Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Dalai-Lama gibt seine politische Macht ab
Mehr Welt Panorama Dalai-Lama gibt seine politische Macht ab
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:47 10.03.2011
Ein Gott dankt ab: Der Dalai-Lama tritt von seinen politischen Funktionen zurück. Quelle: dpa
Anzeige

Schon ein paar Mal hatte er es angekündigt, doch nun scheint es ihm ernst: 61 Jahre nach seiner Krönung zum tibetischen Staatsoberhaupt will der Dalai-Lama als politischer Führer der Tibeter zurücktreten und in demokratischen Wahlen einen Nachfolger bestimmen lassen. So hat es der Friedensnobelpreisträger zum 52. Jahrestag des tibetischen Volksaufstands gegen die kommunistischen Herrscher im Jahr 1959 jetzt verkündet.

Der Aufstand führte seinerzeit zur Flucht des Dalai-Lama nach Indien und zur Gründung der dort ansässigen Exilregierung. Bei der Montag beginnenden Sitzungsperiode des Exilparlaments in der indischen Himalaja-Stadt Dharamsala nun will der alte Mann entsprechende Änderungen vorschlagen, um seine Befugnisse an einen gewählten Führer abzugeben. Seine weitaus einflussreichere Rolle als Oberhaupt des tibetischen Buddhismus behält der 75-Jährige aber bei.

Anzeige

„Ich werde nicht in den Ruhestand gehen“, versichert er. Doch seine Ankündigung versetzt den Tibetern einen Schock – für sie wäre es das Ende einer Ära. Es seien Tausende Bitten eingegangen, dass er seinen Rückzug verschiebe, sagt der derzeitige Exilpremierminister Samdhong Rinpoche. Er ist sehr besorgt. Die gewählte Regierung und die Tibeter fühlten sich noch nicht reif genug, die Führung selbst zu übernehmen, meint er. Doch Tendzin Gyatsho, wie der 14. Dalai-Lama mit Mönchsnamen heißt, will sie nun offenbar zwingen, allmählich auf eigenen Füßen zu stehen.

Es ist kein Geheimnis, dass der 75-jährige gesundheitlich angeschlagen ist. Er wolle sich nicht aus der Verantwortung stehlen, sagt er, und: „Es ist nicht, weil ich entmutigt bin.“ Vielmehr werde sein Rückzug den Tibetern langfristig nutzen.

„Eines meiner Ziele, das ich seit meiner Kindheit verfolgt habe, ist die Reform von Tibets politischer und gesellschaftlicher Struktur“, sagt der Dalai-Lama. „Seit den frühen sechziger Jahren habe ich immer wieder betont, dass die Tibeter einen Anführer brauchen, der vom tibetischen Volk frei gewählt wurde und an den ich meine Vollmachten übergeben kann.“ Nun sei der Zeitpunkt gekommen.

Die seit Monaten erwartete Ankündigung ist ein entscheidender Schritt für die Neuorganisation der Exilgemeinde, deren Zusammenhalt maßgeblich vom Charisma ihres politischen und spirituellen Oberhaupts abhängt. Viele Tibeter befürchten, dass die Bewegung nach dem Tod des Dalai-Lama an dem seit Jahren schwelenden Streit über die richtige Strategie im Umgang mit Peking auseinanderbrechen könnte. In seiner Rücktrittsankündigung erhebt der Dalai-Lama schwere Vorwürfe gegenüber der Volksrepublik. „Tibeter leben in ständiger Angst und Sorge“, sagt er. Viele Intellektuelle seien inhaftiert worden, weil sie es gewagt hätten, „Tibets Identität und seinem kulturellem Erbe ihre Stimme zu verleihen“.

Der Dalai-Lama bezieht seine Macht aus der Tatsache, dass er noch im Kindesalter zur 14. Wiedergeburt eines erleuchteten Mönchs erklärt wurde. Bis heute genießt der Mann fast unangefochtene Autorität unter den Tibetern, was Peking erzürnt. Der Dalai-Lama hat den Anliegen der Tibeter nicht nur weltweit Gehör geschafft. Ohne ihn könnte sich die tibetische Bewegung auch schnell in Grabenkämpfen zerreiben. Er will offenbar verhindern, dass nach ihm ein Machtvakuum entsteht, das China in die Hände spielt.

Chinas Regierung, die dem Dalai-Lama separatistische Absichten unterstellt, kommentiert die Ankündigung mit der zu erwartenden Kritik. „Ich glaube, dass es sich um einen seiner Tricks handelt, um die internationale Gemeinschaft zu betrügen”, erklärt eine Außenministeriumssprecherin. „Die Exilregierung ist eine illegale politische Organisation, die von keinem Land der Welt anerkannt wird.“

Letzteres stimmt zwar, doch dass ausgerechnet der Dalai-Lama, den die chinesische Propaganda seit Jahrzehnten als düsteren Tyrannen darstellt, nun in die Moderne eintritt und eine demokratische Nachfolge fördert und fordert, ist für Peking heikel. Seit es im März 2008 zu Zusammenstößen zwischen unzufriedenen Tibetern und Han-Chinesen gekommen war, bei denen mindestens 19 Menschen starben, versucht die Regierung die Unruhezentren in den tibetischen Gebieten mit rabiaten Maßnahmen unter Kontrolle zu bekommen.

Dabei dürfte es Peking nicht entgehen, dass der Dalai-Lama just an dem Tag abdankt, an dem Chinas Parlamentspräsident Wu Bangguo erklärt, ein Mehrparteiensystem sei in der Volksrepublik undenkbar. Bei der Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses sagte die Nummer zwei in der Parteihierarchie: „Chinas nationale Gegebenheiten zeigen deutlich, dass wir keine Rotation politischer Macht zwischen mehreren Parteien und keine Vielfalt politischer Leitideologien zulassen können.“

Deutlich schwerer als die politische Nachfolgeregelung dürfte dem Dalai-Lama allerdings die religiöse fallen. Der Vereinnahmung seines Amtes durch die Kommunistische Partei will der Dalai-Lama womöglich zuvorkommen, indem er schon zu Lebzeiten erklärt, dass auf ihn gar keine Wiedergeburt folgen wird.

Padma Choling, der von Peking ernannte Gouverneur der Autonomen Region Tibet, sprach dem Dalai-Lama Anfang der Woche allerdings das Recht ab, seine Reinkarnation zu verweigern. „Ich finde das unmöglich, wir müssen die historischen Institutionen und religiösen Rituale des tibetischen Buddhismus respektieren“, erklärte er. „Ich fürchte, kein Einzelner kann darüber entscheiden, ob die Institution der Wiedergeburt abgeschafft wird oder nicht.“ Die Reinkarnation sei vom chinesischen Gesetz sogar vorgeschrieben.

Der Dalai-Lama reagierte mit der ihm eigenen Gelassenheit. Es sei allein Sache der Tibeter zu entscheiden, ob die Institution des Dalai-Lama und die Reinkarnation weiterbestehe oder abgeschafft werde. Nun hat er den Tibetern die Sache zur Entscheidung vorgelegt.

Bernhard Bartsch und Christine Möllhoff

Mehr zum Thema

Zum Abschluss seines Deutschland-Besuches ist der Dalai Lama am Montag mit der Ehrendoktorwürde der Universität Marburg ausgezeichnet worden.

03.08.2009

Der Musiker Roger Cicero spielt am 1. August in Frankfurt am Main für den Dalai Lama. Den Dalai Lama bei einem persönlichen Treffen kennenzulernen, sei „eine Herzensangelegenheit für Cicero, der sich mit dem Buddhismus sehr verbunden fühlt“.

21.07.2009

Angespannte Stimmung zwischen den USA und China: Präsident Barack Obama will kommende Woche den Dalai-Lama empfangen, Peking forderte ihn auf, das Treffen abzusagen.

12.02.2010