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Panorama Der Spender aus Braunschweig
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20:02 18.05.2012
Von Manuel Becker
Michael Knobel vom Hospiz am hohen Tore in Braunschweig. Eine Mitarbeiterin fand den Umschlag mit 10.000 Euro in einem Umschlag unter der Fussmatte Quelle: Nieden
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Braunschweig

Den weißen Umschlag hat er noch immer in der Schublade seines Schreibtisches. Er ist nicht mehr so weiß wie am Tag als er ihn fand. Er ist ein wenig zerknittert, das Papier hat sich verfärbt. Wie oft Hans-Jürgen Kopkow das Kuvert schon gezeigt hat, weiß er nicht mehr. An den Tag, als er es gefunden hat, kann sich der Pfarrer aber noch genau erinnern. Es war ein kalter Tag im Februar. Kopkow wollte am Abend die Markus-Kirche in der Braunschweiger Südstadt abschließen. Tagsüber steht das moderne, helle Gotteshaus offen, in dem die Stühle zu einem Kreis angeordnet sind und der Pfarrer in der Mitte oder zwischen den Besuchern steht. Wie jeden Abend zog Kopkow den Ständer mit Gesangsbüchern aus dem Vorraum in die Kirche, rückte die Bücher wieder gerade und entdeckte dabei einen weißen Umschlag. Als er ihn öffnete, sah er Geldscheine. Zwanzig 500-Euro-Scheine zählte er. 10.000 Euro ohne Absender, ohne Hinweis. „Wahnsinn“, entfuhr es dem Pfarrer.

Die Geschichte vom Geld hinter den Gesangsbüchern ist eine von vielen märchenhaft anmutenden Geschichten, die sich in den vergangenen Monaten in Braunschweig zugetragen haben. Erst am Freitag lag im Briefkasten der Kirchengemeinde des Braunschweiger Doms erneut ein Umschlag - diesmal mit 5000 Euro. Die Geschichte vom Geldsegen ist eine, die die Menschen in der Stadt bewegt, die Gesprächsthema ist in den Kneipen, Cafés, am Kiosk und in der Kantine. Ein geheimnisvoller Spender läuft durch Braunschweig und hinterlässt Briefumschläge mit 500-Euro-Scheinen. Anfang November begann der Rundgang des wundersamen Briefträgers.

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Der erste Empfänger war die Opferhilfe, wo er seinen mit Geld gefüllten weißen Umschlag in den Briefkasten steckte und kurz vor Weihnachten einen zweiten hinterließ. An Weihnachten fand der Pförtner des Braunschweiger Rathauses im schwarzen Briefkasten neben den Eingangsstufen 50.000 Euro, und im Februar wurden gleich an mehreren Orten der Stadt Umschläge des anonymen Wohltäters gefunden: in Briefkästen, zwischen Gesangsbüchern einer Kirche und unter der Fußmatte eines Hospizes.

Die Briefe haben keinen Absender, aber die meisten haben einen Empfänger. Neben den violetten Geldscheinen liegt zumeist ein sorgsam ausgeschnittener Zeitungsartikel, in dem der inzwischen als „Engel der Stadt“ bekannte Spender den Zweck des Geldes angibt: für eine Suppenküche, für einen Jungen, der nach einem Schwimmunfall schwerbehindert ist, für eine Kirchengemeinde, für die Braunschweiger Tafel, für das Naturhistorische Museum, für einen Kindergarten oder für ein Hospiz.

„Eine solche Geschichte hat es in Braunschweig noch nie gegeben“, sagt Henning Noske. Seit Oktober ist er Chef der Lokalredaktion der „Braunschweiger Zeitung“. In den vergangenen Monaten musste er ein ums andere Interview geben. Zeitung, Radio und TV-Sender kamen, um vom „Wunder von Braunschweig“ zu berichten. Selbst aus der Ukraine sei ein Fernsehteam angereist. Das habe den Ehrgeiz gehabt, den Spender zu finden. „Denen sollte ich sagen, wo hier in der Stadt die Reichen wohnen“, sagt Noske. Wenn wieder Geld gefunden wurde, kamen neue Anrufe, neue Besucher, die die wundersame Geschichte hören wollten.

Die Zeitung spielt dabei eine besondere Rolle. Als sie von dem Schwimmunfall des Jungen berichtete, lag in einem der weißen Briefumschläge der Artikel über den Jungen neben den 10000 Euro. Als die Zeitung über die Spende für den Kindergarten der St.-Stephanus-Gemeinde berichtete und eine Mutter zitierte, die sagte, „die Suppenküche der Gemeinde hätte das Geld auch gut gebrauchen können“, lag in dem Gemeindebriefkasten erneut ein weißer Umschlag.

Es ist ein bisschen so als würde der rätselhafte Geldverteiler seine Kuverts auf Bestellung liefern. Die „Braunschweiger Zeitung“ erhielt unzählige Leserbriefe, setzte teilweise Übersetzer ein, weil sie aus der ganzen Welt kamen. In ihnen standen Geschichten über Schicksale, über die die Zeitung doch berichten möge. Auch im Internet richten sich viele Leser mit „Lieber Spender!“-Kommentaren an den Unbekannten. In der Redaktion führte dies zu langen Diskussionen. „Wir haben plötzlich angefangen uns zu fragen, ob wir eine Geschichte bringen oder nicht, weil sie wieder eine Spende auslöst“, sagt Noske. Der Spender habe die Redaktion teilweise vor sich hergetrieben. „Trotzdem wären wir doch blöd, wenn wir darüber nicht mehr berichten würden“, sagt der Lokalchef. Michael Knobel hatte irgendwie erwartet, dass bei ihm irgendwann 10.000 Euro im Briefkasten lägen. Wobei „erwartet“ vielleicht ein zu großes Wort sei, wie der Leiter des Hospiz Am Hohen Tore schnell hinzufügt. „Aber der hat ja schon viel Geld verteilt, und wir sind das einzige Hospiz in der Stadt. Da hofft man, wie beim Preisausschreiben, dass man auch mal gewinnt.“ Und dann lag irgendwann ein Umschlag mit zwanzig 500-Euro-Scheinen unter der Fußmatte vor der Eingangstür des Hospiz.

Die Menschen der Stadt rätseln auch nach dem Geldfund vom Freitag weiter, wer der anonyme Spender sein mag. Die Polizei sucht ihn jedenfalls nicht. „Da es kein kriminelles Vorgehen oder eine Gefahrenlage gibt, gibt es keinen Ermittlungsgrund“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Klages. Die Geldscheine seien geprüft und sauber. Aber natürlich frage man sich auch bei der Polizei, wer so viel Geld spendet. „Wir staunen einfach“, sagt Klages. „Der Fall ist rätselhaft und spektakulär“, sagt Adrian Foitzik, Sprecher der Stadt. Für die Stadt seien die Geschichte und die Berichte darüber in jedem Fall ein Imagegewinn.

Das Geheimnisvolle ist es, nicht zu wissen, wer die Person mit den weißen Briefumschlägen ist und wann sie das nächste Mal in den Straßen der Stadt unterwegs ist. „Es ist ein Mainzelmännchenprinzip“, sagt Viktor Sundermann, der Pastor der St.-Stephanus-Gemeinde, die schon zwei Briefumschläge im Gemeindebriefkasten hatte. „Wenn er enttarnt werden würde, würde er aufhören.“ Dank der Spende baut die Gemeinde gerade ein Holzpiratenschiff für den Kindergarten, durch die zweite Spende kann die Suppenküche am Leben erhalten werden.

Der Pastor der kleinen freikirchlichen Gemeinde glaubt, dass die vielen Spenden etwas in der Stadt verändert haben. „Das hat zu einem persönlichen Nachdenken geführt, ob man nicht auch etwas abgeben kann“, sagt Sundermann. Wenn jemand etwas Gutes tue, falle es auch wieder auf ihn zurück. „Da entsteht eine ganz neue Dynamik.“ Auch Hans-Jürgen Kopkow ist sich sicher, dass der anonyme Spender etwas bewege. „Dieser Mensch stellt uns mit jeder weiteren Aktion immer wieder wie auf Glockenschlag die richtige Frage: Was mache ich mit meinem Geld, und kann ich anderen etwas abgeben? Er selbst gibt nicht etwas, um berühmt zu werden, sondern um Gutes zu tun.“

Berühmt ist der unbekannte Samariter längst. Die Menschen, die durch die Fußgängerzone der Innenstadt eilen, staunen noch immer. „Das ist beeindruckend, wie er anderen hilft“, sagt ein junger Familienvater. Und ein Rentner, der mit seiner Frau auf einer Bank vor dem Braunschweiger Rathaus sitzt, sagt: „Wir wundern uns alle.“

18.05.2012
18.05.2012