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Panorama Das große Summen: Warum die Deutschen ihre Bienen lieben
Mehr Welt Panorama Das große Summen: Warum die Deutschen ihre Bienen lieben
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12:24 08.06.2019
Liebe für die Biene: Deutsche kümmern sich um das flauschige Fluginsekt Quelle: Bodo Schackow/dpa
Delmenhorst

Der Ort, von dem aus die Bienen in die Welt geschickt werden, auf die Dächer von Konzernen, in die Vorgärten von Unternehmen, liegt gleich hinter Delmenhorst. An der Bundesstraße nach Bookholzberg, gegenüber einem Gebrauchtwagenhandel. Ein Haus, gelb-schwarz bemalt, mit einer stilisierten Biene und dem Schriftzug „Bee-Rent“, Bienenvermietung.

Drinnen steht Dieter Schimanski, 54 Jahre, in Jeans und weißem Hemd, und zeigt auf eine Deutschlandkarte mit vielen farbigen und wenigen weißen Flächen. Farbig heißt: Hier kann man Schimanskis Bienen mieten. Weiß heißt: Hier nicht. Noch nicht.

Hessen ist auf der Karte noch weiß. Aber das ist schon nicht mehr aktuell. „Seit gestern habe ich dort auch jemanden“, sagt Schimanski erfreut. Einen Imker, der sich vor Ort um die Bienen kümmert. So funktioniert das Modell.

Einmal das Komplettpaket Bienenvolk, bitte

Dass es in Lokalzeitungen gerade überall Schlagzeilen gibt wie „Bei der Tui sind die Bienen los“, dass Bienenvölker auf den Dächern von VW, dm oder der Telekom ziehen, das liegt an ihm. 2015 hat Schimanski angefangen, Bienenvölker zu vermieten. Betreuung, Pflege, Honig, für alles sorgen er und seine regionalen Imker, für knapp 200 Euro im Monat. All inclusive, einfach summen lassen, so bietet er es an – mit gewaltigem Erfolg. Für seine Idee gewann er Preise, an 400 Orten stehen seine Bienen schon, Tendenz schnell steigend. Und wenn sich irgendjemand an seinem Geschäftsmodell stört, wenn es irgendwem nicht recht ist, dass bei ihm Ökologie und Ökonomie gute Freunde sind, dann entgegnet er: „Es muss in Ordnung sein, Geld mit etwas Gutem zu verdienen.“

Und was könnte besser sein als die Biene?

So gut ist die Biene, dass ihr gerade ganz Deutschland helfen will. Es gibt die Initiativen „Hannover summt“, „NRW summt“, „Der Kreis Paderborn blüht und summt“, nicht zu vergessen „Deutschland summt“. Braunschweig möchte offiziell „Bienenstadt“ sein. Kaum ein Unternehmen, das sich nicht den Bienenschutz auf die Fahnen schriebe – und jeder, der auf sich und die Bienen hält, verteilt in diesem Frühjahr Blumensamen, auf dass die Bienen gut versorgt sind.

Eine kleine Auswahl: Bochum verteilt 10 000 Tütchen mit Wildblumensamen. Die Stadt Schwandorf verteilt Samentütchen an Fahrer, die ihr Auto korrekt abgestellt haben. Supermärkte, von Edeka bis Lidl, verteilen Tütchen an der Kasse, Nutella klemmt sie unters Deckelglas.

Idealismus plus Geschäft

Aber ist das eine echte Hilfe für die Insekten? Oder Aktionismus? Ausdruck eines neuen Engagements, eines Umdenkens? Oder eine Alibiveranstaltung, die Umweltsünden an anderer Stelle verdecken soll? Ist es mehr als PR?

Auf jeden Fall, kann man sagen, hatte Dieter Schimanski den richtigen Instinkt.

Die Idee zum Bienenverleih hatte er 2014, als er sah, dass eine Supermarktkette Landwirte beim Anlegen von Blühstreifen unterstützte. Schimanski stutzte. „Davon gibt es doch noch keine einzige Biene mehr“, sagt er.

Bei ihm selbst kamen zwei Dinge zusammen. Er ist Idealist. Und Geschäftsmann. Bei den Bienen lässt sich beides inzwischen ganz gut kombinieren. Sein Vater hatte Bienen, er selbst hat Bienen, Bienen liegen ihm. Außerdem hat er Marketing studiert, mit 29 ein großes VW-Autohaus in Bremen geleitet, später eine Werbeagentur gegründet.

„Es muss in Ordnung sein, Geld mit etwas Gutem zu verdienen“: Bienenvermieter Dieter Schimanski. Quelle: privat

Aus der hat er sich dann verabschiedet, als er merkte, dass mit den Bienen etwas ging.

Im Moment verhandelt er gerade mit einer Lebenseinzelhandelskette über Bienen auf den Dächern. Die Kette hat 2000 Filialen. Es wäre sein größter Auftrag. Manchmal, erzählt er, sage er abends zu seiner Frau: „Du glaubst nicht, was heute wieder los war.“

Wenn er sich selbst diesen Erfolg zu erklären versucht, landet er schnell bei der fast unheimlichen Begeisterung der Menschen für diese Tiere. Als in einer Firma zwei Bienen in einem Fensterrahmen zerdrückt wurden, „kamen zwei Mitarbeiterinnen die Tränen“, erzählt er. Bei einer Baumaschinen-Firma musste er eine eigene Whats­app-Gruppe einrichten, um die Mitarbeiter über jedes Detail des Bienenvolks auf ihrem Dach auf dem Laufenden zu halten. Und als er neulich mal wieder mit Bienen bei einer Firma anrückte, standen nicht zehn oder 20 Mitarbeiter Spalier, wie es der Chef zunächst vermutet hatte, sondern 100.

„Das ist die Biene“, sagt er. „Ich habe noch nie so viel Positives erfahren.“

Begeisterung mit fatalen Folgen

Man kann die Liebe der Deutschen zu den Bienen auch in Zahlen fassen. 1,7 Millionen Menschen haben das bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen“ unterzeichnet, viel mehr als gedacht. Gut 120 000 Imker zählt der Deutsche Imkerbund inzwischen, ein neuer Rekord, ein Drittel mehr als 2008. Nur wissen viele dennoch nicht, wie sie den Bienen helfen sollen. Zum Beispiel hatte Matthias Wucherer neulich einen Mann am Telefon, der ihm stolz erzählte, er habe seine Streuobstwiese gerade umgepflügt, um eine insektenfreundliche Blumensamenmischung auszubringen.

Wucherer war fassungslos. „Streuobstwiesen sind die Korallenriffe Deutschlands“, sagt er, artenreiche Kleinstbiotope also. Da hatte der Mann etwas grundsätzlich falsch verstanden. Und das, fürchtet Wucherer, sei leider typisch.

Sechs Gründe, warum wir Menschen die Bienen so mögen

Die Bienen sind nicht die Einzigen – viele Käfer und Schmetterlinge sind ähnlich nützlich und bedroht wie sie. Kaum ein anderes Insekt jedoch löst ähnliche Begeisterungs- und Schutzreflexe aus wie die Biene. Woran das liegt? „An ihren menschlichen Qualitäten“, sagt der Psychologe Stephan Grünewald, Autor des Buches „Wie tickt Deutschland? Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft“. Sechs Gründe hat es seiner Meinung nach, dass uns die Biene so lieb ist:

Die Biene ist klein und unschuldig, Bienchen eben, selbst ihren Stich verniedlichen wir zu einer Süßigkeit, dem Bienenstich.

Sie sind emsig und fleißig, Arbeitsbienen eben.

Sie sind, für ein Insekt, schön – sodass sie sogar für ein etwas altbackenes Kompliment, die „flotte Biene“, herhalten dürfen.

Vor der Erfindung des Zuckers waren sie die Einzigen, die eine Speise versüßen konnten.

Als solidarische, königstreue, nur zur Selbstverteidigung gewalttätige Tiere dienen sie manchem auch als eine Art politisches Vorbild.

Das Gelée royale, mit dem Bienen ihre Königinnen aufziehen, soll lebensverlängernd wirken.

Kakerlaken haben dagegen schlechte Karten. „Man muss lange suchen, um ein Tier zu finden, das so viele allzu menschliche Attribute auf sich vereint wie die Biene“, resümiert Grünewald. Man könnte auch sagen: Wenn wir die Biene schützen, dann schützen wir im Grunde uns selbst.

Matthias Wucherer, promovierter Biologe, hat früher zehn Jahre lang in einem Labor im Auftrag der Industrie Insektizide getestet, er stand unwillentlich„auf der dunklen Seite der Macht“, sagt er selbstironisch. Bis er vor zwei Jahren genug hatte und Koordinator des Netzwerks Blühende Landschaft wurde. Und damit steht er jetzt vor einem besonderen Phänomen.

Einerseits ist da also das gewaltige Interesse. „Wir werden von Anfragen regelrecht überrollt“, sagt er. Von Anrufern also, die – alarmiert von der Krefelder Studie, die 2017 den Tod der Insekten in Deutschland dokumentierte, von Berichten über Klimawandel und Artensterben – nun wissen möchten, was sie ganz konkret in ihrem Garten oder auf ihrem Balkon für die Bienen tun können. Und andererseits, konstatiert Wucherer, „sind viele völlig hilflos“.

Bienenrettung ist nicht einfach

Bienenretten ist gar nicht so einfach, stellen da viele fest.

Der neue Bienenboom stellt Wucherer nun vor ein Dilemma. Plötzlich sind da jede Menge Menschen, die wissen wollen, wohin mit ihrer Energie fürs Ökologische. Gute Sache. Und dann kommt da auch ein Discounter, der mit seinem Billigprinzip als klassischer Gegner der Naturschützer gilt, und bietet eine Kooperation an. Für die Bienen. Die Dächer von Filialen und Logistikzentren sollen begrünt werden – in Kooperation mit dem Netzwerk. Und jetzt?

Der Fall erinnert an die Situation von Bioland, als Lidl eine Zusammenarbeit anbot. Eine der renommiertesten Biokooperativen und der Billigheimer, bekannt aus den Schlagzeilen über zweifelhafte Arbeitsbedingungen. Reine Ökolehre gegen die Aussicht, viele Menschen zu erreichen. Bei Lidl gibt es jetzt Bioland-Milch – und Aldi Süd bepflanzt seine Dächer gemeinsam mit dem Netzwerk Blühende Landschaft.

Die Ökos aus der Demeter-Ecke als Kronzeuge für Aldis Ökoengagement. Man habe diskutiert, räumt Wucherer ein. „Aber am Ende überwog klar das Positive, das ist eine große Chance.“ 25 Hektar Grünfläche, dazu der Zugang zu Lieferanten, die wiederum Blühstreifen an ihren Feldern anlegen. „So unterwandern wir Deutschland“, sagt Wucherer lächelnd.

Für ihn geht es jetzt nur darum, klarzumachen, dass mit grünen Discounterdächern und etwas Bienenromantik nicht alles gut ist. Dass nicht die Honigbiene bedroht ist, sondern die Wildbiene – und eine Menge anderer Käfer und Insekten, die nicht den Charme der Biene besitzen. Dass es auf Berliner Hipsterbalkonen inzwischen mehr Bienenvölker gibt, als es der Imkerbund gut findet. Oder dass es möglicherweise widersprüchlich ist, sich Gemüsedosen mit aufgeklebtem Bienenblütensamen zu kaufen, wenn der Mais darin in großen Monokulturen mit Insektiziden angebaut wurde.

Verzückung als Einstieg in ein mühsames Geschäft

Die Verzückung beim Anblick von Bienen ist im besten Fall ein guter Einstieg. Am Ende ist Insektenschutz ein komplizierteres, langwieriges, im besten Fall beglückendes, immer aber mühsames Geschäft. Davon kann zum Beispiel Silvia Unger eine Menge erzählen.

Die 62-jährige Hauswirtschafterin und Gärtnerin leitet im fränkischen Ort Burgoberbach eine der ältesten Regionalgruppen des Netzwerks Blühende Landschaft – eine Art Urgestein des Insektenschutzes. Silvia Unger hat sich im Jahr 2003 ihr erstes Bienenvolk zugelegt, nach dem großen Bienensterben im Winter zuvor, als 80 Prozent der Völker starben. Die ersten Erfahrungen, die sie in ihrer ländlichen Gegend machte, erschraken sie: „Das, was die Bienen brauchen, gibt die Landschaft so nicht her.“

Silvia Unger suchte in ihrer 3400-Einwohner-Gemeinde Mitstreiter, 2006 säten sie auf der ersten Wiese heimische Blühpflanzen, Bienennahrung sozusagen. Seitdem bieten sie bei jeder Bauausgleichsfläche oder bei freien Grundstücken, auf denen der Bürgermeister schon mal gerne ein schlichtes Rasenstück favorisiert, für ihre Bienenblumen, ungezählte Flächen haben sie schon bepflanzt.

„Das, was die Bienen brauchen, gibt die Landschaft so nicht her“: Silvia Unger auf einer ihrer Blumenwiesen. Quelle: Günther Kössinge

Auch Landwirte sind dabei, die ein Stück ihrer Felder an die Blüten abtreten. „Die sind ja selbst oft einfach ins System gedrängt“, sagt Silvia Unger, „man muss sie wertschätzen.“

Es ist einer der eher seltenen Friedensschlüsse zwischen Bienenfreunden und Landwirten, anderswo ist die Atmosphäre angespannt. Als eine Lebensmittelkette auf ihrer Blühmischung namens „Greta’s Blumenmischung“ notiert, Monokulturen und Insektizide machten die Landschaft „unbrauchbar“, reagiert der schleswig-holsteinische Bauernverband pikiert, verweist auf seine eigene Aktion „blomenpaten.plus“ – und zeigt polemisch auf die Flächen von Edeka-Märkten, wo es ja schließlich gar keine Landschaft mehr gibt.

Als Bienenfeind zu gelten, das ist inzwischen einer der größtmöglichen Imageunfälle.

Derweil trifft sich Silvia Unger mit ihren Mitstreitern jeden Monat, um die nächste Aktion zu planen, Schüler zum Säen einzuladen, Vorträge zu organisieren. Ein gutes Dutzend Mitglieder hat ihre Gruppe. Ob es mehr geworden sind, im Zuge des Bienenbooms? „Nein“, sagt sie, „eigentlich nicht.“ So weit geht die Bienenliebe dann doch nicht bei jedem.

Hoch im Norden sitzt der Bienenvermieter Dieter Schimanski inzwischen schon an neuen Ideen, die den Insektenschutz verstetigen sollen. Eine davon nennt er „Bee Immo“, ein Konzept, um die Rücksicht auf Bienen und andere bei jedem neuen Gebäude zur Auflage zu machen, wie Brandschutz oder Barrierefreiheit. Ihn, den Imker und Bienenunternehmer, treibt eine große Sorge um: „Was ist denn, wenn die Biene in fünf Jahren mal nicht mehr in ist?“, fragt er. Das, da ist er sicher, wäre weit schlechter als eine Bienenmode, die manche kuriose Blüte treibt.

Von Thorsten Fuchs

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