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Panorama Ballon-Odyssee mit Happy End
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20:25 16.10.2009
Er liebt Abenteuer wie sein Held Huckleberry Finn: Nun wurde Falcon in einem Heliumballon über dem Himmel Colorados vermutet. Zu Unrecht. Der Junge hatte sich zu Hause auf dem Dachboden versteckt.
Er liebt Abenteuer wie sein Held Huckleberry Finn: Nun wurde Falcon in einem Heliumballon über dem Himmel Colorados vermutet. Zu Unrecht. Der Junge hatte sich zu Hause auf dem Dachboden versteckt. Quelle: afp
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Über zwei Stunden lang hielt Falcon Heene, ein Sechsjähriger, der gerne herumstromert wie sein Held Huckleberry Finn, die Amerikaner in Atem. Um ihn hatte sich bereits eine aufregende Reality-Show gedreht, die spannender war als alles, was Sendungen dieses Schlages gewöhnlich zu bieten haben.

Falcons jüngstes Abenteuer begann damit, dass sein Bruder Bradford atemlos schilderte, was er gesehen hatte. Er erzählte, dass Falcon im heimischen Garten in die Gondel eines großen silbrig glänzenden Ballons geklettert ist, kurz bevor sich die Halteseile lösten. Und dann war Falcon, das Nesthäkchen der Familie, plötzlich verschwunden. Bradford alarmierte seine Eltern und die die Polizei. Es dauerte nicht lange, da stiegen Kamerateams mit Hubschraubern auf, um das Drama zu filmen. Barack Obama, der Hurrikanopfern in New Orleans zur selben Zeit bessere Aufbauhilfe versprach, war vergessen. Die Medien interessierte nicht länger für den US-Präsidenten, sondern nur noch dafür, was sich am Rande der Rocky Mountains abspielte.

Von böigen Winden getrieben, raste der heliumgefüllte Ballon mit etwa 50 Stundenkilometern nach Südosten. Von Fort Collins, dem Wohnort der Heenes, näherte er sich dem Flughafen Denver. Die Leitzentrale unterbrach den Luftverkehr, Rettungsteams schwärmten aus, es herrschte so etwas wie Ausnahmezustand. Einmal sah es so aus, als sei etwas aus der bedrohlich schwankenden Gondel gefallen. Als das Silberding endlich nach einer Strecke von rund 70 Kilometern auf einem Acker in der Nähe von Denver landete, hatte die Spannung ihren Höhepunkt erreicht. War der Junge noch drin? Lebte er? Aber von Falcon fehlte jede Spur.

Kurz darauf kroch der Sechsjährige aus seinem Versteck daheim in Fort Collins. Er war auf dem Dachboden in eine Kiste geklettert und hatte sich über Stunden nicht mehr herausgewagt. „Warum bist du nicht rausgekommen?“, fragte sein Vater live in der CNN-Talkshow von Larry King. „Du hast doch gesagt, dass wir es für eine Show machen“, antwortete der Junior, was nun wieder den Senior in höchste Verlegenheit stürzte. Plötzlich wollten Reporter wissen, ob etwa alles nur ein Schauspiel war, heiße Luft, gut inszenierter Schwindel.

„Ich bin ziemlich erschrocken“, gab der Verdächtige zurück, „dass ihr Kerle mir so etwas unterstellt“, nach dieser Achterbahn der Gefühle. Nun, die Angst, die Panik der Heenes habe er durchaus als echt empfunden, gab der zuständige Sheriff zur Protokoll. „Aber nun werden wir noch ein paar Fragen mehr stellen.“

Das Stammpublikum der TV-Serie „Wife Swap“, der amerikanischen Version der Dokusoap „Frauentausch“, kennt Richard Heene als einen Mann, der sich vor Kameras gekonnt in Szene zu setzen weiß. Irgendwie wirkte er sympathisch, als er mit seinen drei Söhnen mitmachte bei dem Experiment, für ein paar Tage die Ehefrau beziehungsweise Mutter zu tauschen. Ein wenig chaotisch, aber ein echtes Original.

In seiner Freizeit ist er ein Sturmjäger. Sobald Meteorologen vor einem Tornado warnen, schwingt sich Heene hinters Lenkrad seines „Sturmmobils“, der Forschung und wohl noch mehr des Kitzels wegen. Angeblich schläft die komplette Familie in Alltagskleidung, sodass keine Zeit fürs Anziehen draufgeht, wenn alle fünf nach draußen hasten, um Windhosen nachzujagen. Auch der Ballon im Garten sollte helfen, die Naturgewalt zu ergründen. Wollte der Hobbywissenschaftler bloß die Werbetrommel rühren? Typisch amerikanisch, mit großer Show?

Das mit der Reklame hat Sohnemann Falcon schließlich doch noch ein Stück abgeschwächt. „Daddy hat mich erschreckt, weil er so laut geschrien hat“, schob er nach. „Deswegen bin ich hoch auf den Dachboden.“

von Frank Herrmann