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Panorama Angeklagter gesteht Messerattacke auf Taxifahrerin
Mehr Welt Panorama Angeklagter gesteht Messerattacke auf Taxifahrerin
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19:58 09.03.2010
Von Heinrich Thies
Die Messerattacke auf eine Taxifahrerin hat der Angeklagte Micky M. (rechts neben seinem Anwalt Rüdiger Bibow) gestanden.
Die Messerattacke auf eine Taxifahrerin hat der Angeklagte Micky M. (rechts neben seinem Anwalt Rüdiger Bibow) gestanden. Quelle: dpa
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Es war eine ganz normale Fahrt, Brigitte S. schöpfte keinerlei Verdacht. Die 62 Jahre alte Taxifahrerin fand den jungen Mann mit der weißen Mütze und blauen Kapuzenjacke, der am Bahnhof in Delmenhorst bei ihr gegen 17 Uhr zugestiegen war, sogar ausgesprochen nett, sie plauderte mit ihm über ihre Arbeit, fuhr ihn wie gewünscht nach Stuhr. Als dann aber die Fahrt auf dem Parkplatz eines früheren Möbelhauses endete, schlug die Situation um: Der junge Mann tat, als suche er in seiner Hosentasche nach den verlangten 16 Euro, drehte sich abrupt um und stach Brigitte S. unvermittelt mit einem Klappmesser in die Brust. Die Taxifahrerin versuchte sich zu wehren, konnte aber nicht verhindern, mit weiteren 14 Stichen malträtiert zu werden – Stiche in den Rücken, in den Bauch, ins Gesicht, in die Arme.

Brigitte S. überlebte ihre lebensgefährlichen Verletzungen. Am Dienstag, knapp ein halbes Jahr nach der Tat, saß sie ihrem Peiniger im Gerichtssaal gegenüber und sagte aus – neben ihr eine etwa gleichaltrige Dame in Schwarz: die Witwe eines 58 Jahre alten Berufskollegen, den der junge Mann am 25. September 2009, einen Tag vor dem Überfall auf Brigitte S., vermutlich mit zahlreichen Messerstichen in seinem Taxi in Elsfleth tötete. Die beiden Frauen treten vor der Jugendkammer des Landgerichts Oldenburg als Nebenklägerinnen auf, die Anklage lautet auf Mord und versuchten Mord. Während der Angeklagte den Mord bestreitet, gesteht er den Angriff auf Brigitte S. notgedrungen ein.

Warum? „Ich weiß auch nicht, so kenn’ ich mich selbst nicht, ich bin kein krimineller Mensch“, sagt Micky M., „Ich bin einfach ausgerastet, ich war wie vom Teufel besessen, hab’ einfach zugestochen.“ Der schlanke junge Mann mit den kurz geschnittenen Haaren, der zur Tatzeit erst 19 war und eine Ausbildung zum Elektriker absolvierte, wirkt in seinem grau gestreiften Freizeithemd wie ein großer, etwas trotziger Junge. Manchmal klingt fast so etwas wie Stolz durch. „Da saß schon allerhand Wums dahinter. Ich war ja nicht der Schwächste.“ Selbstbewusst berichtet der Angeklagte, der zur Tatzeit noch bei seinen Eltern in Lemwerder lebte, von dem Ärger mit seiner Freundin und seinen Versuchen, sie mit Blumen, Schmuck und anderen teuren Geschenken zurückzugewinnen. Doch sein Lohn als Auszubildender reichte dafür offensichtlich nicht, Micky lieh sich 30 Euro von einem Freund und 100 Euro von seiner Großmutter. Schließlich verlangte der Freund sein Geld zurück. Noch am Tag des Mordes sollen sich beide in mehreren SMS darüber ausgetauscht haben. So gibt Micky M. denn auch zu, dass er Geld von der Taxifahrerin wollte. Zunächst habe er ihr nur drohen wollen. Weil sie sich dann aber gewehrt habe, sei er durchgedreht. „In dem Moment hat mein Geist ausgesetzt.“

Dies stellt Brigitte S. etwas anders dar. Anfangs sei von Geld noch gar nicht die Rede gewesen, sagt die weißhaarige Frau. „Das hätte ich ihm doch sofort gegeben, ich bin ja nicht lebensmüde.“ Angeschrien habe sie ihn, als sie aus dem Taxi geflüchtet sei und ihm blutüberströmt gegenübergestanden habe: „Was willst du von mir, du Idiot?“ Erst da habe er sie aufgefordert, ihm ihr Geld zu geben. Als sie ihm dann ihr Portemonnaie zugeworfen habe, habe er es sofort eingesteckt und sei weggelaufen.

Gefasst erzählt die Frau, wie M. immer wieder auf sie einstach, wie sie am ganzen Körper blutete, wie sie sich mit letzter Kraft ins Auto rettete, in panischer Angst bis nach Delmenhorst zurückfuhr, eine Kollegin informierte und schließlich auf einem Parkplatz hinterm Steuer zusammenbrach. Immer noch leide sie unter Angstzuständen, sagt Brigitte S. Taxi könne sie seither nicht mehr fahren.
Der Angeklagte starrt in einem fort auf den Tisch und vermeidet jeden Blickkontakt. M. konnte schnell überführt werden, weil er seine Geldbörse im Taxi liegen ließ. Bereits drei Tage nach der Tat wurde er nach öffentlicher Fahndung in Bremen festgenommen. Angesichts der erdrückenden Beweislast gestand er sofort.

Den Mord an dem Taxifahrer bestreitet Micky M. dagegen beharrlich. Dabei lag auf dem Bauch des Toten ein blutverschmiertes Messer, an dessen Griff sich seine DNA-Spuren fanden. Zudem entdeckten die Ermittler in Tatortnähe Kleidung mit seinen Spuren und eine Kippe von M.s Zigarettenmarke. Doch Micky M. beteuert seine Unschuld. „Ich habe diesen Herrn noch nie gesehen“, sagt der Angeklagte. „Sie sollten noch mal überlegen, ob Sie dabei bleiben“, drängt der Vorsitzende Richter Dietrich Janßen – auch mit Blick auf die Witwe des Getöteten. „Die Umstände sprechen sehr gegen Sie.“

Da der Angeklagte noch unter das Jugendstrafrecht fällt, liegt die Höchststrafe bei zehn Jahren.