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Panorama Alkoholkauf bleibt ein Kinderspiel
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06:15 04.10.2012
Von Heike Manssen
Minderjährige bekommen immer noch allzu leicht Hochprozentiges. Quelle: dpa
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Hannover

Sie pilgern im Auftrage der kommunalen Jugendschutzbehörden in Kooperation mit der Polizei durch die Supermärkte, Tankstellen und Kioske des Landes und kaufen verbotenerweise Alkohol. Oft bekommen sie ihn auch, wie eine Umfrage bei den Kommunen jetzt zeigt. Zu viele Verkäufer geben Bier, Schnaps oder Wein an Minderjährige heraus. Bei den Testkäufen fallen manchmal mehr als die Hälfte der getesteten Läden durch.

In Friesland beispielsweise gibt es  mindestens fünfmal im Jahr Testkäufe in verschiedenen Städten. Erst vor einigen Tagen waren wieder Jugendliche mit Mitarbeitern des Jugendamts unterwegs, diesmal in Varel, um den Verkäufern auf den Zahn zu fühlen. Sie hatten Erfolg. In acht von zwölf getesteten Betrieben bekamen die jungen Käufer Hochprozentiges. „Eine Verkäuferin ließ sich tatsächlich den Pass zeigen, rechnete dann aber nicht nach, wie alt der minderjährige Junge ist“, sagt Rainer Graalfs, Sprecher des Landkreises Friesland. Bei einer Testreihe im Wangerland seien sogar in zehn von elf Fällen verbotene Getränke über die Ladentheke gegangen. Und das, obwohl die Testkäufer erkennbar zu jung ausgesehen hätten. Trotz der Rückschläge will der Landkreis mit den Aktionen  weitermachen. Mittlerweile werden die Betriebe in Friesland nicht mehr nur mündlich verwarnt, sondern mit Bußgelder bestraft. „Mündliche Verwarnung zeigten keine Wirkung. Mit Geld funktionieren die erzieherischen Maßnahmen weitaus besser“, sagt Graalfs. Bei Verstößen gegen den Jugendschutz kann das entsprechende Jugendamt ein Ermittlungsverfahren einleiten. Je nach Schwere des Vergehens kann dann ein Bußgeld von bis zu 1500 Euro verhängt werden.

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In Melle im Landkreis Osnabrück sagten bei entsprechenden Kaufaktionen 45 Prozent der Verkäufer nicht Nein. Als „erschreckend“ bezeichnete das Ordnungsamt das Ergebnis, weil die Quote auch schon einmal bei 20 Prozent gelegen habe. Besser läuft es in Bremen: Dort gaben zu Beginn der Tests 2009 noch drei von fünf Verkäufern die verbotenen Flaschen heraus, in diesem Jahr waren es bisher nur 27 der 75 Getesteten (36 Prozent). Die Zahlen seien aber mit Vorsicht zu genießen, warnte ein Sprecher des Innensenators und verweist darauf, dass 2011 noch 60 Prozent durchgefallen sind.

Gesammelt werden die Ergebnisse aus Niedersachsen beim Innenministerium in Hannover. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres fielen landesweit bei 637 Kontrollen rund 38 Prozent der Verkäufer durch, 2011 waren es im Schnitt 35,4 Prozent. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kontrollen nachhaltig etwas bringen“, sagt Ministeriumssprecher Frank Rasche. Als 2008 mit den Testkäufen begonnen wurde, habe die Quote noch bei über 50 Prozent gelegen.

Im vergangenen Jahr gab es landesweit bei 2303 Kontrollen insgesamt 815 Verstöße. 70 Verkaufstellen wurden lediglich verwarnt, gegen 829 wurde ein Bußgeldverfahren eingeleitet. Auch im Ministerium weiß man, dass es für Minderjährige trotz allem Mittel und Wege gibt, sich Alkohol zu besorgen. „Doch die Testkäufe sind alternativlos“, sagt der Sprecher.

Nachgefragt: „Junge Frauen kaschieren ihr Alter“

Mit der HAZ hat Hans-Joachim Rambow vom Handelsverband über die Probleme beim Verkauf von Alkohol gesprochen.

Was halten Sie von Alkoholtestkäufen?

Sie können nur ein Baustein sein, solche Tests allein ändern nicht das Nutzungsverhalten von Jugendlichen. Da ist Aufklärung viel wichtiger. Wir müssen vorsichtig sein, Dinge nur über Verbote regeln zu wollen. Damit löst man das Problem nicht sondern schafft es einfach nur woanders hin.

Die Tests zeigen, dass Minderjährige ganz einfach an Alkohol kommen. Sind die Läden beim Verkauf zu lasch?

Einige sicherlich, aber die Zahlen sind auch mit Vorsicht zu genießen. Man kennt die Situation  bei den Testkäufen oftmals nicht. Wie alt sieht der Jugendliche tatsächlich aus? Trotzdem hat der Handel natürlich eine Verantwortung, schließlich ist es gesetzeswidrig, Alkohol an Minderjährige zu verkaufen. Es kann auch keine Verkäuferin sagen, das habe ich gar nicht gewusst.

Warum nicht?

Alle Handelsketten haben ihre Kassensysteme so programmiert, dass die Kassiererin beim Scannen des Einkaufs darauf aufmerksam gemacht wird, wenn Alkohol über das Band läuft. Daraufhin kann die Kassiererin sich den Kunden anschauen. Teilweise gibt es Systeme, in denen durch Drücken einer Taste das Alter des Käufers aus dem Pass eingeben werden muss. Dennoch haben auch solche Systeme Lücken, denn es sind immer noch die Menschen die damit arbeiten.

Wo wird häufig unrechtmäßig Alkohol verkauft?

Der Anteil der Supermärkte, die das tun, geht zurück. Bei Kiosken und Tankstellen stagnieren die Zahlen. Kioske haben  oft kein unterstützendes Kassensysteme.

Würden Sie sich zutrauen, einen Minderjährigen von einem Erwachsenen zu unterscheiden?

Ehrlich gesagt nicht. In den letzten zehn Jahren ist es unheimlich schwer geworden – teilweise, weil die Kleidung der Jugendlichen sich oftmals nicht von der von Erwachsenen unterscheidet und auch weil zum Beispiel junge Frauen optisch geschickt ihr Alter kaschieren.