26.10.2010
Trauernde Verwandte eines Cholera-Opfers auf dem Friedhof Dessalines in Artibonite bei Port-au-Prince in Haiti.
Trauernde Verwandte eines Cholera-Opfers auf dem Friedhof Dessalines in Artibonite bei Port-au-Prince. Quelle: dpa
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Wer Entwicklungshelfer oder Katastrophenexperten in Haiti auf die Cholera-Epidemie anspricht, bekommt meist ein und dieselbe Antwort: „Es ist ein Wunder, dass sie so spät gekommen ist“. Denn die Umstände, unter denen die Menschen ein Dreivierteljahr nach dem Jahrhundertbeben vom 12. Januar noch immer leben, sind der perfekte Nährboden für den Ausbruch von Epidemien: wenig sauberes Wasser, kaum Toiletten, und nach wie vor harren rund eine Million Menschen in den Obdachlosen-Camps auf wenigen Quadratmetern unter tropischer Hitze aus, weil der Wiederaufbau nur schleppend vorankommt.

An ein Wunder grenzt auch die gute Nachricht dieses Tages aus Haiti: Die Cholera wird sich wohl schon in Kürze kontrollieren lassen, gaben Experten gestern bekannt. Denn haitianischen Gesundheitsbehörden und Hilfsorganisationen sei es gemeinsam gelungen, ein Übergreifen auf die Flüchtlingslager in Port-au-Prince zu verhindern, sagt Federico Motka, Nothilfe-Koordinator bei der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti gegenüber dieser Zeitung. Die Regierung habe gleich nach Ausbruch der Epidemie einen Notfall-Aufruf herausgegeben und den Hilfsorganisationen so ein rasches Eingreifen ermöglicht. Dies habe Schlimmeres verhindert.

„Die sanitäre Situation in den Camps ist zwar nicht gut“, sagt Motka. „Aber viele Menschen haben dort besseren Zugang zu frischem Wasser, als sie es vor dem Beben hatten.“ Wer in der Hauptstadt erkrankt sei, habe sich im Departement Artibonite angesteckt. Dort war die Krankheit vor einer Woche erstmals seit hundert Jahren wieder aufgetreten. Die Infizierten seien während der Inkubationszeit in die Hauptstadt gekommen. „Aber es gibt keinen Ausbruch der Epidemie in Port-au-Prince“, bekräftigt Motka.

Auch die Vereinten Nationen (UN) stellen eine langsamere Verbreitung der Bakterieninfektion fest. „Die Zahl der neuen Fälle beginnt zu sinken“, sagte ein UN-Sprecher in Haiti. Bisher sind rund 3115 Cholerafälle gezählt worden, 259 Menschen sind bis Montagabend an der Krankheit gestorben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte jedoch vorsorglich vor einem Ausbreiten auf weitere Landesteile und die benachbarte Dominikanische Republik.Nach den Worten von Vize-Direktor Jon Andrus müsse trotz aller Bemühungen um die Eindämmung der Epidemie mit noch höheren Krankenzahlen gerechnet werden. „Die Cholera hat sich auf Jahre in Haiti festgesetzt“, sagt der WHO-Vize.

Die Epidemie trifft die Menschen inmitten des Bemühens, das Land nach dem Jahrhundertbeben wieder aufzubauen. Noch neun Monate nach der Katastrophe ist von der Rekonstruktion nur wenig zu sehen. Die Trümmerbeseitigung geht langsam voran. Hunderttausende Obdachlose drängen sich noch immer in Zeltlagern oder schlafen auf dem Bürgersteig auf einer Pappe.

UN-Habitat, das UN-Siedlungsprogramm, kritisiert, dass sich die Regierung zu zögerlich um Unterkünfte bemüht. Es gäbe zahlreiche Vorschläge, aber keine klare Richtung, wie das Wohnungsproblem in Port-au-Prince anzupacken sei, sagt der Haiti-Chef von UN-Habitat, Jean Christophe Adrian.

Nach Einschätzung der Wiederaufbaukommission können aber 85 Prozent der Obdachlosen in ihre Viertel zurückkehren, sobald ihre Häuser wieder hergerichtet sind. Zehn Prozent können in Neubauten in derselben Gegend untergebracht werden. Darüber waren sich der haitianische Premier Jean-Max Bellerive und Wiederaufbau-Koordinator Bill Clinton Anfang Oktober einig. Nur fünf Prozent der Obdachlosen müssen demnach komplett umgesiedelt werden. Die Gesamtkosten für den Aufbau der Wohn-infrastruktur werden mit mindestens 3,6 Milliarden Euro beziffert.

Allerdings steht vor dem Wiederaufbau der Abbruch. Port-au-Prince ist zu rund 60 Prozent zerstört, manche Stadtteile sind dem Erdboden gleich. Aber statt im März kam erst im Spätsommer der erste Abräumvertrag mit einer Spezialfirma zustande. Und die Wiederaufbaukommission unter Leitung von Bellerive und Bill Clinton billigte erst im September einen 17-Millionen-Dollar-Plan zur Befreiung von sechs Stadtteile der Hauptstadt von den Trümmern.

Die internationale Gemeinschaft und die nationale Regierung schieben sich gegenseitig die Schuld für die Verzögerung zu. Fest steht, dass die Aufräumarbeiten wegen schlechter Straßen, fehlendem Platz für den Abraum und zu wenig schwerem Gerät erst 2011 abgeschlossen werden können. „Was in neun Monaten geschafft werden könnte, kann hier auch bis zu neun Jahre dauern“, kritisiert ein Experte. Zudem komplizieren oft ungeklärte Eigentumsverhältnisse die Rekonstruktion. Bis zur Präsidentenwahl am 28. November soll immerhin das völlig zerstörte Regierungsviertel rund um den Präsidentenpalast von den Trümmern befreit werden.

Aber auch das dauert, weil die zugesagten Hilfsgelder nur zögerlich nach Haiti fließen. Nach dem Erdbeben, das nach offiziellen Angaben 230.000 Menschen das Leben kostete, hat die internationale Gemeinschaft auf diversen Geberkonferenzen 9,9 Milliarden US-Dollar zugesagt, davon 5,3 Milliarden kurzfristig.

Von dem Geld ist aber bislang nur zwischen einem Drittel und der Hälfte ausgezahlt worden. Denn viele Staaten und Organisationen zögern, weil sie die Verwendung der Mittel lieber mit der neuen Regierung aushandeln wollen, die Anfang 2011 die Geschäfte übernimmt. Andere fürchten schlicht, dass das Geld nur die Taschen der Funktionäre füllen und nicht bei den Opfern ankommen wird. Haiti gehört zu den bestechlichsten Ländern der Welt. Deutschland hat jedoch seit Januar im Rahmen der EU- und der bilateralen Hilfe schon viele Millionen Euro an das arme Land überwiesen.

Viele Hilfsorganisationen strecken unter diesen Bedingungen den Einsatz ihres Geldes. „Wir verteilen unsere 20 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren“, sagt Simone Pott, Sprecherin der Welthungerhilfe. „So können parallel dazu die staatlichen Strukturen entstehen, die notwendig sind, um das Geld richtig einzusetzen“.

Klaus Ehringfeld

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