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Panorama Anwalt von Lügde-Opfer: „Das war abartig hoch zehn“
Mehr Welt Panorama Anwalt von Lügde-Opfer: „Das war abartig hoch zehn“
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08:49 05.09.2019
Auf diesem Campingplatz in Lügde wurden Kinder über Jahre hinweg missbraucht. Quelle: Guido Kirchner/dpa
Detmold

Der Anwalt Roman von Alvensleben vertritt im Prozess um den hundertfachen Missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde das Mädchen, das den Haupttäter schließlich angezeigt hat. Mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sprach er über das Versagen von Behörden, das Leiden der Opfer – und seine Erwartungen an das Urteil, das an diesem Donnerstag gefällt wird.

Herr von Alvensleben, Ihre Mandantin hat mit ihrer Aussage den Prozess um die Missbrauchsserie von Lügde ermöglicht. Sie hat sich im vergangenen Herbst ihrer Mutter anvertraut, die dann zur Polizei ging. Vier Wochen später wurde der Haupttäter Andreas V. festgenommen. Wie geht es Ihrer Mandantin heute?

Sie ist noch ein junges Mädchen, heute gerade mal zehn Jahre alt. Sie hatte große Angst davor, aussagen zu müssen und die Täter vor Gericht wiederzusehen. Das hat sie enorm belastet, sie stand unter großem Druck. Von daher ist sie froh, wie es nun gekommen ist.

Opferanwalt Roman von Alvensleben. Quelle: Holger Hollemann/dpa

Sie hat aber aussagen müssen.

Ja, aber sie hat nicht noch mal alle Taten im Detail schildern müssen. Dank der Geständnisse der beiden Angeklagten, neben Andreas V. noch Mario S., hat sie sich auf einige persönliche Sätze und die Bestätigung ihrer Aussagen bei der Polizei beschränken können. Auch die Konfrontation mit den Tätern blieb ihr erspart, sie wurden für die Aussagen aus dem Gerichtssaal geführt. Insgesamt war es für meine Mandantin – und, soweit ich das beurteilen kann, auch für die anderen Opfer – eine positive Erfahrung, vom Gericht angehört und ernst genommen zu werden.

Wie soll ich einen Täter davon überzeugen zu gestehen, wenn das nicht honoriert wird?

Roman von Alvensleben,;Anwalt

Kann man schon etwas zu den psychischen Folgen des Missbrauchs sagen?

Dafür ist es noch zu früh. Es passiert in Missbrauchsfällen immer wieder, dass Traumatisierungen auch nach 20 oder 30 Jahren wieder hervorbrechen. Meine Mandantin hat eine Stabilisierungstherapie erhalten, die ihr erst mal geholfen hat. Aber ihre Mutter berichtet mir auch, dass es bei ihr immer wieder zu selbstverletzendem Verhalten kommt: Sie steht zum Beispiel in einem Laden, nimmt sich ein Messer und ritzt sich den Arm.

Die beiden Täter haben über viele Jahre Dutzende Kinder getäuscht, bedroht und brutalst missbraucht. Eine Steigerung ist kaum denkbar. Dennoch bleibt die Staatsanwaltschaft mit ihren Forderungen nach 14 und zwölfeinhalb Jahren Haft unterhalb der Höchststrafe. Wie ist das vermittelbar?

Nach solchen Prozessen gibt es immer wieder Empörung über vermeintlich zu milde Urteile, das wird möglicherweise auch diesmal so sein. Auch meiner Mandantin und ihrer Mutter wird das schwer zu vermitteln sein. Sie möchte vor allem sicher sein, dass sie diesen Menschen nie wieder auf der Straße begegnet, dass diese Menschen ihr nie wieder etwas antun können. Und das kann ich sehr gut verstehen.

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Dennoch halten Sie die Forderung für richtig?

Man muss da unterscheiden: Die juristische Bewertung ist schon eine andere. Wenn jemand gesteht, dann muss er dafür einen Abschlag bekommen. Von solchen Urteilen, gerade in so vielbeachteten Fälle, geht ja auch eine Signalwirkung aus. Jeden Tag werden in Deutschland 43 Missbrauchsfälle angezeigt. Wie soll ich einen Täter davon überzeugen zu gestehen, wenn das nicht honoriert wird? Außerdem fordert die Staatsanwaltschaft ja auch die Sicherungsverwahrung, die dafür sorgen könnte, dass die Opfer den Tätern wirklich für lange Zeit nicht mehr begegnen.

Das Verfahren gegen den dritten Täter, Heiko S., wurde abgetrennt, er erhielt eine Bewährungsstrafe. Auch nachvollziehbar?

Das war mir zu weichgespült. Der Mann hat 32.000 kinderpornografische Bilddateien besessen. Wenn wir das als Gesellschaft ächten wollen – und ich bin sehr dafür –, dann muss man das auch hart bestrafen. So ist der Besitz von Kinderpornografie jetzt ein Kavaliersdelikt.

So ist der Besitz von Kinderpornografie jetzt ein Kavaliersdelikt.

Roman von Alvensleben,;Anwalt

Gibt es etwas, das sich aus dem Fall Lügde für die Prävention ähnlicher Taten lernen lässt?

Polizeibeamte haben zu wenig Erfahrung mit der Aufnahme von solchen Hinweisen und Anzeigen. Im Prozess hat eine Mutter ausgesagt, die mit ihren Hinweisen bei vier Polizeidienststellen war – und nichts geschah. Vier! Ähnliches gilt für die Vernehmung von Kindern. Da müssen die Beamten besser geschult und vorbereitet sein.

Ist der Fall Lügde mit dem Urteil an diesem Donnerstag abgeschlossen?

Nein. Die Gutachterin hat im Prozess zum Beispiel berichtet, Andreas V. habe ihr gegenüber geschildert, dass das Jugendamt ihn noch zur Annahme eines Pflegekindes ermutigt habe, als es den Verdacht des Kindesmissbrauchs gegen ihn schon gab. Wenn sich das bestätigt, wäre es ein weiterer Beleg für ein massives Versagen der Behörden. Ich rechne daher fest mit weiteren Anklagen – und behalte mir auch eine Schadensersatzklage gegen das Jugendamt vor.

Das war einer der schlimmsten Fälle, mit denen ich je zu tun hatte.

Roman von Alvensleben,;Anwalt

Herr von Alvensleben, wie haben Sie selbst diesen Prozess erlebt?

Das war einer der schlimmsten Fälle, mit denen ich je zu tun hatte. Wenn man tagsüber stundenlang die Schilderungen der Taten hört und dann die Gesichter der Kinder im Kopf hat – das ist ein Kopfkino, das sich nicht stoppen lässt. Da wurden Kinder dazu gebracht, sich gegenseitig zu missbrauchen, ein Vierjähriger wurde auf der Baumarkttoilette vergewaltigt. Das war abartig hoch zehn. Man muss in so einem Prozess objektiv sein – aber das lässt einen nicht los.

Von Thorsten Fuchs/RND

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