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Panorama Deutsche kümmert sich in Argentinien um arme Kinder
Mehr Welt Panorama Deutsche kümmert sich in Argentinien um arme Kinder
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07:48 04.05.2011
Sieglinde Oehrlein hilft armen Kindern in Buenos Aires. Quelle: dpa
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Zitternd grapscht sie nach Sieglinde Oehrlein Hand, zögert es bis zum letzten Moment hinaus, hüpft auf die Stufen der Rolltreppe und rudert mit den Armen. Es dauert kurz, dann zieht sie die Augenbrauen hoch und lacht. Sie steht, die Stufen steigen. Nicole fährt zum ersten Mal Rolltreppe. Das Mädchen lebt in der „Villa 15“, einem Schmuddelviertel von Buenos Aires.

Der Bus schaukelt die Deutsche Sieglinde Oehrlein ächzend in den Süden der argentinischen Hauptstadt. Dort, im Schlachthof-Viertel Mataderos, liegt die verborgene Stadt „Villa 15“. Bis zu 30 000 Menschen sollen hier leben. Am Eingang grüßt ein Jesusbild von der Mauer. „Er wird dich nicht verlassen“, verspricht die Unterschrift. Schießereien sind in der „Villa 15“ Tagesordnung.

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Oehrlein sitzt in einem stickigen Zimmer aus Beton. Der Fernseher und ein winziges Fenster werfen schummrige Schatten. Hier wohnt die 19-jährige Marianela mit ihrer Tochter. An Silvester geriet ihr Freund in eine Schlägerei. Sie hat seitdem Angst, will raus aus dem Slum - und Oehrlein soll ihr dabei helfen. Hier werde alles mit Gewalt geregelt, erzählt Marianela. „Ich ertrage das nicht mehr.“

Als Touristin reiste Sieglinde Oehrlein 1987 zum ersten Mal nach Argentinien. Mittlerweile lebt sie seit fast zwölf Jahren in Buenos Aires, hat Kultur-Stadtführer veröffentlicht und engagiert sich in sozialen Projekten. Seit 2009 wird sie vom deutschen Verein „Der gute Wille“ unterstützt, deren zweite Vorsitzende sie ist.

Ein paar Häuschen weiter wohnt Carmen mit ihrem Mann und sieben Enkelkindern. Für einige von ihnen ist ihr Mann Papa und Opa zugleich, seine zweite Frau, Carmens Tochter, wohnt nebenan. Carmens Rente, etwa 180 Euro im Monat, reicht nie, und jetzt, da die Schule wieder los geht, noch weniger. Hefte, Bücher, Stifte. Rechnungen wird sie in diesem Monat keine bezahlen können. Aus dem Radio schallt Tanzmusik, der Ventilator röhrt. Oehrlein sammelt Nicole, Micaela und Yonatán ein, Hand in Hand spazieren sie aus der „Villa“.

Anfangs spielte und bastelte Oehrlein mit den Kindern, später kam sie auf die Idee, Ausflüge ins Zentrum von Buenos Aires zu machen. „Die meisten Kinder hier kennen ihre Stadt überhaupt nicht“, sagt Oehrlein, „das wollte ich ändern.“ Seit 2005 geht sie mit den Kindern in den Zoo, zum Maiplatz vor dem Präsidentenpalast, in den Hafen - die größten Attraktionen aber sind andere.

Nicole, sieben Jahre alt, sitzt neben Oehrlein im Bus und guckt aus dem Fenster. „Was für ein schönes Land“, flüstert sie immer wieder. „Gleich fahren wir U-Bahn“, sagt Oehrlein. Was das sei, will Nicole wissen. „Das ist ein Zug, der unter der Erde fährt“, erklärt Nicoles Bruder Yonatán, „aber du brauchst keine Angst haben.“ Er tätschelt ihre Hand.

Das Ausflugsziel heute ist der Spielplatz im Park Centenario. Von der U-Bahn-Station sind es nur ein paar Blöcke, doch immer wieder bleiben die Kinder stehen, betasten Kettenanhänger, tauchen ihre Hand in die bunten Bonbons am Kiosk und streichen über das Leder von Fußballschuhen. Yonatán trägt stolz sein Argentinien-Trikot, die vielen Löcher ändern daran nichts. Vor einer Tierhandlung pressen sie ihre Nasen an die Scheibe. „Kann ich meinen Hund herbringen, damit sie ihm zu essen geben?“, fragt Yonatán.

Als die Sonne im Park schon lange Schatten wirft, ruft Oehrlein die Kinder. Zeit, zurückzugehen, doch die Drei protestieren. „Ich habe so Hunger“, quengelt Nicole - trotz Pizza und Pommes, die sie gerade eben im Restaurant gegessen haben. „Na gut“, sagt Oehrlein. Die Kinder jubeln und sie lächelt. „Mehr Zeit hier, das bedeutet mehr Zeit fern von Drogen und Diebstahl.“

dpa