Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Aldi-Erpresser zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt
Mehr Welt Panorama Aldi-Erpresser zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:12 11.03.2011
Der Mann, der sich Koslowski nannte, ist 66 Jahre alt und schon Großvater. Quelle: dpa
Anzeige

„Warnen Sie Ihr Personal und Ihre Kunden, es besteht absolute Lebensgefahr.“ Das war der Satz, der die Ermittler in Alarmbereitschaft versetzte. Der Absender nannte sich „Koslowski“ und wurde zuletzt von über hundert Polizisten gejagt. Monatelang hatte er versucht, den Discounter Aldi-Nord um 800.000 Euro zu erpressen. Dazu hatte er sogar Apfelschorle mit Lösungsmittel vergiftet. Am Freitag wurde er am Essener Landgericht zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Als der Prozess begann, bekam das Phantom endlich ein Gesicht. Kaum zu glauben: Der Mann, der sich Koslowski nannte, ist 66 Jahre alt und schon Großvater. „Er hat bis zu seiner Festnahme ein ganz bürgerliches Leben geführt“, sagte sein Verteidiger Gerhard Thien am Rande des Prozesses. Der 66-Jährige war selbstständiger Stahlbau-Konstrukteur, besitzt ein 300.000-Euro-Haus am Stadtrand von Oldenburg, kümmert sich um seine Familie.

Anzeige

Warum er zum Erpresser wurde, erklärte er vor Gericht so: „Ich hatte Schulden, konnte die Kredite nicht zurückzahlen.“ Am Ende habe er das Gefühl gehabt, dass alles zusammenbreche. Der scheinbare Ausweg kam aus dem Fernseher. „Ich habe einen Beitrag über einen Erpresser gehört und das dann weitergesponnen“, sagte der 66-Jährige den Richtern. Ein Verkauf des Hauses sei für ihn dagegen nicht infrage gekommen. „Das war mein Lebenswerk.“

Der Mann schrieb fast 20 Erpresser-Briefe - und schritt auch gleich zur Tat. Mit schwarz gefärbtem Bart, Sonnenbrille und Kappe zog er durch Aldi-Filialen in Bremen und Umgebung. Er stellte Flaschen mit Apfelschorle und Verdünnung ins Regal, deponierte Mundwasser mit Essig, spritzte Schwefelsäure auf T-Shirts. Wirklich gefährlich sei dies aber nicht gewesen, meinte er. Die Deckel seinen verklebt, die Flaschen nur halb gefüllt gewesen. „Da hätte sich kein Kunde dran vergriffen.“

Ganz so sicher war er da aber wohl selbst nicht. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass der Erpresser vehement darauf bestand, dass Aldi-Nord ihm über ein Zeitungs-Inserat eine Notfall-Nummer mitteilen sollte. Im Prozess sagte der 66-Jährige dazu wörtlich: „Falls ich es mal übertreibe.“ Tatsächlich passiert ist allerdings nichts.

Die Geldübergabe glich einer Schnitzeljagd. Sie begann auf einem Autobahnrastplatz im Oldenburger Raum, führte über die Parkplätze zweier Möbelhäuser und einen Bahnhof bis zu einem Ärztehaus. Die Fahrer des Autos sollten rote T-Shirts tragen, ihr Wagen durch schwarz-rot-goldene Deutschland-Aufkleber besonders kenntlich gemacht werden. Am Ende hatte es der Angeklagte dann aber doch mit der Angst zu tun bekommen und das Geldbündel nicht mitgenommen. „Da waren so komische Leute, die gehörten da nicht hin.“

Überführt wurde der Erpresser schließlich durch Zufall. Weil er auch in einen Kreditbetrug verwickelt war, hatte die Polizei seinen Computer beschlagnahmt. Auf der Festplatte fanden die Beamten die Drohbriefe an Aldi.

dpa