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Panorama Das Drogenimperium aus dem Kinderzimmer
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18:46 23.08.2021
Maximilian Schmidt verkaufte Drogen aus seinem Kinderzimmer heraus. Seine Geschichte war die Vorlage für den Netflix-Hit „How to sell drugs online (fast)“. Jetzt erzählt die Doku „Shiny Flakes" auf Netflix die Geschichte des „echten“ Händlers.
Maximilian Schmidt verkaufte Drogen aus seinem Kinderzimmer heraus. Seine Geschichte war die Vorlage für den Netflix-Hit „How to sell drugs online (fast)“. Jetzt erzählt die Doku „Shiny Flakes" auf Netflix die Geschichte des „echten“ Händlers. Quelle: Pressefoto
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Marburg

Über eine Tonne Drogen verkaufte Maximilian Schmidt über sein selbst-programmiertes Online-Portal „Shiny Flakes“ in einem Zeitraum von etwa eineinhalb Jahren aus seinem Kinderzimmer heraus. Die Polizei konnte ihn nach langer Ermittlung dingfest machen. Seit 2019 ist die fiktive Serie „How to sell drugs online (fast)“, die vom Fall Maximilian S. inspiriert ist, auf Netflix zu sehen und erfreut sich vor allem beim jüngeren Publikum großer Beliebtheit. Nun folgt ein Dokumentarfilm über den echten Fall, ebenfalls auf Netflix. Der aus einem kleinen Dorf in der Eifel stammende Regisseur Michael Schmitt gibt im OP-Gespräch einen Einblick hinter die Kulissen von „Shiny Flakes – The Teenage Druglord“.

Wie kamen Sie auf den Fall Maximilian Schmidt, wie sind Sie darauf gestoßen?

Das war ein Sonderfall, weil Maximilian Schmidt sich auf einem Freigang bei der Produktionsfirma von „How to Sell drugs online (fast)“ vorgestellt hat und meinte ‚ich bin übrigens der Echte‘. So entstand die Idee, dass man nach der Serie die von dem Fall inspiriert ist, auch eine Doku über den echten Fall macht. Netflix hat daraufhin ziemlich schnell gesagt, ja, toll, machen wir.

Wie war es, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der noch inhaftiert ist? War es ein organisatorischer Mehraufwand?

Du kannst jetzt natürlich nicht zu jemandem nach Hause fahren, das muss alles über die Gefängnisleitung gehen. Als wir die ersten Tage mit ihm gedreht haben, war er bereits im offenen Vollzug. Das heißt, er hatte über den Tag Freigang und musste abends wieder im Vollzug erscheinen. Als wir die Szenen in der Halle nachgestellt haben, war er schon aus dem Gefängnis entlassen worden.

Sie haben die Wohnung von Maximilian S. nachgebildet und die Szenen nachgestellt, wie sind die Aufnahmen entstanden? Wo haben Sie gedreht?

Dafür haben wir lange gesucht. Wir haben eine riesige, leerstehende Fabrikhalle in Leverkusen gefunden. Es gab oft die Frage, was wollen wir? Wollen wir ein richtiges Fernsehstudio oder wollen wir etwas so etwas Rustikaleres? Wir haben uns dann für die Fabrikhalle entschieden, weil die industrielle Umgebung auch besser zu Max und der Geschichte gepasst hat. Das hat allerdings auch mehr Aufwand bedeutet. Wir konnten die Halle nicht abdunkeln, das heißt, die Nachtszenen mussten auch wirklich nachts gedreht werden und die Halle musste ganz besondere Vorgaben haben. Der Kamera-Kran muss bis auf 14 Meter hochfahren können.

Als Zuschauer sympathisiert man mit Maximilian. Woran liegt das, wenn er doch so ein volles Strafregister vorzuweisen hat?

Das ist von Zuschauer zu Zuschauer unterschiedlich, würde ich sagen. Es gibt auch Leute, die den Film gesehen haben, die nicht mit ihm sympathisieren. Trotzdem hat er als Mensch diese charismatische Seite. Es ist spannend, Protagonisten zu haben, die viele verschiedene Facetten haben, die nicht nur als super nett oder als Arschloch wahrgenommen werden, das sind die spannenden Protagonisten, zu denen Max auch zählt. Der Oberstaatsanwalt Schulz sagt im Film, dass Maximilian S. über einen langen Zeitraum jeden Tag mehrere Straftaten begangen hat und der auch keine Reue gegenüber den Kunden gezeigt hat. Die Aussagen der verschiedenen Interviewpartner haben wir im Film nebeneinander montiert. So kann der Zuschauer das Bild selbst für sich vervollständigen.

Shiny Flakes geht momentan durch die Decke, auch international. Wie fühlt sich das an?

Ich bin ja als Dokumentarfilmer fest davon überzeugt, dass Dokumentarfilme einen festen Platz in der Öffentlichkeit haben sollten und bin glücklich darüber, dass eine Doku es auf Platz 3 in Deutschland, in Frankreich und anderen Ländern in die Netflix-Charts geschafft hat und der Film in allen Ländern am gleichen Tag hochgeladen wurde. Die Verbreitung auf der ganzen Welt ist natürlich surreal.

Was konnten Sie persönlich aus der Produktion mitnehmen?

Es ist für mich die Frage aufgekommen: Wie stark zielt ein Gefängnissystem auf Resozialisierung ab? Der Gefängnisdirektor sagte uns, dass bei gewissen Arten von Verurteilten die Rückfallquoten in die 70 bis 80 Prozent gehen, was mir sagt, dass das Ziel der Resozialisierung während der Haftzeit noch weit von einem Optimum entfernt ist. Die Gefängniszeit ist nicht nur zum Absitzen oder Verbüßen da, sondern sollte mehr zur Resozialisierung genutzt werden. Jeder, der zu Recht verurteilt worden ist, sollte eine Chance haben, nach der Verurteilung und der Strafe nicht mehr rückfällig zu werden und wieder in diese Schleife hineinzugelangen. Das liegt natürlich auch an jedem selber. Aber das war so ein Punkt, der mir in Erinnerung geblieben ist.

Welches Projekt steht nun an?

Ich mache gerade einen 45-Minüter zur Bundestagswahl. Das Thema ist Sexismus und die Frage nach der Gleichstellung der Geschlechter. Und dann mache ich noch einen Vierteiler für Arte, da geht es um die Frage, ob die Welt eine neue Aufklärung braucht. 300 Jahre nach der historischen Aufklärung, sind wir wieder an einem Punkt der Aufklärung und wie müsste die aussehen? Dafür sind wir auf der ganzen Welt unterwegs gewesen. Außerdem ist Netflix sehr zufrieden gewesen mit „Shiny Flakes“, da wird es bestimmt noch mal eine Zusammenarbeit geben.

Von Larissa Pitzen