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Panorama Bodenfelde: Haftbefehl gegen Tatverdächtigen erlassen
Mehr Welt Panorama Bodenfelde: Haftbefehl gegen Tatverdächtigen erlassen
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12:31 24.11.2010
Am Bahnhof Bodenfelde nahm die Polizei den Tatverdächtigen fest. Dienstagabend wurde Haftbefehl gegen den 26-Jährigen erlassen. Quelle: dpa
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Fast zwei Tage nach dem Doppelmord an zwei Teenagern im südniedersächsischen Bodenfelde verzeichnet die Polizei einen Fahndungserfolg: In der Nacht zum Dienstag nahm sie am Bahnhof des Dorfes einen Tatverdächtigen fest. Dienstagabend wurde gegen ihn Haftbefehl wegen zweifachen Mordes erlassen. Der Haftrichter nannte Mordlust als Tatmerkmal. Im Laufe des Tages seien immer mehr „handfeste Sachbeweise“ gegen den 26-Jährigen hinzugekommen, sagte Oberstaatsanwalt Hans Hugo Heimgärtner.

Der Mann wohnt in Uslar im Landkreis Northeim, in dem auch Bodenfelde liegt. Hinweise, wonach er zuletzt eine Drogen-Entzugstherapie in einer örtlichen Betreuungseinrichtung gemacht haben soll, wollte die Polizei am Dienstag weder bestätigen noch dementieren. Für Mittwoch kündigte sie eine Pressekonferenz zum Doppelmord an – man hoffe, es sei die letzte, so die Polizei. Das gilt als Hinweis darauf, dass der Fall aufgeklärt ist. Der Verdächtige wollte sich am Dienstag in den Vernehmungen nicht äußern.

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Nach der Obduktion der Leichname der 14-jährigen Nina und des 13-jährigen Tobias in der Göttinger Rechtsmedizin steht indes seit Montag fest, dass der Doppelmord kein Sexualverbrechen war. Entsprechende Vermutungen hatte es am Montag gegeben. Heimgärtner machte am Dienstag klar, er teile bewusst mit, dass es kein Sexualdelikt war, um die besorgte Bevölkerung zu beruhigen. „Für viele war es einfach beunruhigend davon auszugehen, dass dort ein Sexualstraftäter durchs Dorf rennt“, sagte Heimgärtner.

Nicht bestätigen wollte der Staatsanwalt, dass Nina mehrere Tage beim mutmaßlichen Täter gewohnt hat. Das Mädchen war bereits am Montag vergangener Woche von zu Hause ausgerissen, dann aber noch mehrfach von Mitschülern im Ort gesehen worden. Tobias war Sonnabendabend verschwunden. Er hatte zuvor einen Freund zum Bahnhof gebracht.

Am Dienstag kehrte ein Stück Normalität in das Dorf zurück. Der Schulunterricht an der Heinrich-Roth-Gesamtschule, die auch die Mordopfer besucht hatten, begann wieder. Die Schulpsychologen der Landesschulbehörde werden noch einige Zeit bleiben. Am Dienstagabend fand eine Trauerfeier für Nina und Tobias in Bodenfelde statt.

Rund 500 Menschen kamen zur Trauerfeier

Auf einer Tafel im Altarraum der Bodenfelder Christus-Kirche blickt man in die Seele einer Trauergemeinde. Freunde, Bekannte und Angehörige der getöteten Kinder haben dort aufgeschrieben, was sie der 14-jährigen Nina und dem 13-jährigen Tobias gern sagen würden. Einer hat dort hinterlassen: „Sie war oft ausgegrenzt. Aber Nina war ein tolles Mädchen, sie hatte einen sehr eigenständigen Charakter.“ Auf einer anderen Tafel steht in schlichter Schönheit: „Ich glaube, sie ist jetzt im Himmel.“ Ein Schulkamerad vom getöteten Tobias schrieb: „Er war ein so guter Kumpel – und jetzt?“ Als Pastor Christian Tappe diese Sätze vorliest, ist es völlig still in der mit mehr als 500 Besuchern voll besetzten Christus-Kirche. Nur einige Schluchzer sind hier und da zu hören.

Mehr als eine Stunde lang nahmen die Bodenfelder gemeinsam mit den Trauerfamilien gestern Abend Abschied von den ermordeten Teenagern. In den Predigten von Pastoren aus Uslar, Bodenfelde und von der ortsansässigen Freikirche stand immer wieder eine Frage im Raum: die nach dem Warum. Eine Antwort konnten auch die Prediger nicht geben. Der Bodenfelder Pastor Mark Trebing beschrieb die Gemütslage des Ortes als „sprachlos, fassungslos, erschüttert“. „Der vergangene Sonntag hat unser aller Leben sehr verändert.“

Die evangelisch-lutherische Kirche war schon in den vergangenen Tagen immer wieder Anlaufpunkt für Klassenkameraden, Angehörige und Bekannte der getöteten Teenager. Zu jeder vollen Stunde ließ Pastor Trebing die Glocken läuten. „Gegen das Loch im Herzen aller“, wie es in der Predigt hieß. Außerdem waren die Räumlichkeiten immer geöffnet. Besonders bewegend empfanden die Trauernden die musikalischen Einlagen einiger Jugendlicher zwischen den Predigten. Sie sangen zur Gitarre unter anderem „Tears in Heaven“ von Eric Clapton in einer herzzerreißend traurigen Version. Der Pastor griff den Popsong auf, schließlich handelt er von dem Tod eines Kindes und davon, wie es wäre, wenn man sich im Himmel wiedertreffen würde. „Würden sie sich dort erkennen, wäre dann alles wieder gut?“, fragte Trebing. Und gab die Antwort ebenfalls mit Clapton. „Nein, der Himmel ist nicht der Ort der Lebenden.“

Dies ist die Botschaft der Geistlichen an diesem Abend in der Dorfkirche an der Weser. Der Popstar Eric Clapton, der selbst seinen Sohn im Alter von fünf Jahren verloren hat, tröstet sich am Ende mit dem Satz: „Im Himmel gibt es keine Tränen.“ Noch wird das den vielen Trauernden in Bodenfelde kaum helfen. Aber vielleicht ja irgendwann.

Exklusive Reportage aus Bodenfelde:

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Dirk Schmaler, Marina Kormbaki und Jürgen Gückel

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