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Panorama "Auf einmal war alles weg"
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22:15 19.07.2009
Ein gigantischer Erdrutsch verwandelt ein Dorf im Harzvorland über Nacht in ein Katastrophengebiet – das Unglück ist womöglich eine Spätfolge des Bergbaus
Ein gigantischer Erdrutsch verwandelt ein Dorf im Harzvorland über Nacht in ein Katastrophengebiet – das Unglück ist womöglich eine Spätfolge des Bergbaus Quelle: Foto: Ronny Hartmann/ddp
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Nur wenige Meter entfernt ist die Erde eingebrochen, hat eine komplette Doppelhaushälfte mit sich in die Tiefe gerissen und die Hälfte eines Mehrfamilienhauses verschluckt. „Ich dachte, ich bin in einem schlechten Film“, sagt später Karin Omeyer, die von den Schreien ihrer Nachbarn geweckt wurde. „Vor meinem Haus war alles weg.“

Doch es ist weder ein Film noch ein Alptraum. Am Ufer des Concordia-Sees, eines gefluteten Tagebauschachts im sachsen-anhaltinischen Nachterstedt brach in der Nacht zum Sonnabend in einer Größe von 350 mal 120 Metern der Uferbereich weg. Eine Million Kubikmeter Erde stürzten in den See. Der Erdrutsch löste eine derartige Flutwelle aus, dass das Ausflugsschiff „Seelandperle“ am anderen Ufer an Land gespült wurde.

Um 4.46 Uhr, es beginnt allmählich zu dämmern, erreicht der erste Notruf die Polizei. „Unser Nachbarhaus ist verschwunden“, teilt eine Frau mit aufgeregter Stimme mit. Wenig später rücken Polizei, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk aus, sind aber weitgehend machtlos, da der morastige Grund immer noch in Bewegung ist und die Gefahr weiterer Erdrutsche droht.

Allmählich wird immer wahrscheinlicher, dass mit den Gebäuden auch Menschen hundert Meter tief in den See gestürzt sind. Alles spricht dafür, dass ein Ehepaar und deren 51 Jahre alter Nachbar von der Katastrophe im Schlaf überrascht wurden und unter den Trümmern und Schlammassen im See begraben liegen.

Unklar ist lange Zeit noch, ob auch Manuel K., der 22-jährige Sohn des vermissten Ehepaars, in jener Nacht im Haus der Eltern Ilka (48) und Peter K. (51) war. Erst am Sonntag gegen 11.55 Uhr schließlich gibt sich der taubstumme Mann den Rettungskräften am Absperrband zu erkennen. Er hat glücklicherweise in einer anderen Wohnung übernachtet. Mit Hilfe einer Gebärdendolmetscherin wird Manuel K. daraufhin über das Geschehen informiert. Sein Bruder entging dem Inferno, weil er in der Nacht – in sicherer Entfernung – eine Party feierte.

Glück im Unglück haben auch die Bewohner der abgestürzten Doppelhaushälfte. Sie sind im Urlaub in Spanien. Nachdem sie per ADAC-Reiseruf alarmiert wurden, ließen sie sich telefonisch über die Katastrophe informieren. In dem stehengebliebenen Teil des Hauses lebte Karola Nelischer. Sie soll von ihrer Katze geweckt worden sein. Als sie aufstand, sah sie, dass die Mauer weggerissen war. Der Rest des gelben Doppelhauses thront weiterhin über dem Abgrund wie ein gespenstisches Mahnmal – in der Mitte glatt durchtrennt, als sei eine Riesensäge hindurchgefahren.

Die 42 Bewohner der umliegenden Häuser werden unterdessen evakuiert, in einer Turnhalle untergebracht und später auf Ferienhäuser verteilt. Zum Beispiel Adelheid Binder. „Nur mit Nachthemd bin ich aus dem Haus gerannt“, erzählt die 69-Jährige, während sie an der Gulaschkanone auf dem Hof des Rathauses von Nachterstedt ansteht. Den Jogginganzug, den sie seither trägt, habe ihre Tochter noch schnell gekauft. Alles andere sei im Haus: Kleidung, Papiere, liebgewordene Erinnerungsstücke. Nur ihren Schäferhund habe sie noch schnell mitnehmen können, sagt die alleinstehende Rentnerin. Der Hund ist jetzt in einem Tierheim untergebracht. Es ist zweifelhaft, ob seine Herrin jemals in ihr Haus zurückkehren kann. „Ich werde wohl wegziehen“, sagt die Rentnerin, die jahrelang selbst im Tagebau als Stellwärterin gearbeitet hat.

Auch die andern fragen sich, was mit ihren Häusern ist. So vieles ist unklar. Behördenvertreter zucken bedauernd die Achseln. Die Nerven liegen blank. „Das ist schon ziemlich hart, wenn man um fünf Uhr morgens plötzlich auf der Straße steht und am späten Nachmittag immer noch nicht weiß, wie es weitergehen soll“, klagt einer der Evakuierten. Eine Sprecherin des Salzlandkreises, dem der im Harzer Vorland gelegene Ort angehört, bittet händeringend um Verständnis, wenn manches nicht so ganz reibungslos funktioniert. „Das Ausmaß der Katastrophe ist unvorstellbar.“

Bisher durften sich die Menschen in der Siedlung nahe der 2000-Seelen-Gemeinde Nachterstedt wie in einem Urlaubsort fühlen. Wo von 1865 bis 1991 der Braunkohletagebau ein riesiges Loch in die Landschaft riss, breitete sich seit einigen Jahren der Concordia-See aus – ein künstlich angelegtes Wasserparadies zum Baden, Bootfahren und Angeln mit hübschen Häusern ringsherum. Wie konnte es geschehen, dass über Nacht Angst und Schrecken über dieses Paradies hereinbrachen? Verursachten die sintflutartigen Regenfälle der vorangegangenen Stunden den Erdrutsch? Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Böhmer, der den Unglücksort am Sonntag besuchte, hält diese Erklärung für unzureichend. „Möglicherweise hat es damit zu tun, dass hier einst Braunkohle auch unter Tage abgebaut wurde und dabei Hohlräume entstanden sind“, sagt Böhmer. Doch auch die Experten rätseln noch.

Klar ist, dass die Siedlung für Bergleute in den dreißiger Jahren auf einem Tagebaugelände errichtet wurde, das schon im 19. Jahrhundert zugeschüttet worden war. „Heute würde so etwas sicher nicht mehr genehmigt“, sagt Uwe Steinhuber von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, die für die Nachnutzung von rund 50 früheren Tagebaulöchern in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt zuständig ist. Denkbar sei, dass man unterirdische Abbaustellen übersehen habe, meint Steinhuber. „Wir wissen nicht, wie es da drinnen aussieht.“

Es traf Nachterstedt nicht das erste Mal. Schon 1956 rutschte hier die Erde ab und begrub ein Haus unter sich. Ein Mann kam damals ums Leben. Anwohner Thomas Mittenzwei bezweifelt, dass der Erdrutsch völlig unabsehbar war. „Die haben erst in diesem Jahr bei uns die Straße aufgebohrt und Hohlräume verfüllt“, sagt Mittenzwei. „Warum verfüllt man wohl Hohlräume, wenn alles in Ordnung ist?“ Erst einmal aber geht es darum, die Vermissten zu finden. Nur wie? Hubschrauberflüge mit Wärmebildkameras bringen nichts, Suchhunde können ebenso wenig eingesetzt werden wie Taucher. Alles viel zu gefährlich. Können vielleicht Unterwasserroboter helfen? „Wir stehen mit der Bundeswehr in Kontakt“, sagt Landrat Ulrich Gerstner.

Doch kaum einer scheint mehr an einen glücklichen Ausgang zu glauben. „Die Hoffnung stirbt zwar auch bei uns zuletzt“, sagt Ministerpräsident Böhmer. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass man in einem völlig zerborstenen Haus überleben kann.“

Das Gebiet um den See herum wurde unterdessen am Sonntag zum regionalen Katastrophengebiet erklärt und weiträumig abgesperrt – auch wenn einige Schaulustige die Sperren immer wieder ignorierten. Sogar Familien mit Kindern hätten sich am Sonntag zu der Abbruchkante vorgewagt und sich damit in Lebensgefahr begeben, sagte die Sprecherin des Kreises gestern. Bei aller Tragik – es hat den Anschein, dass der Concordia-See durch den Erdrutsch noch um eine Attraktion reicher geworden ist. „Solche Unglücke kennt man bisher ja nur aus dem Fernsehen“, sagt ein Mann, der in der Nähe der Unglücksstelle einen Kinderwagen vor sich herschiebt. Doch dann fügt er hinzu: „Ich kenne einen der Vermissten, das hat dann eine ganz andere Dimension.“