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Panorama Bodenfelde: Haftbefehl gegen 26-jährigen Verdächtigen
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16:03 26.11.2010
Polizei und Justizbeamte führen den Tatverdächtigen zum Doppelmord in Bodenfelde aus dem Amtsgericht Northeim. Quelle: dpa
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Nach dem Doppelmord an zwei Teenagern im niedersächsischen Bodenfelde hat das Amtsgericht Northeim am Dienstagabend Haftbefehl gegen den 26-jährigen Tatverdächtigen erlassen. Das sagte eine Sprecherin der Nachrichtenagentur dpa.

Nach der Vorführung beim Haftrichter sollte der 26-Jährige in Untersuchungshaft genommen werden. „Er macht keine Angaben zur Sache“, sagte der Sprecher der Göttinger Staatsanwaltschaft, Hans Hugo Heimgärtner, der Nachrichtenagentur dpa. „Wir arbeiten hier mit Hochdruck daran, möglichst schnell Erfolg melden zu können", heißt es weiter. Im Laufe des Tages seien immer mehr belastende Beweise gegen den Mann hinzugekommen, sagte Heimgärtner. Es handele sich um „handfeste Sachbeweise“.

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Für Mittwochvormittag haben die Behörden eine Pressekonferenz angesetzt. Man hoffe, es sei „die letzte im Fall Bodenfelde", hieß es.

Die vielleicht entscheidende Spur in dem mysteriösen Fall aus Südniedersachsen verdichtete sich bereits in der Nacht zu Dienstag. Die Polizisten hatten da schon 16-Stunden-Schichten geschoben, bis in die Nacht sind sie den Hinweisen aus der Bevölkerung nachgegangen, haben Anwohner befragt. Gleichzeitig war am späten Abend die Obduktion der Leichen abgeschlossen. Das vorläufige Ergebnis: Anders als zunächst befürchtet, sind die getöteten Nina und Tobias, 14 und 13 Jahre alt, wohl nicht Opfer eines Sexualstraftat geworden. Zunächst hatte man den Fundort der Leiche so gedeutet, weil beide Teenager-Leichen teilweise entkleidet an dem Bach gefunden wurden. Weitere Einzelheiten des Obduktionsergebnisses wollen die Ermittlungsbehörden vorerst für sich behalten.

Dann ging alles ganz schnell. „Wir haben mehrere Hinweise, die alle in die gleiche Richtung führen", sagte ein Polizeisprecher. Noch in der Nacht wurde der 26-Jährige am Bahnhof in Uslar in der Nähe Bodenfeldes festgenommen, wie die Polizei bestätigte. Der Mann stammt aus der Region. Weitere Details über den Tatverdächtigen wollte die Polizei nicht preisgeben.

Warum Nina und Tobias, die beiden so unterschiedlichen Teenager aus Bodenfelde, sterben mussten, ist aber nach wie vor unklar. Bis zum Nachmittag sollte die Befragung des Tatverdächtigen andauern, dabei geht es wohl vor allem um die Frage des Alibis. Einiges spricht jedoch dafür, dass der Mann, der in der Nacht im Nachbarort festgenommen wurde, der selbe ist, bei dem die 14-jährige Nina bereits die vergangene Woche verbracht hat. Das Mädchen, das viele im Ort als „sozial schwierig" beschreiben, war seit Montag nicht mehr zu Hause gewesen, wurde aber von mehreren Schulkameraden im Dorf gesehen. Wie der 13-jährige Tobias in die Fänge des Mörders geraten konnte, wäre auch bei dieser Variante noch völlig unklar.

Das Landgericht bestätigte inzwischen Medienberichte, dass der Tatverdächtige seit der Entlassung aus einer Entzugsanstalt Ende 2009 unter sogenannter Führungsaufsicht gestanden hat. Aus der Anstalt hätten die Ermittler auch einen entscheidenden Hinweis erhalten: Das Handy, das die Polizei am Fundort der Leichen entdeckt haben soll, hatten Mitbewohner der Einrichtung als Handy des Tatverdächtigen identifiziert, heißt es in dem Bericht weiter. Die Polizei wollte dies offiziell noch nicht bestätigen.

Die Schüler an der IGS Bodenfelde und deren Eltern reagieren erleichtert, als sie von den Fortschritten bei der Tätersuche hören. „Ich habe keine ruhige Minute, wenn meine Tochter nicht bei mir ist", sagt eine Mutter, als sie ihr Kind vor der Schule in Empfang nimmt. Die Schule hatte am Montag auf ihrer Internetseite einen Brief an Eltern und Schüler veröffentlicht. „Die noch ungeklärten Umstände dieses Todes zweier junger Menschen sind für uns schockierend und schwer zu akzeptieren", hieß es dort. Man werde am Dienstag den Unterricht wieder aufnehmen, um möglichst auch in der Schule zu einer „Normalität“ zurückzukehren, heißt es in dem Brief der Schulleitung weiter.

Die Streifenwagen, die am Montag noch die Schule der Opfer bewachten, sind da wie auch anderswo im Ort, längst verschwunden. Vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass sich die Beamten ziemlich sicher sind, den Richtigen gefunden zu haben. In Polizeikreisen konnte man dann auch schon leichte Erleichterung heraushören.

Im Ort selbst jedenfalls haben nach drei Tagen Ausnahmezustand die Aufräumarbeiten schon begonnen. Walter Münder, der Besitzer des Waldstücks am Mühlenbach, an dem die Leichen am Sonntag gefunden wurden, inspiziert erst einmal sein Grundstück. „Die haben mich hier ja seit Sonntag nicht mehr raufgelassen", sagt der 76-Jährige. Er räumt die zurückgelassenen Absperrbänder der Polizei weg, geht allein durch den kleinen Wald. Vorsichtshalber hat sich der rüstige Rentner mit einer Mistforke und einem Schraubenschlüssel bewaffnet. „Man weiß ja nie so genau." Es sieht so aus, als könnte sich das schon bald ändern.

Fall Mirco: Keine Verbindung zu Doppelmord in Bodenfelde

Zwischen dem Doppelmord in Bodenfelde und dem Verschwinden von Mirco aus Grefrath gibt es nach Polizeiangaben keinerlei Verbindung. „Nach derzeitigem Erkenntnisstand ist zwischen beiden Fällen kein Zusammenhang erkennbar“, sagte Polizeisprecher Willy Theveßen am Dienstag. Die Leiter der Sonderkommission Mirco sowie der Mordkommission im Fall Bodenfelde hatten am Dienstag telefoniert und routinegemäß die Spurenlage verglichen.

600 Menschen bei Gedenkgottesdienst

Mehr als 600 Menschen haben am Dienstagabend an dem Gedenkgottesdienst für die beiden getöteten Jugendlichen in Bodenfelde teilgenommen. Angehörige, Mitschüler und Nachbarn von Nina und Tobias waren in die Christuskirche der südniedersächsischen Gemeinde gekommen. Kirchenvorsteherin Hera Dietrich sagte: „Wir sind in Gedanken und im Herzen bei Nina und Tobias“. Der Tod der Jugendlichen sei eine harte Prüfung. Viele Trauernde hatten vor dem Altar und am Taufbecken Kerzen angezündet und Blumen nieder gelegt.

Dirk Schmaler / Frerk Schenker / dpa / afp

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