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Panorama Bedroht: Die Kirche im Dorf
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20:45 01.05.2012
Von Heinrich Thies
Kleine Gemeinden klagen über Entmachtung durch Sitzverlust in Kirchenkreistagen. Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Friedland

Friedland. Diemo Rollert ist besorgt. Der Friedländer Gemeindepastor spricht von Existenzangst und Verunsicherung. „Ich habe Angst, dass die großen Kirchengemeinden in Zukunft über die Köpfe der kleinen hinweg entscheiden und sie damit wegfegen.“

Die Sorge des Dorfpastors bezieht sich auf einen Beschluss der Landessynode. Danach entscheidet künftig die Zahl der Kirchenmitglieder darüber, ob und in welcher Stärke eine Kirchengemeinde im Kirchenkreistag vertreten ist. Bisher hatte jede Gemeinde - egal wie klein - Sitz und Stimme in dem Kirchenparlament, das erheblichen Einfluss auf die Zuweisung von Gemeindepastoren hat. Eine Befugnis, die in Zeiten der kirchlichen Sparzwänge über Wohl und Wehe des kirchlichen Lebens auf dem Dorfe entscheidet.

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Der Gemeindeverbund Friedland mit seinen elf Kirchengemeinden und tausend Jahre alten Gotteshäusern ist besonders hart von der Gesetzesänderung betroffen. „Die Zahl unserer Sitze schrumpft von 15 auf fünf“, sagt Rollert. Gleichzeitig werde zwar auch die Mitgliederzahl der Kirchenkreistage von 100 auf 75 reduziert, unterm Strich aber ergebe sich ein Einflussverlust von 50 Prozent. Die Friedländer haben daher mit einem Brandbrief protestiert - für Pastor Rollert nämlich ist die Neuordnung der Kirchenkreistage „eine ganz klare Entmachtung der kleinen Gemeinden“.

Ähnlich sieht dies die Vorsitzende des Kirchenvorstandes Lichtenhagen. „Ich fürchte, dass man jetzt die Landgemeinden noch mehr als bisher ausbluten lässt und dafür Prestigeobjekte in der Stadt fördert“, sagt Ellen Ronshausen, deren Gemeinde zu Friedland gehört. „Die Arbeit der dörflichen Kirchenvorsteher wird einfach nicht mehr gewürdigt.“ Besonders empörend ist für die Friedländer, dass im benachbarten Göttingen die großen Innenstadtgemeinden St. Johannis und St. Jacobi die Kirchenreform durch ihre Anträge maßgeblich vorangetrieben haben. Die Göttinger machten folgende Rechnung auf. Die ländlichen Kirchengemeinden mit rund 29 400 Gemeindegliedern könnten die städtischen mit rund 48 900 Gemeindegliedern im Kirchenkreistag überstimmen. Die Argumentation der „Städter“ fiel auf fruchtbaren Boden.

Die Landesynode sah noch einen weiteren Grund für eine neue Regelung. Bisher nämlich verloren Gemeinden Kirchenkreistagssitze, wenn sie sich mit anderen zusammenschlossen. In einer Beschlussvorlage der Landessynode wird daher darauf hingewiesen, dass bisher die Fusion von Kirchengemeinden dadurch behindert worden ist. Zum Beispiel im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf.

Dabei ist die Fusion von Kirchenkreisen von der Landeskirche ausdrücklich erwünscht. Um zu verhindern, dass sich damit die Zahl der Kreistagssitze vervielfacht, beschloss die Landessynode eine Obergrenze. Danach soll kein Kirchenkreistag größer sein als die Landessynode selbst. Derzeit gibt es in der Landeskirche Hannovers 56 Kirchenkreise mit 1326 Gemeinden. Die regionalen Unterschiede allerdings sind groß. So gehören dem Kirchenkreis Hildesheimer Land-Alfeld 85 Kirchengemeinden an. Der zugehörige Kirchenkreistag ist mit 163 Mitgliedern größer als der niedersächsische Landtag.

Besonders die Gemeinden auf dem Lande betrachten die kirchliche Fusionierungswut mit großem Argwohn. „Die Kirchengemeinden verlieren ihre Identität, die persönliche Beziehung geht verloren“, sagt zum Beispiel Silke Deyda, Pastorin in der besonders rührigen Gemeinde Eickeloh im Kirchenkreis Walsrode. „Dabei wäre es gerade wichtig, die Besonderheiten zu betonen.“ Im Hintergrund schwingt dabei immer die Sorge mit, dass die Pfarrstellen auf dem Dorfe noch weiter abgebaut werden.

So betrachten die kleinen Kirchengemeinden landauf, landab ihre drohende Entmachtung mit Sorge. Sie fürchten, dass sich noch mehr Menschen von der Kirche abwenden, wenn das überschaubare Nest der Dorfgemeinde verlorengeht. „Man fragt sich, wie es weitergehen soll“, sagt der Friedländer Pastor Rollert. „Was wird aus dem kirchlichen Leben auf dem Land? Was wird aus unseren mittelalterlichen Kirchen?“ Immer mehr, sagt der Pastor, stelle sich die Frage, ob es bei all dem vor allem darum gehe, die kleinen Kirchengemeinden geräuschlos abzuwickeln.