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Panorama Braun werden auf Usedom
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17:50 04.10.2011
Das seebad Heringsdorf zählt zu den Hochburgen der NPD in der Bundesrepublik.
Das seebad Heringsdorf zählt zu den Hochburgen der NPD in der Bundesrepublik. Quelle: dpa
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Usedom

Nirgends scheint die Sonne öfter: 1906 Stunden im Jahr. Klaus Kottwittenborgs sandige Gemeinde Heringsdorf, ein Zusammenschluss der „Drei Kaiserbäder“ Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin auf der Insel Usedom, schwillt auch deshalb jeden Sommer von 10 000 Einwohnern auf 35 000 Menschen an. Aber als nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern die Stimmen ausgezählt waren, fiel einem schlagartig wieder ein, dass die Insel ganzjährig von Menschen bewohnt wird, die das Wetter nur am Rande interessiert.

22,7 Prozent wählten NPD in Usedom-Stadt. 23,9 Prozent in Kamminke, einer Gemeinde an der Grenze zu Polen, und 24,9 Prozent in Bansin-Dorf.

Geist, Geld und Großstadt

Und das, obwohl Usedom eine lebendige Insel ist, ein Sehnsuchtsort. Die Vermietung der Betten generiert jede Saison einen gewaltigen Umsatz, Rentner aus ganz Deutschland siedeln über. Geist, Geld und Großstadt kommen an die Küste. Usedom hat nichts von den Mecklenburger Dörfern, die sich von der Welt aufgegeben wähnen. „Ich hoffe, dass die Touristen das nicht merken“, sagt Kottwittenborg. „Entscheidend ist doch, dass das Produkt gut ist, das angeboten wird.“

Wenn man vom Festland über die Zecheriner Brücke fährt, liegt auf der Seite zum Haff, 20 Kilometer vor dem Strand, Usedom-Stadt. „Früher“, sagt Jochen Storrer, Bürgermeister seit 2005, „habe ich meine Versammlungen mit einer Hand in der Hosentasche geführt.“ Aber seitdem vor zwei Jahren zwei NPDler in die Stadtvertretung kamen, sei eine gewisse Dauerspannung eingezogen. Seither analysiert er Methoden, Ursachen und Lösungen.

Der braune Gürtel

Jochen Storrer trägt Weste, Bart und eine Brille. Er hat festgestellt: Sie liegen hier in einem braunen Gürtel, der sich an der Grenze zu Polen entlangzieht. In diesem Gürtel hat der Wahlerfolg eine gewisse Systematik. Bei den nächsten Kommunalwahlen könnte es in diesem Streifen die ersten braunen Bürgermeister geben.

Im April dieses Jahres stieg plötzlich die Zahl der Hauseinbrüche sprunghaft an. Die Polizeipräsenz wurde verstärkt. Dann verschwanden die Wasserhähne auf dem Friedhof, und das Wasser lief ungehindert die ganze Nacht. „Die Polen“, sagten die Reflexe. „Buntmetall“, sagte Sporrer. Wegen der gestiegenen Metallpreise werde Buntmetall gerade überall geklaut. Sogar in Berlin. Aber Storrers Erfahrung sagt ihm: „Auf dem Friedhof wird viel Politik gemacht.“ Man stelle sich die Witwe vor, die morgens auf den Friedhof kommt, und das Grab ist aufgespült. Die Gemeinde hatte zwei Mal eine Wasserrechnung von 500 Euro. Die NPD hatte den Wahlslogan: „Grenzen dicht.“

NPD wird belächelt

Tatsächlich geht es darum, untereinander immer wieder Grenzen auszuloten. Zwar belächeln die Usedomer die Figuren der NPD. Einer sei gerade von seiner Frau verlassen worden, weil er ihr verboten hatte, beim Italiener zu essen. Über den anderen machte man sich lustig, weil er zwar immer national auftrat, sein Geld aber jahrelang als Maler in Dänemark verdiente. Die NPD-Leute machten keine kreativen Vorschläge in der Stadtverordnetenversammlung, sagt er, und sie seien gegen das meiste. Trotzdem hat sich Storrer für die kleinteilige, nervenzehrende Art entschieden, mit ihnen umzugehen. Denn wenn einem lange genug die Dinge zu banal und klein vorkommen, ist man irgendwann von der Größe seines Problems überrascht.

Eine Grenze war erreicht, als die NPD die neue Sporthalle nutzen wollte und Storrer spitzkriegte, dass sie dort Aufmärsche üben wollte. Da haben sie die Satzung geändert, die fortan nur noch Vereine und Parteien zuließ, die die demokratische Grundordnung anerkennen.

Günther Jikeli, Chemiker, Kopf der mitgliedsschwachen SPD auf Usedom, sagt, dass der Erfolg der Rechten eben nicht nur an deren Methoden liege, sondern auch an der Tatsache, dass sie auf eine gebeutelte Bevölkerung treffen. Es gibt einen Haufen Leute, die nicht arbeiten, wo andere Urlaub machen.

Wechsel in eine neue Ohnmacht

Seine Familie lebt seit Jahrzehnten auf Usedom. Die Fische, die sein Enkel heute früh geangelt hat, schmurgeln in der Pfanne. Ein Foto von Willy Brandts Kniefall hängt gerahmt an der Wand. Und Jikeli zeichnet das Bild einer Usedomer Hinterland-Bevölkerung, für die jeder Machtwechsel nur ein Wechsel in eine neue Ohnmacht war. Sogar das Gefühl, dass die Insel „eigentlich“ den Deutschen gehöre, sei immer noch zu finden.

Als 1945 die Karniner Eisenbahnbrücke von den Nazis gesprengt wurde, um den Vormarsch der Russen um vier Tage zu verzögern, sei im wörtlichen Sinne der Anschluss weggebrochen: kulturell und geistig an Berlin, wirtschaftlich nach Swinemünde.

Nach der Wende wurde das große Sägewerk geschlossen, auch die Molkerei und die Fischfabrik, in der Jikelis Großmutter Rollmöpse gewickelt hatte. Die Usedomer können noch nicht einmal von den Segnungen einer euphorisch erlebten Wiedervereinigung zehren.

Ursachen sind Unzufriedenheit

Warum hat gerade Bansin, das kleinste und romantischste der drei Kaiserbäder, ein Wahllokal, in dem die NPD 24,9 Prozent der Stimmen kassiert? Wird dort womöglich eine Tradition fortgesetzt, die aus den dreißiger Jahren stammt, als Heringsdorf als jüdisches Seebad und Bansin als Badeort der Nationalsozialisten galt? „Das kann man sich in Berlin so ausdenken“, sagt Jikeli. Aber die wahren Ursachen sieht er in der Unzufriedenheit von heute. Es geht um mangelnde Teilhabe. Darum, dass von dem, was wie ein glänzender Aufschwung der Insel aussieht, nur wenige profitieren, die die anderen ausquetschen. „Zum Beispiel hat kein einziges Hotel auf Usedom einen Betriebsrat.“ Das Thema hat sich der SPD-Mann als Nächstes vorgeknöpft. Er bietet einen Stammtisch an, „bisher ist der Erfolg null“.

Auf dem Beifahrersitz des weißen Transporters von Fritz Spalink fährt man landeinwärts, der Wagen findet den Weg zu seinem Lieblingsitaliener ganz von allein.

In jeder Gesellschaft gebe es Leute, die aus irgendeinem Grund das Tempo der Mehrheit nicht mithalten können. Die nicht so arbeiten können oder wollen wie die anderen. Aber noch nie habe diese Bevölkerungsgruppe der Mehrheit Angst gemacht. Sie wurden ja mitgenommen, in der DDR hatten auch sie einen Job, man durfte nur nicht über Effizienz nachdenken dabei. Fritz Spaling ist seit diesem Jahr Vorsitzender des Präventionsrates, der eingerichtet wurde, als 2001 vor der Ahlbecker Kirche ein Obdachloser von Rechten ermordet wurde. Spalink steuert auf den Parkplatz. „Erst haben auch alle Salvatore belächelt“, sagt er, den ersten Usedomer Italiener, der 1992 aus Kreuzberg auf die Insel kam. Er beschäftigte nach italienischer Art seine Frau und später seine Kinder. Doch jetzt, wo scheinbar willkürlich Arbeitsplätze wegfallen und die Gewinne sich bei wenigen häufen, wächst ein verlässlicher Familienbetrieb zu einer paradiesischen Vorstellung heran: Man könne sich die Arbeit untereinander aufteilen. „Es reicht jetzt sogar mittwochs für einen Ruhetag.“

"Eigene Propaganda-Organe"

Enrico Hamisch, Mitglied der Gemeindevertretung von Heringsdorf, gerade in den Kreistag gewählt, ist der erfolgreichste Usedomer Rechte und könnte jetzt seinen Wahlerfolg erklären. „Der Hamisch macht das schon seit über zehn Jahren – suchen Sie mal einen aus einer anderen Partei, der so lange durchhält“, sagen sie hier. Da schwingt Respekt mit.

„Wenn ich mich öffentlich zu äußern wünsche, benutze ich dafür unsere eigenen Propaganda-Organe“, sagt Hamisch am Telefon. Als er daraufhin wie ein Angsthase aussieht, überlegt er es sich anders. Wenn überhaupt, käme er in Begleitung. „Wie wäre es denn nächste Woche?“ Man solle noch mal telefonieren. Aber von nun an wird Hamisch nicht mehr ans Telefon gehen. Die eigenen „Organe“ sind ein Erfolgsmodell. Eines davon, ein Produkt der „Initiative für Volksaufklärung e.V.“, ist der Usedomer „Insel-Bote“, der mehrmals im Jahr in den Briefkästen liegt – und so auch Menschen erreicht, die sonst keine Zeitung lesen.

Die Sorgen und Probleme der Usedomer werden im Heringsdorfer Rathaus in der Obhut des Bürgermeisters wieder geringer. Draußen an der frischen Luft sind überall die Urlauber unterwegs. Die erneuern laufend den Sonnenschutz, denn wo sie herkommen, ist braun sein längst peinlich.

Von Deike Diening