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Panorama Chat-Bekanntschaft gesteht Tötung von Melanie R.
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16:16 01.11.2010
Im rund 1800 Einwohner zählenden Dorf im Landkreis Peine ist das Entsetzen groß nach dem Mord an Melanie R.
Im rund 1800 Einwohner zählenden Dorf ist das Entsetzen groß nach dem Mord an Melanie R. Quelle: dpa
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Auf der Plattform des sozialen Netzwerks goolive hatte sich der Mörder der 23 Jahre alten Melanie R. aus Peine als Frau ausgegeben und sich so das Vertrauen von Melanie R. erschlichen. Der Mann ist der Polizei bereits bekannt – welche Delikte er in der Vergangenheit begangen hat, gaben die Behörden aber nicht bekannt.

Der Mann, der nach Informationen dieser Zeitung Benjamin F. heißt, hat am Freitag ein Geständnis abgelegt und die Ermittler noch am späten Abend zum Versteck der Leiche in einem Wald bei Rolfsbüttel im Kreis Gifhorn geführt. Ein Richter erließ Haftbefehl wegen eines Tötungsdelikts. Die Obduktion der Leiche habe ergeben, dass „Gewalteinwirkung seitens des Beschuldigten“ zum Tod geführt habe, teilte die Polizei am Wochenende mit. „Der Täter hat der 23-Jährigen unter anderem die Lunge zerstochen und die Kehle durchgeschnitten“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hildesheim. Benjamin F. sitzt in Untersuchungshaft. Weitere Details zur Todesursache gab es nicht. Unbestätigten Angaben zufolge soll Benjamin F. sein Opfer erstochen haben.

Melanie hatte bei goolive offenbar ausdrücklich „Freunde und eine Frau“ zum Kennenlernen gesucht. Die vermeintliche Frau, als die sich Benjamin F. im Internet ausgab, soll sich in ihrem Profil als bisexuell dargestellt haben. Zwei Stunden vor ihrem Verschwinden am Dienstag war die 23-Jährige Peinerin noch im Internet aktiv. Zuletzt war sie am Dienstag gegen 22 Uhr in Peine gesehen worden. Danach verlor sich die Spur der jungen Frau.

Am Mittwochabend, knapp 24 Stunden nachdem eine Zeugin Melanie R. zuletzt gesehen haben will, informierte der Betreiber von goolive die Polizei. „Wir haben die Beamten auch auf das verdächtige Profil der angeblichen Frau hingewiesen“, sagte goolive-Geschäftsführer Robert Pomes. Doch erst am Donnertagnachmittag gegen 17 Uhr, nachdem ein richterlicher Beschluss dafür vorlag, gingen die Beamten den Online-Aktivitäten der 23-Jährigen nach. Wenige Stunden später nahmen sie den 27-jährigen Benjamin F. fest.

Die Polizei lobte die „sehr gute und schnelle Zusammenarbeit“ mit dem Forum. Das habe mit dazu beigetragen, dass der Mann schnell festgenommen und Beweise gesichert werden konnten, sagte ein Polizeisprecher. Der 27-Jährige habe den Leichnam der Getöteten mit ihrem Auto in ein Waldstück im Landkreis Gifhorn gebracht. Nähere Angaben zum Tatort und zum mehrere Kilometer entfernten Fundort sowie zu Verletzungen der Getöteten wollte der Sprecher nicht machen.

Die junge Frau war am vergangenen Mittwoch vermisst gemeldet worden, weil die Floristin, die als zuverlässig galt, nicht zur Arbeit erschienen war. Melanie R. war zuletzt am Dienstagabend von einer Zeugin auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Peine gesehen worden. Sie war nach einem Treffen mit ihrem Freund in Höver in der Region Hannover auf dem Rückweg zu ihren Eltern in Peine. Auf dem Parkplatz könnte es zum Streit zwischen Melanie R. und Benjamin F. gekommen sein, nachdem sich die Internetbekanntschaft als Mann entpuppte. Als möglicher Tatort kommt aber auch der Mittellandkanal im Peiner Stadtteil Vöhrum in Betracht. Spürhunde hatten dort angeschlagen.

Die Ermittler sind sich daher sicher, dass sich ein Teil des Dramas dort abgespielt haben muss. „Es war das erste Treffen, es gab keine Beziehung zwischen Täter und Opfer“, sagte ein Polizeisprecher. Warum der Streit so eskaliert sei, dass der Mann die 23-Jährige tötete, sei noch unklar. Dasselbe gilt für das Motiv des 27-Jährigen: Ob die Tat geplant war, werde noch ermittelt. „Es gibt noch viele offene Fragen.“

In einer ersten Vernehmung hatte der Beschuldigte die Aussage noch verweigert. Vor dem Ermittlungsrichter und in Beisein seines Anwalts räumte er die Tat dann später ein. Er habe die 23-Jährige getötet und dann im Wald versteckt.

Die dörfliche Idylle in Dungelbeck bei Peine ist seit dem Mord derweil aus den Fugen geraten. „Die Einwohner sind tief betroffen“, sagt Ortsratsvorsitzender Bernd Detlef Mau. Er erzählt, dass die Familie des Opfers erst vor sechs oder sieben Jahren in das rund 1800 Einwohner zählende Dorf im Landkreis Peine zog. Unscheinbar steht das Einfamilienhaus am Waldrand in Dungelbeck im Kreis Peine - weder Kerzen noch Blumen deuten auf das schreckliche Verbrechen hin, dass der Familie die Tochter genommen hat. Hinter der weißen Fassade und dem leicht verwitterten Dach lebte die 23 Jahre alte Melanie offenbar gut behütet, bis ihr eine Internetbekanntschaft zum tödlichen Verhängnis wurde.

Warum sich die junge Frau mit der Internetbekanntschaft getroffen hat und was sich vor allem in den folgenden Stunden abspielte, ist noch immer unklar. Sicher ist bislang nur, dass sich der 27-Jährige Festgenommene in den Internetforum unter einem weiblichen Pseudonym angemeldet hatte. Dies sei ein gängiges Vorgehen der Täter, die es zumeist auf Kinder oder junge Frauen abgesehen hätten, betonte ein Sprecher des Landeskriminalamtes in Hannover. „Die zumeist männlichen Täter geben sich oftmals als Mädchen oder junge Frauen aus und erschleichen sich so das Vertrauen ihrer Opfer.“ Um nach mehreren Mails schließlich einen direkten Kontakt zu bekommen, seien die Täter überaus erfinderisch. Beispielsweise gaukeln sie jungen Frauen vor, die im Chat von einer Karriere als Model geschwärmt haben, Kontakte zu Fotoagenturen zu haben.

Die Anzahl dieser Art von Verbrechen hat nach LKA-Angaben in den vergangenen fünf Jahren deutlich zugenommen. Genaue Zahlen werden aber nicht erfasst.

An diesem Dienstagabend (18 Uhr) können sich die Menschen in Dungelbeck bei einer Trauerfeier von Melanie verabschieden. „Es gibt viele, die Anteil nehmen“, sagte Pastor Stefan Leonhardt von der evangelischen Kirche in dem Ort.

Tobias Morchner, Karl Doeleke, dpa