Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Das Geschäft von Fitnessstudios und Pillenherstellern boomt
Mehr Welt Panorama Das Geschäft von Fitnessstudios und Pillenherstellern boomt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:35 20.05.2009
Models, wie hier bei den Filmfestspielen von Cannes, sind Vorbilder für viele Frauen. Quelle: Martin Bureau/afp
Anzeige

Die fliederfarbenen Zettel zeigen eine Blondine, die alles hat, bloß keinen Bauch. Dabei müsste er zumindest im Ansatz zu sehen sein, so wie sich das gazellenähnliche Geschöpf rechtwinklig nach vorne beugt. Wer sich an der Blonden misst, muss sich als dick empfinden. Was ja auch im Sinne des Flugblatterfinders ist.

Verantwortlich für den Inhalt zeichnet eines dieser neuen Fitnessstudios, die in Paris wie Pilze aus dem Boden schießen. Es verspricht bei entschlossenem finanziellem und körperlichem Einsatz „flachen Bauch, festen Hintern und wohlgeformte Schenkel“. Wegwerfen hilft nichts. Schon bei der Apotheke schräg gegenüber hat einen der Verdacht körperlicher Unzulänglichkeit wieder eingeholt. Das Pharmaziegeschäft der Pariser Vorstadt Saint-Cloud muss über Nacht zum Schönheitssalon mutiert sein. Es zeigt anstatt Heuschnupfennasen oder Migräneköpfen makellose Frauenkörper, lebensgroß, über drei Schaufensterflügel hinweg. Auch hier geht es um Bauch, Hintern, Schenkel.

Anzeige

Es ist eben Mitte Mai, und in Frankreich boomt das Geschäft mit der Schlankheit. Die Strandsaison kündigt sich an. Bald heißt es, sich im Badeanzug kritischen Blicken aussetzen. Selbst die schlanke Carla Bruni-Sarkozy, Frankreichs Première Dame und ehemaliges Model, fragt sich in Interviews, ob sie nicht Bauchspeck angesetzt habe. Letzte Aufrufe zum Abnehmen hallen durchs Land. Dabei sind die Französinnen bereits die schlanksten Frauen Europas.

Eine Umfrage des Nationalen Instituts für Studien zur Bevölkerungsentwicklung (Ined) hat es an den Tag gebracht. Als Maßstab dient den Forschern der Bodymaßindex (BMI), berechnet aus dem Quotienten aus Körpergewicht (in Kilogramm) geteilt durch die Körpergröße hoch zwei (in Metern). Mit einem BMI von 23,2 sind die „Französinnen Europameister der Schlankheit“, wie „Le Monde“ titelte.

Dem Schlankheitswahn tut das freilich keinen Abbruch. Laut Ined-Studie ist der Anteil untergewichtiger Frauen in Frankreich höher als in allen anderen westeuropäischen Ländern. Wobei jeder zweiten betroffenen Französin nicht bewusst ist, dass sie zu dünn ist. Thibault de Saint Pol, der die europaweit durchgeführte Erhebung überwacht hat, sieht eine Art gesellschaftlichen Zwang am Werk, der dazu führe, das Idealgewicht niedriger anzusetzen als anderswo.

Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot ist dem Trend zur Magerkeit entschlossen entgegengetreten. Auf Antrag der Ministerin hat das Parlament die Anleitung zur Magersucht unter Strafe gestellt. Das Verbot wird beachtet. Models wirken nicht mehr spitz und schmal. Sie scheinen vielmehr auf wundersame Weise ideales Gewicht mit idealen Rundungen verbinden zu können.
Auch in der Bevölkerung regt sich Gegenwehr. In Internetblogs, in Leserbriefspalten oder auf der Straße klagen Französinnen über Schlankheitsterror, fügen aber meist auch hinzu, dass man sich ihm leider nicht entziehen könne. Die Optikerin Lucile etwa hat mit ihren 25 Jahren „schon einen Haufen Sachen zum Abnehmen ausprobiert“. Zurzeit versucht sie, mithilfe von Gelatinekapseln überflüssige Pfunde loszuwerden. „Irgendetwas muss man halt tun“, sagt sie.

Es gibt offensichtlich kein Entkommen. Wer das Flugblatt des Fitnessstudios von sich gewiesen und vor der Apotheke rechtzeitig den Blick gesenkt hat, den ereilt das Schicksal an der Bushaltestelle. Hinter Glas zieht dort Alli die Blicke auf sich. Frankreichs erste rezeptfreie Schlankheitspille ist das. Kaum auf dem Markt, ist das laut Beipackzettel nur bei schwerer Fettsucht angezeigte Medikament in den meisten Apotheken schon vergriffen. Der britische Hersteller GlaxoSmithKline erwartet einen Umsatz von 15 bis 20 Millionen Euro jährlich, womit Alli zu den zehn meistverkauften rezeptfreien Arzneien Frankreichs zählen würde.

von Axel Veiel