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Panorama Dawood Ibrahim gilt als der gefährlichste Mann der Welt
Mehr Welt Panorama Dawood Ibrahim gilt als der gefährlichste Mann der Welt
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12:23 24.11.2010
Weltweit sucht die Polizei nach dem Inder Dawood Ibrahim. Quelle: ap
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Wie sollen potenzielle Attentäter aus Pakistan oder Indien, von denen Bundesinnenminister Thomas de Maizière gesprochen hat, nach Deutschland einreisen? An den Flughäfen wird derzeit keiner, der ohne Visum aus diesen Staaten kommt, einfach durchgewinkt. Doch da kann, wie so oft im Leben, mit Geld geholfen werden: Je mehr auf den Tisch gelegt wird, umso besser sind die Fälschungen von Sichtvermerken oder von ganzen Reisepässen, die die einschlägigen Meister ihres Fach auf dem schwarzen Markt feilbieten.

Zu jenen, die gewohnheitsmäßig Attentätern mit der einen oder anderen Geldsumme behilflich sind, gehört Dawood Ibrahim, 55 Jahre alter ultrareicher Inder. Er gilt als Finanzier der aus Pakistan operierenden radikalislamischen Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba („Armee der Reinen“), die von der indischen Regierung für die Anschlagsserie von Bombay (Mumbai) verantwortlich gemacht wird, bei der im November vor zwei Jahren 173 Menschen starben. Schon 15 Jahre zuvor war sein Name mit einer Serie von Bombenanschlägen in Bombay in ­Verbindung gebracht worden, bei denen 1993 mehr als 250 Menschen ums Leben kamen.

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Ein Warnhinweis aus den USA schreckte dieser Tage die deutschen Behörden auf: Zu den möglichen Helfern jener, die derzeit in Deutschland ein Attentat planten, gehöre auch Dawood Ibrahim. Schon seine Erwähnung löst in Sicherheitskreisen Besorgnis aus: „Beim Namen Dawood Ibrahim werden wir hellhörig“, zitierte „Spiegel Online“ am Dienstag einen Beamten des Bundeskriminalamts.

Ähnlich wie bei der Familie von Osama bin Laden mischen sich bei Dawood extremer Reichtum und extremer Hass auf den Westen. Im Jahr 2008 schaffte es Dawood auf die vom US-Magazin „Forbes“ geführte Liste der zehn am meisten gesuchten Kriminellen der Welt. Ein Jahr später listete ihn „Forbes“, was besonders irritierend war, noch einmal an ganz anderer Stelle auf: als einen der 50 einflussreichsten Menschen der Welt. Diese Mischung ist es, die in Polizeikreisen rund um die Erde zu der Einschätzung führte, Dawood sei der gefährlichste Mann der Welt.

Sein auf mehrere Milliarden geschätztes Vermögen beruht auf einem nach ­Mafia-Art gesponnenen Beziehungsgeflecht. Als Investor gewann Dawood Einfluss im gesamten südostasiatischen Raum. Nachdem im Jahr 2003 Verbindungen Dawoods zum arabischen Netzwerk Al Qaida ruchbar geworden waren, setzte die US-Regierung von George W. Bush sein Imperium unter Druck: Konten wurden eingefroren, Regierungen kleinerer Staaten aufgefordert, ihre Geschäftsbeziehungen zu ihm zu beenden.

Wo sich Dawood derzeit aufhält, ist unbekannt. Vieles deutet auf Pakistan, die dortigen Behörden jedoch streiten ab, etwas über ihn zu wissen oder gar mit ihm zu tun zu haben. Erfolglos forderte die Regierung Indiens immer wieder von Pakistan eine Auslieferung Dawoods.

Aufgewachsen ist Dawood in einem muslimisch geprägten Armenviertel von Bombay. Zu seinen ersten kriminellen Tricks soll es gehört haben, Touristen eine angeblich wertvolle Uhr zu verkaufen: Nachdem das Geld die Hände gewechselt hatte und Dawood verschwunden war, fanden die Käufer in der hübschen Verpackung nur einen Stein.

Erst befehligte Dawood Jugendbanden, später ganze Schmugglerringe. Als er in Indien mit dem gefürchteten Lala-Clan kollidierte, beschloss Dawood, eine eigene Mafiaorganisation zu bilden, die „D-Company“. Immer wieder mündete das mörderische Konkurrenzverhältnis in Blutvergießen.

Modernisierung und Globalisierung der legalen Wirtschaft ahmte Dawood nach. Sein Hauptquartier verlegte er nach Dubai, und seine Interessen reichten schon bald über Indien hinaus: Er bediente Kunden rund um die Welt mit Gold aus Afrika und Heroin aus Afghanistan. Allein nach Europa soll Dawood, in den vergangenen Jahren offenbar über London, gigantische Mengen Drogen geschmuggelt haben. Das so gewonnene Geld wurde wiederum in Immobilien investiert, auch in die boomende indische Filmwirtschaft. Zu den Taliban in Afghanistan soll Dawood exzellente Beziehungen unterhalten; unter dem Schutz der Gotteskrieger soll er das Land auch in den späten neunziger Jahren besucht haben – bevor sich dort Al-Qaida-Kämpfer für das Attentat vom 11. September 2001 vorbereiteten.

Den bisher schwersten Schlag versetzte die indische Polizei dem Multimilliardär, als sie 2006 zehn Mitglieder seiner Führung festnahm. Erstmals deuteten deren Aussagen auf eine direkte Verwicklung Dawoods in diverse Terroranschläge in Indien hin. Das Bild verdüsterte sich 2008 noch mehr: Nach BBC-Informationen sagten auch Teilnehmer der Terroraktionen von 2008 in Bombay gegen Dawood aus. Seine Organisation habe Waffen und Sprengstoff bereitgestellt, um die bürgerkriegsähnlichen Attacken radikaler Moslems möglich zu machen.

Nasreen Kumar

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