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Panorama Amokläufer hasste die Menschheit
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20:11 21.09.2009
Schüler des Ansbacher Carolinums haben für die Verletzten des Amoklaufs Kerzen entzündet und Blumen niedergelegt. Quelle: ddp
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Nach Angaben der Staatsanwaltschaft vom Montag habe der 18-Jährige möglichst viele Mitschüler und Lehrer töten und das Schulgebäude niederbrennen wollen. Er habe sich für den Amoklauf eigens ein T-Shirt mit der Aufschrift „Made in School“ besorgt. Der Schüler habe sich ungerecht behandelt und ausgegrenzt gefühlt und zudem Angst vor einer schweren Erkrankung und Perspektivlosigkeit gehabt, so die Staatsanwaltschaft weiter. Der Amoklauf sei bereits seit Monaten geplant gwesen.

Die neuen Erkenntnisse der Ermittler stützen sich vor allem auf die Auswertung des Laptops des 18-Jährigen. Computerspezialisten rekonstruierten mehr als 80-seitige Aufzeichnungen des Täters, die dieser gelöscht hatte. Darin schilderte der Schüler laut Staatsanwaltschaft in „nahtlos aneinandergehängten Schreiben“ einer „fiktiven Ansprechpartnerin“ seine Gedanken. Bereits im April verwendete er erstmals den Begriff „Amok“. Die Briefe vom Mai enthalten dann erste konkrete Tatpläne. Unter anderem legte er damals seine Bewaffnung fest: eine Axt, Messer und Molotowcocktails.

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Im Juni bestimmte er als Tatort das dritte Obergeschoss seines Gymnasiums – mit der Begründung, dort seien besonders viele Klassenzimmer. Damals legte der Schüler auch den Zeitpunkt der Tat fest, seine eigene Kleidung dafür sowie seine Vorgehensweise: Die Schüler durch Feuer aus ihren Klassenzimmern zu treiben, um sie anschließend anzugreifen. Dabei kalkulierte er den Ermittlungen zufolge mit ein, von der Polizei getötet zu werden. Daneben traf er Vorbereitungen für einen anschließenden Selbstmord. Er gab in den Aufzeichnungen ferner an, zu anderen Amokläufen zu recherchieren.

In den Briefen schilderte der Schüler seine Angst, das Abitur nicht zu bestehen und schwer zu erkranken. „Für diese Ängste gibt es nach dem derzeitigen Ermittlungsstand keinen Anhaltspunkt“, erläuterte Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger. Er sei weder körperlich krank gewesen, noch habe ihm ein Scheitern beim Abitur gedroht.

Weiter schrieb der Täter der Oberstaatsanwältin zufolge in seinen Texten, „dass er gerne eine Freundin gehabt hätte, was ihm aber nicht gelungen ist“. Mehrfach habe er ferner ein Erlebnis aus der 6. Klasse erwähnt: Er sei im Bus verprügelt worden, und niemand habe ihm geholfen. Seine Eltern habe er „ausdrücklich“ nicht für die Tat verantwortlich gemacht.

Der Schüler war am Donnerstag mit einem Beil, fünf Molotowcocktails, vier Messern, einem Hammer, einer Schutzbrille und mehreren Feuerzeugen in die Schule gegangen. Anschließend verletzte er mit Brandsätzen und Axthieben in einer zehnten und einer neunten Klasse zehn Schüler und einen Lehrer. Damit korrigierten die Ermittler die Zahl der Verletzten ein weiteres Mal nach oben. „Bestimmte Opfer hat er nicht ausgesucht“, sagte Lehnberger.

Den beiden schwer verletzten Mädchen geht es zunehmend besser. Die 15-Jährige, die durch einen Molotowcocktail im Gesicht getroffen wurde, kann möglicherweise bereits in dieser Woche das Krankenhaus verlassen. Ihre Mitschülerin, die durch mehrere Axthiebe ein offenes Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte, sollte dagegen noch einmal operiert werden.

Der Täter selbst war von der Polizei durch drei Kugeln gestoppt und schwer verletzt worden. Dem 18-Jährigen geht es nach einer zweiten Operation vom Freitag mittlerweile besser. Er wachte am Montag vorübergehend auf, der Haftbefehl konnte ihm aber noch nicht eröffnet werden.

Die Ermittler befragten nach eigenen Angaben mehr als 60 Zeugen. Die Eltern des Täters machten keine Angaben. Gewaltvideos oder Killerspiele fanden die Fahnder unter den beschlagnahmten Gegenständen bislang nicht.

von Petr Jerabek