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Panorama Das Glück des Eises und der Helligkeit
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20:10 12.02.2010
„Eine durch und durch ereignishafte Landschaft“: Vereiste Wege am Kutterhafen von Wremen, im Hintergrund der Leuchtturm „Kleiner Preuße“. Quelle: Fuchs
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Ein weißes weites Feld, die Gräben und Knicks wie eingeebnet vom Schnee, darüber blassblauer Himmel. Darauf fällt sein Blick, wenn er am Schreibtisch sitzt in seinem Arbeitszimmer unter dem Dach, wenn er aufschaut vom Papier. Wer all das langweilig nennen wollte, der bekommt es schnell zu tun mit Johann P. Tammen und mit seiner dunklen, vollen Stimme. „Eine durch und durch ereignishafte Landschaft“, nennt er die Weite, und wenn er die Wirkung dieser Natur auf sich beschreibt, dann sagt er: „Ich bin anhaltend berührt.“

Johann P. Tammen lebt von dieser Landschaft. Auch im Winter. Das Ereignishafte des scheinbar Ereignislosen mit Worten zu beschreiben, das hat er sich zu seiner Aufgabe gemacht. Tammen, Jahrgang 1944, ist Lyriker, er wohnt in Weddewarden, einem Dorf am nördlichen Rand von Bremerhaven, wo die Weser in die Nordsee mündet, 300 Meter hinterm Deich. Er ist kein Heimatdichter in dem Sinne, dass er die Marschlandschaft vor seinem Fenster zu bloßer Lieblichkeit verklärt; er beschreibt ihre Bedrohung, und er bekämpft sie, den näher rückenden Containerhafen zum Beispiel. Aber wenn es einen Ort gibt, an dem dieser ungewöhnliche Winter etwas von seiner Magie bewahrt hat, an dem der Ärger über Eisplatten, Streusalzmangel und überfüllte Notaufnahmen fern ist, dann doch vielleicht hier, bei Tammen, dessen Bücher Titel tragen wie „Mischuk oder Aufbruch in einer Landschaft“ oder „Wetterpapiere“.

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Tammen weiß von dieser Landschaft zu erzählen, so ausführlich und engagiert, dass der Zigarillo in seinem Mundwinkel immer wieder ausgeht und er ihn immer wieder erneut anzündet. Die Katze maunzt dazwischen, sie will hinaus, aber nach wenigen Augenblicken im Schnee kratzt sie wieder an der Tür. Sie sei alt geworden, ein wenig abgemagert, „sie hält es draußen nicht mehr lange aus“. Tammen wäre selbst gern häufiger draußen, würde sich gern Padingbüttel in diesen Tagen ansehen, ein einfaches lang gezogenes Dorf hinter dem Deich, „spektakulär schön“, wie er sagt. Aber Tammen ist nicht nur Lyriker, er gibt auch „die horen“ heraus, eine Literaturzeitschrift, und der Redaktionsschluss naht. Am Vortag zum Beispiel ging er erst spät am Abend hinaus, aber zu sagen, dass es dann nichts zu sehen gebe, käme für Tammen einer Kapitulation gleich. Die Schönheit der Landschaft ist für ihn auch eine Herausforderung an die Sprache. „Man muss alles aufbieten“, sagt Tammen, und das klingt dann zum Beispiel so: „Die Bäume atmen flach: weil Winter ist / kobolzt Erinnerung durchs Haus“. Es ist nur ein Ausschnitt, und dann erzählt er von dem Licht, das der Schnee auf dem Feld am Abend reflektiert: „Das ist nächtens so intensiv“, sagt Tammen, „dass der Himmel vor Helligkeit fast schreit.“

Das Land vor dem Deich ist fast unberührt, nur ein paar Vogelspuren sind im Schnee zu erkennen, daneben die einsame Spur eines Menschen, die zur Wasserkante führt, wo sich die geborstenen Eisplatten aufeinandergeschoben haben. Kantige graue Wesen, von dünnem Weiß überzuckert, die sich gegen das Land drängen. In Wremen, noch weiter stromabwärts, fast schon am offenen Meer gelegen, halten sie die Kutter in dem kleinen Hafen fest. Söhnke Friedhoff steht an Deck der „Land Wursten“, er trägt eine Latzhose, und auf seiner blauen Wollmütze steht „Schietwetter“, aber das hat nichts zu sagen, die trägt er immer, auch im Frühling. Jung sieht er aus, aber hinter ihm steht eine lange Tradition. Sein Urgroßvater hat nach dem Krieg in Bremerhaven ein altes Rettungsboot gekauft und ist damit zum ersten Mal rausgefahren, sein Großvater war Fischer, sein Vater auch, und jetzt gehören ihm die beiden Kutter. Söhnke Friedhoff ist 34, er fischt Krabben, seit er 16 ist. „Man sagt: Das Eis ist gut für die Krabbe“, erzählt er. „Setzt Nährstoffe frei. Gibt ‘nen guten Fang, wenn es wieder losgeht.“ Ob er daran glaubt? „Ich hoffe drauf.“ Wäre es wärmer, würde es bald wieder losgehen. Am 17. Dezember sind sie zuletzt draußen gewesen. Aber jetzt könnten sie nicht mal hinausfahren, selbst wenn die Temperaturen nun stiegen. Das Eis hat die Pricken weggerissen, die Birkenstämme, die die Fahrrinnen durch das Watt markieren. Für den 27. Februar haben sich die Fischer verabredet, um neue zu stecken. Bis dahin müssen sie warten, mindestens. Also nutzen sie die Zeit. Pflegen den Motor, reparieren die Schlitten, die metallenen Kufen, die über den Grund gleiten, flicken Netze. Erzwungene Ruhe.

Und die Landschaft um sie herum, diese eisige stille Weite bis zum Horizont? „Wenn ich kein Fischer wäre, würde ich das richtig schön finden“, sagt Sven de Groot, Friedhoffs Decksmann. Aber de Groot, 26, ist Fischer, begeisterter Fischer sogar, seit er vor drei Jahren die Arbeit als Maurer aufgab, so begeistert, dass er anfangs einmal den Sonnenuntergang mit dem Handy filmte, um ihn zu Hause seiner Freundin zu zeigen. Die Freundin hat ihn verlassen, sie fühlte sich allein, weil er zu oft auf See war, bei den Sonnenuntergängen, und zu selten bei ihr, aber de Groot ließ das nicht zweifeln. „Das ist der Job meines Lebens“, sagt, ja schwelgt er, und erzählt von Hummern, die sie gefangen haben, von Katzenhaien und Seepferdchen. Er ist ungeduldig, er will wieder raus, auch wenn es schmerzhaft kalt ist, wenn das eisige Wasser aus den Netzen über die Hände fließt. Und am Ende geht es auch ums Geld, das er nur verdient, wenn sie etwas fangen.

Für Friedhoff gilt das genauso. Dennoch ist er gelassen. „Man muss es halt so nehmen“, sagt er. Es ist nicht allein der Gleichmut der vierten Generation. Friedhoff ist vor ein paar Tagen Vater geworden. Ihm ist das Eis, das ihn an Land festhält, gerade recht.

Jetzt kommen auch Menschen aus den Städten hierher, Stillesucher, Hans und Gisela Kammers zum Beispiel, ein Vorarbeiter und eine Krankenschwester aus Aachen. Seit 20 Jahren reisen sie an die Küste zwischen Bremerhaven und Cuxhaven, aber noch nie waren sie im tiefen Winter hier. „Eine Flucht vor dem Karneval“ nennen sie ihre Reise. Nicht weil sie den Fasching generell nicht mögen. „Wir haben da einfach zu lange mitgemacht.“ Dieser Punkt nun, die in Eis gehüllte Küste, schien der am weitesten entfernte Ort, vom Karneval und allem Lärm, der woanders herrscht, und so bald, sagen sie, würden sie hier nicht wieder fortfahren. So ist es eben mit dem Winter: Er kann sehr rüde sein, wenn er den Umtriebigen seine Gesetze aufzwingt, aber auch ein freundlicher Geselle, wo sich eine Landschaft und ein Menschenschlag in seine Langsamkeit fügen.