Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Alltagsrassismus? Emotionale Debatte um den „Sarotti-Mohr“
Mehr Welt Panorama Alltagsrassismus? Emotionale Debatte um den „Sarotti-Mohr“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:37 09.04.2019
Ein beleuchtetes Werbeschild mit der Abbildung eines sogenannten „Sarotti-Mohr“ steht auf der Preistafel der Theke im Foyer des Mannheimer Kulturzentrums „Capitol“. Quelle: Uwe Anspach/dpa
Mannheim

Am „Sarotti-Mohr“ scheiden sich die Geister. Das erfährt gerade das Mannheimer Kulturzentrum Capitol: Über seiner Theke prangen zwei „Mohren“-Embleme, die in der Quadratestadt zu erbitterten Diskussionen führen. Für die einen ist der kleine schwarze Kerl mit Pluderhose, Schnabelschuhen und Tablett eine süße Kindheitserinnerung an Schokoladengenuss – für andere ist der „Sarotti-Mohr“ kolonialrassistisches Symbol und Zeichen mangelnden Feingefühls gegenüber schwarzen Menschen.

Auslöser der Debatte war eine Veranstaltung zum Thema Alltagsrassismus im vergangenen Oktober, bei der Teilnehmer die Dekoration im Foyer beanstandeten. Allein im Internet prallen inzwischen Argumente zu Hunderten aufeinander. Den Kritikern der Dekoration wird krankhafte politische Korrektheit vorgeworfen. Schwarze Menschen beschweren sich wiederum darüber, immer wieder erklären zu müssen, was Rassismus ist. Das Thema wühlt auf – auch mehr als 100 Jahre nach Erfindung der Werbe-Figur.

Mehr zum Thema:
Ist das Logo der Machwitz-Rösterei rassistisch?

„Sarotti-Mohr“: Schokoladenhersteller will an Werbefigur festhalten

Deren rassistische Deutung weist der Produzent der Sarotti-Schokolade, die Firma Stollwerck aus Norderstedt, zurück. „Aus unserer Sicht gibt es keine Veranlassung, die Marke Sarotti in diese fragwürdige Interpretation zu bringen“, heißt es in einem Statement des Unternehmens, das zur belgischen Baronie-Gruppe gehört. Doch ganz unberührt von öffentlicher Diskussion agiert das Unternehmen nicht: Seit 2004 gibt es den „Sarotti-Mohren“ als Markenzeichen gar nicht mehr. Aus dem „Botschafter des guten Geschmacks“ in Diener-Habitus wurde ein auf einer Mondsichel balancierender „Magier“ mit goldener Haut, der nach den Sternen greift.

Mehr zum Thema:
Deutschlands ganz normaler Alltagsrassismus

Der Begriff „Mohr“ hat nach Überzeugung einer Unternehmenssprecherin keinen negativen Beigeschmack. Anders bewertet das der Sprachwissenschaftler Henning Lobin. „Mohr“ habe sich seit dem 19. Jahrhundert von einem eher neutral verwendeten Wort in ein abfälliges verwandelt. Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) sagt: „Das kann man zum einen daran erkennen, dass das Adjektiv, das in Textkorpora am häufigsten mit „Mohr“ kombiniert wird, „kohlpechrabenschwarz“ lautet, zum anderen an der Tatsache, dass es heute offensichtlich andere, neutralere Wörter zur Bezeichnung schwarzer Menschen gibt.“ Wer „Mohr“ sage, übe zugleich indirekt Kritik daran, dass man dieses und weitaus beleidigendere Wörter zur Bezeichnung von Menschen nicht mehr verwenden dürfe.

Ähnliche Fälle in anderen deutschen Städten

Ähnliche Diskussionen wie in Mannheim gab es auch andernorts schon: In Frankfurt hatte der Ausländerbeirat im vergangenen Jahr – vergeblich – die Umbenennung zweier „Mohren-Apotheken“ gefordert. In Hannover kritisierte ein afroamerikanischer Dozent das Logo der hannoverschen Kaffeerösterei Machwitz. Und in den Niederlanden sind der Stein des Anstoßes die schwarz geschminkten „Zwarten Pieten“ („Schwarzer Peter“), die Helfer des Nikolaus'. Für viele sind sie ein rassistisches Symbol, für andere gehört die Figur zur niederländischen Identität wie Tulpen und Käse.

Was macht das Capitol angesichts der Unversöhnlichkeit der Ansichten? Nach sechs Veranstaltungen zum Thema „Kein Platz für Rassismus“ mit 700 Teilnehmern haben die Betreiber entschieden, die Figuren weiter zu zeigen. „Ihre Haltung wird aber verändert. Sie soll zum Symbol für unseren Wunsch werden, mit unseren Gästen dauerhaft im Gespräch zu bleiben.“ Weiter heißt es: „Eine Irritation des Betrachters ist hier gewünscht und beabsichtigt, diese soll den Dialog anregen.“

Ruhan Karakul befürchtet eine „karnevaleske Verzerrung“ der Figur, etwa durch antirassistische Aufkleber. Die Rechtsanwältin und Ex-Co-Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Deutschlands hat als einziges Mitglied im Beratergremium des Capitols für einen Verzicht auf die Retro-Werbung plädiert. Durch den Erhalt werde Rassismus reproduziert. Auch das Antidiskriminierungsbüro Mannheim betrachtet die Sarotti-Werbung als ein inakzeptables „Paradebeispiel von wiederkehrender Alltagsdiskriminierung“. Gemeinsam mit Karakul kritisiert der Verein, dass dem Beratergremium - neben der Moderatorin und Autorin Mo Asumang - zu wenige schwarze Menschen angehört haben.

Mit Spannung wird erwartet, mit welcher Haltung das Kulturzentrum die „Mohren“ in den nächsten Wochen präsentieren wird. Bislang ist noch keine Idee des Capitol-Kreativteams an die Öffentlichkeit gedrungen.

Von Julia Giertz/RND/dpa