Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Australien schaut Zyklon „Yasi“ ins Auge
Mehr Welt Panorama Australien schaut Zyklon „Yasi“ ins Auge
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:27 02.02.2011
Der riesige Zyklon „Yasi“ tobt unmittelbar vor der australischen Nordostküste.
Der riesige Zyklon „Yasi“ tobt unmittelbar vor der australischen Nordostküste. Quelle: dpa
Anzeige

„Die Palmen schwanken wie Grashalme.“ Kurz vor Mitternacht Ortszeit, dem angekündigten Höhepunkt von „Yasi“, hat sich Melanie Raimondo in der australischen Küstenstadt Cairns gestern noch einmal vor die Tür gewagt, „obwohl ich das nicht sollte“. Der Strom war da in Teilen der Stadt bereits ausgefallen. Als AssistenzManagerin des Hotels „Bay Village“ schaute sie dem Zyklon direkt ins Auge – und versuchte, irgendwie ihren Optimismus zu behalten. „Ich lächle seit 16 Stunden durchgehend“, sagte die 36-Jährige, die 2005 aus Delmenhorst in den Bundesstaat Queensland ausgewandert ist, am Telefon. Die verbliebenen Gäste, die trotz Nebensaison immerhin noch 50 der 90 Zimmer belegen, sollten nicht merken, dass auch die Vizechefin Angst vor dem Zyklon hat.

Mit Geschwindigkeiten von rund 290 Stundenkilometern traf „Yasi“ gestern gegen 15 Uhr (MESZ) – zwei Stunden später als vorhergesagt – auf die australische Nordostküste. Mit Stärke fünf war der tropische Wirbelsturm vergleichbar mit Hurrikan „Katrina“, der 2005 verheerende Schäden im US-amerikanischen New Orleans angerichtet hatte. Zehntausende verbarrikadierten sich in ihren Häusern. „Die nächsten 24 Stunden werden – offen gesagt – für viele Menschen schreckliche 24 Stunden sein“, hatte Queenslands Regierungschefin Anna Bligh angekündigt. Mehrere Stunden lang sollte der Sturm mit voller Kraft wüten und auch weiter im Landesinneren Schäden anrichten. Es würden schwere Sturmfluten mit bis zu sieben Meter hohen Wellen und Hochwasser erwartet. Bereits Stunden vor dem Landfall peitschten Vorläufer des Sturms über die Küste, rissen Strommasten und Bäume um. Im kleinen Badeort Innisfail deckten sie nach Angaben von Bürgermeister Bill Shannon das Dach einer Notunterkunft für 500 Menschen ab.

Zur Flucht ins Landesinnere war es am Mittwoch zu spät. Daheimgebliebene sollten sich zu Hause verbarrikadieren und unbedingt dort ausharren, auch wenn das Dach ihres Hauses wegfliege, mahnte Zivilschutz-Koordinator Ian Stewart. Dies sei allemal besser, „als in Panik auf die Straße zu laufen“.

Während Teile der 122.000-Einwohner-Stadt Cairns von Armeeangehörigen noch am Vormittag in eine der sieben Notunterkünfte evakuiert worden waren, hielt Melanie Raimondo mit den meisten ihrer Mitarbeiter und Gäste die Stellung im Hotel, das nur etwa 100 Meter vom Strand entfernt liegt. Zwei Tage lang hatten sie das 90-Zimmer-Gebäude auf „Yasi“ vorbereitet. Drei Nächte hat Raimondo bereits im Hotel verbracht – und wenig geschlafen. Alles was im Außenbereich beweglich schien, verfrachteten die Mitarbeiter ins Haus, sicherten alle Fenster mit Teppichklebeband und deckten sich mit Batterien für Radios sowie mit Kerzen und Taschenlampen ein. Mit Ansagen hielt das Personal die Gäste – darunter eine Reisegruppe aus Deutschland – auf dem Laufenden. „Wir sind gut vorbereitet“, sagte die Hotelmanagerin.

Die australische Nordostküste ist an schwere Stürme vor allem in der derzeitigen Regenzeit gewöhnt. Die Häuser seien überwiegend solide gebaut, sagt Raimondo. Erst im Januar war es nach andauernden Regenfällen zu heftigen Überschwemmungen gekommen. Vor fast fünf Jahren habe zudem Zyklon „Larry“ in der Gegend gewütet und insbesondere in den Wäldern außerhalb der Stadt eine Schneise der Zerstörung hinterlassen, erinnert sie sich. „Jetzt haben wir etwas, dass fünfmal größer wird.“ Das städtische Krankenhaus, das direkt auf dem schmalen Streifen zwischen dem Ozean und dem „Bay Village“ liegt, könnte als Windschutz wirken, hofft sie.

Raimondos Dauerlächeln ist berufsbedingt. In ihrem Inneren sehe es jedoch anders aus, gibt sie zu. Nur muss die Auswanderin Optimismus zeigen und beruhigen. Als die ersten Meldungen über den Zyklon eintrafen, seien viele Gäste zunächst in Panik geraten, sagt sie. Auch wegen Übersetzungsfehlern: Während australische Meteorologen eine „hohe Flut“ angekündigt hätten, sei in deutschen Medien von möglichen Tsunamis gesprochen worden. Mittlerweile herrsche Pragmatismus im Moment des Unabänderlichen. „Man muss es schließlich aussitzen“, sagt sie. Sogar eine Art „Partystimmung“ hat sie unter den Gästen ausgemacht.

Auf der anderen Seite des Zyklonauges, in der Stadt Townsville, hat sich zeitgleich Kelly Donohue in ihrem Haus verbarrikadiert. Die Mitarbeiterin von GOstralia, der Repräsentanz australischer Universitäten in Deutschland, wird von ihren deutschen Kollegen mit SMS die Entwicklungen rund um „Yasi“ informiert. „Das Haus macht seltsame Geräusche“, schreibt sie zurück. „Es wird jetzt richtig beängstigend. Wenn es noch schlimmer wird, ziehen wir ins Badezimmer um.“ Während vor ihren Augen das Fernsehbild immer mehr flimmert, setzt Hotelmanagerin Raimondo derweil auf das Motto der Australier. „Die sehen alles mit Humor“, erzählt sie.

Sebastian Harfst