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Panorama Der Tod der selbstbewussten Souzan B.
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20:51 06.12.2011
Von Thorsten Fuchs
Foto: An der Stelle in Stolzenau, an der Souzan B. starb, haben Bürger Blumen niedergelegt.
An der Stelle in Stolzenau, an der Souzan B. starb, haben Bürger Blumen niedergelegt.  Quelle: dpa
Stolzenau

Blumen liegen auf dem Bürgersteig. Rosen in Weiß, Lila und Rot, dazwischen Trauerlichter, eine Engelsfigur. Ein weißer Stein hält einen Zettel fest. „Sprachlos“, steht darauf. „Herzliche Anteilnahme der ganzen Familie!“ Gleich daneben sind Umrisse mit weißer Kreide auf den Asphalt gemalt. Dort muss sie gelegen haben.

Die kleine Trauerstelle gegenüber der Bäckerei an der Schinnaer Landstraße in Stolzenau markiert den Ort, an dem tags zuvor geschehen ist, was die Bürger der Kleinstadt erschüttert. Ein Vater hat seine Tochter erschossen. Unmittelbar zuvor hatten sich Souzan B. und ihr Vater Ali noch gegenübergesessen. Zwei Stunden lang haben sie in der pädagogisch-psychologischen Praxis, die hier in dem gelb geklinkerten Haus untergebracht ist, miteinander geredet. Sehr wahrscheinlich wird Ali B. darauf bestanden haben, dass seine Tochter wieder zu ihm und zur Familie zurückkehrt. Und sehr wahrscheinlich wird Souzan B. geantwortet haben, was sie schon seit Monaten immer wieder gesagt hat: dass sie auf keinen Fall zurück will. Sicher ist hingegen, was vor dem Haus geschah. Der Vater zog eine Waffe. Dreimal schoss er auf seine Tochter. Dann sprang er in seinen Golf und fuhr davon. Souzan B. wurde 13 Jahre alt.

Seitdem rätseln nicht nur die Menschen in der 7000-Einwohner-Stadt im Landkreis Nienburg, was in dieser Familie geschehen ist. Was einen Vater dazu bringt, seine Tochter zu ermorden. Einer, der sich dies besonders intensiv fragt, ist Herr C. Herr C. wohnt über der Praxis, in dem das Gespräch stattfand. Und er kennt Ali B., den Vater. Ali B., 35, arbeitete in einem Imbiss in Nienburg, dort haben sie manchmal Tee getrunken. „Wir sind Landsleute“, sagt Herr C., nachdem er eine Kerze angezündet hat. Herr C. stammt aus der Türkei, Ali B. aus dem Irak. Aber beide sind Kurden, das meint er. Am Montag hat er vom Fenster aus gesehen, was geschehen ist. Schildern, was er beobachtet hat? Nein, sagt er, dreht den Kopf und blickt in die Ferne. Ob er Ali B. jemals aggressiv erlebt hat? Nein, antwortet er. „Aber du kannst in die Köpfe nicht hineinsehen.“

Souzan B. muss eine durchaus selbstbewusste Teenagerin gewesen sein – so ergibt es sich auch aus den wenigen Angaben, die der Landkreis Nienburg über sie bestätigt. Demnach hat die 13-Jährige schon vor Monaten ihre Familie verlassen. Gelebt hat sie offenbar in einer Einrichtung im Landkreis Diepholz, betreut wurde sie vom Nienburger Jugendamt. Einige Male soll sie in dieser Zeit probehalber wieder in ihre Familie zurückgekehrt sein. Jedes Mal soll sie jedoch rasch darauf gedrungen haben, wieder in die Einrichtung zurückzukehren. Bei ihren Eltern wollte sie wohl auf keinen Fall bleiben.

Die Familie hat noch drei weitere Kinder, allesamt Jungen. Souzan war die Älteste. Vor gut zehn Jahren ist die Familie aus dem Nordirak nach Deutschland gekommen, um hier Asyl zu beantragen. Seit rund zwei Jahren lebt sie in Nienburg in einem schlichten zweistöckigen Block im  Stadtteil Holtorf. Die Nachbarn dort stammen überwiegend aus dem Ausland. „Freundliche Leute“: Mehr können, mehr wollen sie vielleicht auch nicht über den flüchtigen Ali B. und seine Familie sagen.

Zu den Orten, die Ali B. in Nienburg häufiger besuchte, gehört die Gemeinde der Jesiden, einer vor allem unter Kurden verbreiteten Religion, die ihre Räume in einem Hinterhof an der Hannoverschen Straße hat. Nicht weit davon entfernt befindet sich der Dönerimbiss, in dem Ali B. als Aushilfe arbeitete. Sein Chef wusste von den Problemen Ali B.s mit seiner Tochter. „Ich habe ihm gesagt: ,Sie wird schon wiederkommen.‘“ Aber Ali B. habe dies nicht beruhigt. Er habe seine Tochter immer gefördert, habe ihr vor zwei Jahren von seinem kargen Einkommen einen Nachhilfelehrer bezahlt. „Er wollte, dass seine Kinder studieren.“ Den Grund des Streits kenne er nicht. Ob sie vielleicht einen nicht jesidischen Freund hatte oder was ihn sonst in Rage brachte? Darüber habe er nicht geredet.

Eine Nachbarsfamilie der B.s wollte am Dienstag im Keller des Hauses feiern. Die Vorbereitungen waren getroffen, auf Tellern sind Dutzende türkische Pizzen gestapelt. „Können wir wegschmeißen“, sagt eine Frau. Das Fest ist abgesagt. Zu feiern, sagt sie, gibt es nichts mehr.

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