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Panorama Der Harz: Ein Traum in Weiß
Mehr Welt Panorama Der Harz: Ein Traum in Weiß
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20:23 16.12.2009
Von Heinrich Thies
Der Harz präsentiert 
sich weihnachtlich. Quelle: Nico Herzog
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Wer dieser Tage mit der Seilbahn auf den Wurmberg fährt, steigt auf in eine andere Welt. Je näher man dem Gipfel in 970 Metern Höhe kommt, desto mehr verwandelt sich die Landschaft oberhalb von Braunlage in einen glitzernden Wintertraum. Schwer hängt der Schnee in den Zweigen der Fichten, Raureif überzieht Sträucher und Zäune, und die verschneiten Täler und Berge in der Ferne präsentieren sich unter der Wintersonne wie die Kulisse einer Bilderbuchweihnacht.

Dennoch bleiben die meisten Gondeln leer. Die Skifahrer, die sonst das winterliche Bild am Wurmberg beherrschen, lassen auf sich warten. Bei aller Pracht nämlich reicht die Schneehöhe – derzeit 15 Zentimeter – für den Abfahrtslauf noch nicht aus. Nötig wären mindestens 30 Zentimeter. Doch so dick liegt der Schnee derzeit nur auf der Rathausskiwiese im Tal von Braunlage, wo seit Anfang des Jahres Schneekanonen im Einsatz sind. Der Hang aber ist so kurz und flach, dass dadurch kein anspruchsvoller Skifahrer angelockt wird. Wenn dagegen am Wurmberg die insgesamt acht Kilometer langen Pisten freigegeben werden, stauen sich gewöhnlich vor der Seilbahn Autos und Busse – aus Norddeutschland, Thüringen, Sachsen-Anhalt und den Niederlanden. „Wir haben die besten Abfahrtsmöglichkeiten weit und breit“, sagt Seilbahn-Betriebsleiter Dirk Nüsse. „Wir brauchen dringend eine Beschneiungsanlage, damit wir bei Minusgraden wie jetzt die Pisten aufmachen können.“

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Die Stadt Braunlage, die mit 20 Prozent an der Seilbahngesellschaft beteiligt ist, unterstützt die Idee. Doch für den Bau der Beschneiungsanlagen sind Genehmigungen erforderlich, die im Naturschutzgebiet am Rande des Nationalparks Harz an hohe Auflagen geknüpft sind. Noch schwieriger ist es mit der geplanten 2,5 Kilometer langen Abfahrt vom Nordhang nach Schierke. Auch in diesem Fall bremst die Nationalparkverordnung den Expansionsdrang der Seilbahnbetreiber. Detlef Pietsch sieht es gelassen. Seit 30 Jahren wacht der dienstälteste Liftwart am Wurmberg in den Wintermonaten über den Tellerlift am Nordhang. Ob Nebel, Schneesturm oder klirrende Kälte – der 55-Jährige hat täglich von 8.20 bis 16 Uhr darauf zu achten, ob jemand ins Straucheln gerät und nachfolgende Skifahrer dadurch aus der Bahn geworfen werden. In solchen Fällen muss der gelernte Heizungsmonteur den Lift stoppen und notfalls seine Holzhütte verlassen, um selbst mit Hand anzulegen.

Unangenehmer ist es noch, wenn bei einem Schneesturm eine defekte Rolle am Seil ausgewechselt werden muss. „Das ist dann nicht so schön“, sagt der etwas beleibte Herr mit Schnauzbart und Brille, der selbst schon mit dem Skifahren aufgehört hat. Die „Schneemänner“ vom Wurmberg bewegen sich an ihrem weißen Arbeitsplatz üblicherweise auch nicht auf Skiern, sondern mit dem Motorschlitten. Zum Beispiel Herbert Kuhn. Der 50-Jährige ist bisweilen stundenlang auf seinem gelben Schneegleiter unterwegs. Pisten kontrollieren, Liftstörungen beseitigen – es gibt viel zu tun. „Zuerst ist das ja noch ganz schön, aber irgendwann hört der Spaß auf“, sagt Kuhn, der in der Regel im Trockenen sitzt und als Fahrdienstleiter in der Bergstation über den Schaltplan der Kabinenbahn herrscht. Die Seilbahn bietet 16 Vollzeitarbeitsplätze. Während der Skisaison sind sogar bis zu 25 Leute am Hang beschäftigt.

Und nach ihrem regulären Arbeitstag legen manche der Seilbahnmitarbeiter noch eine Nachtschicht ein. Denn wenn sich die Hänge leeren, nimmt die Pistenraupe ihren Dienst auf, um den aufgewühlten Schnee zu glätten oder Neuschnee platt zu walzen. „Zehn Stunden bin ich manchmal unterwegs“, erzählt Holger Bähr, der tagsüber an der Mittelstation wacht. Bähr schreckt auch vor Steilhängen nicht zurück, doch ganz ungefährlich ist die Arbeit nicht. „Im letzten Winter bin ich auf einer vereisten Piste ins Rutschen gekommen und an einem Baum hängen geblieben“, erzählt der erfahrene „Schneemann“.

Dafür geht es im Sommer ruhiger zu. Doch seit Juli sind die Hänge auch in der warmen Jahreszeit nicht mehr verwaist. Dann nämlich können Mountainbikefahrer den Wurmberg herunterflitzen.

Wer es sich zutraut, darf sogar mit dem Rad von der Mattenschanze springen. Der „Bikepark“ boomt. „Allein von den Wanderern können wir nicht mehr leben“, sagt Seilbahnchef Nüsse. Dem Bikepark sollen weitere schneeunabhängige Freizeitangebote folgen. „Wir rüsten uns für den Klimawandel“, sagt Nüsse. Trotzdem bleibe der Winter die Hauptsaison. Mit Blick auf den Himmel fügt der Seilbahnchef an: „Und genügend Schnee kriegen wir bis Weihnachten auch noch.“