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Panorama Begehrte Objekte im globalisierten Pferdemarkt
Mehr Welt Panorama Begehrte Objekte im globalisierten Pferdemarkt
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06:16 07.05.2012
Von Heinrich Thies
Quelle: Martin Steiner
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Verden

Diesem Fohlen ist anzusehen, welche Energien in ihm stecken. Mit übermütigen Sprüngen umtänzelt es seine Mutter, den Schweif hochgestellt, die Hinterbeine kraftvoll abgehoben. Temperament, Eleganz und Anmut liegen in dem Tanz auf der Leinewiese.

Züchter Jürgen Rump verbindet große Hoffnungen mit dem Fohlen. Es ist zwar erst sechs Wochen alt und hat noch keinen Namen, aber Pferdekenner haben es schon in den höchsten Tönen gelobt. Kein Wunder. Es ist von edler Herkunft. Sein Vater, der Hengst Don Index, gehört dem Celler Landgestüt an. Die nächsten drei Jahre wird es voraussichtlich noch in der Leinemarsch in Norddrebber bei Schwarmstedt verbringen, aber dann soll es als Dressurpferd glänzen - vielleicht sogar Pferdeliebhaber in fernen Ländern bezaubern. Denn es gehört der Rasse der Hannoveraner an, und vierbeinige Hannoveraner sind in aller Welt begehrt.

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Bei den Auktionen in Verden geht mittlerweile etwa jeder zweite Hannoveraner ins Ausland. Von 1061 versteigerten Rössern passierten 2011 rund 450 die Grenze, Mitte der Neunziger waren es noch nicht mal 20 Prozent. In speziellen Frachtboxen werden die Hannoveraner auch nach Übersee ausgeflogen - jeweils zu dritt. Vor allem in die USA, aber auch nach Australien, Chile, Indien und in steigender Zahl nach China. Bei der letzten Eliteauktion in Verden wechselten allein drei Hannoveraner dorthin. Ganz oben rangiert Russland als Abnehmergebiet.

Begehrte Objekte auf dem Markt der globalisierten Pferdezucht sind nicht nur junge Rösser, sondern auch die Samen der begehrten Hengste. Sie werden tiefgefroren in alle Welt versandt. Wer Wert auf Zuverlässigkeit legt, lässt sich Frischsamen kommen - notfalls per Luftpost.

Besonders hoch im Kurs steht derzeit Totilas, der Deckhengst Paul Schockemöhles, der in einem Stall in Mühlen im Oldenburger Münsterland gehätschelt wird. Für gut acht Millionen Euro hat der frühere Springreiter das erfolgreiche Dressurpferd 2010 in Holland gekauft. Heute zahlen Züchter in aller Welt für eine Portion von Totilas Sperma 4000 Euro - und noch einmal den gleichen Betrag, wenn die Stute trächtig wird. Wie üblich durch künstliche Besamung, nicht durch den traditionellen „Natursprung“. Im Übrigen ist Totilas natürlich ein Ausnahmepferd und Schockemöhle kein gewöhnlicher Züchter. Der umtriebige Speditionsunternehmer hält allein 400 Pferde in Mühlen und weitere 3500 auf seinem Gestüt Lewitz in Mecklenburg.

Da kann Jürgen Rump mit seinen 20 Pferden natürlich nicht mithalten. „Das ist eine andere Liga“, sagt der Landwirt, der froh war, als er bei einer Auktion einmal 44.000 Euro für ein Pferd erzielte. 90 Prozent der Pferde wechselt außerhalb von Auktionen den Besitzer - zu Preisen, die oft nicht die Kosten decken. Bäuerliche Züchter wie Rump haben es schwer in der Branche, die immer mehr von Pferdeliebhabern bestimmt wird, die nicht aufs Geld achten müssen.

Das Exportgeschäft ist Rump dennoch vertraut. Denn der 58-Jährige ist stellvertretender Vorsitzender des Hannoveranderverbands, mit 15.000 Mitgliedern einer der größten Pferdezuchtverbände der Welt. In dieser Funktion reist Rump rund um den Globus, um Pferde zu bewerten und Kontakte zu pflegen. Denn auch in Zeiten der Globalisierung ist Pferdekauf noch Vertrauenssache - und manche bieten bei den Auktionen per Telefon aus der Ferne. Gleichwohl ist jeder, der viele Tausend Euro für ein Pferd ausgibt, bestrebt, sich ein objektives Bild zu machen. Seit einigen Jahren etwa gehört eine Röntgenaufnahme zum absoluten Muss. Nach Meinung Rumps ist so ein „Pferde-Tüv“ nicht unproblematisch. „Ein Pferd muss auch Charakter haben und mit dem Menschen kooperieren. Das lässt sich nicht einfach messen.“

Doch mit dem Röntgenbild ist zumeist auch ein beratendes Tierarztgespräch verbunden, und schon einen Monat vor der Auktion wird ein Vorabvideo ins Internet gestellt. Hinzu kommen Aufnahmen der aktuellen Präsentation.

Die Preise liegen bei den Eliteauktionen im Schnitt zwischen 20.000 und 25.000 Euro und bei den Zwischenauktionen - wie an diesem Wochenende - noch 10.000 Euro darunter. Bisweilen aber schnellen die Summen mächtig hoch. Im Herbst lag der Spitzenpreis bei 90.0000 Euro - dank Lemony’s Nicket.

Manchmal jubeln Züchter, deren Namen man gar nicht mit Pferden verbindet. 2007 zum Beispiel freute sich Stefan Aust in Verden über einen Rekordpreis. Immerhin 400.000 Euro kassierte der frühere Spiegel-Chefredakteur für seine fünfjährige Argentina. Wie bei Lemony’s Nicket erhielt ein Amerikaner den Zuschlag. „So ein tolles Ergebnis erzielt man natürlich nicht jeden Tag“, sagt der 65-jährige Bauernsohn. Wie Jürgen Rump weiß auch Aust, der seit 40 Jahren Pferde züchtet und heute ein Hannoveraner-Gestüt in Armstorf bei Bremervörde betreibt, dass Pferdezucht mit Risiken verbunden ist - und der Erfolg mit Misserfolgen einhergeht. Austs Motto lautet daher: „Ein gutes Pferd frisst genau soviel wie ein schlechtes Pferd.“

04.05.2012
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