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Panorama Ärzte operieren in Haiti unter freiem Himmel
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22:23 20.01.2010
Im Hof eines zerstörten Krankenhauses operieren "Ärzte ohen Grenzen schwer Verwundete.
Im Hof eines zerstörten Krankenhauses operieren "Ärzte ohen Grenzen schwer Verwundete. Quelle: afp
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Als Luc Beaucourt am 13. Januar daheim in Antwerpen aufsteht, greift er wie jeden Morgen als Erstes zu seinem iPhone. Der Notarzt öffnet das Programm „Erdbeben“ und liest: „Ort: Haiti. Stärke: 7,0.“ Die Nachricht setzt beim Chefarzt der Antwerpener Uniklinik einen gut einstudierten Ablauf in Gang. Beaucourt nimmt das Telefon, ruft den flandrischen Regierungschef Kris Peeters an und bittet um Geld: „30 000 Euro gab es sofort, damit konnten wir starten.“ Wenige Stunden später sitzen der 62 Jahre alte Beaucourt und sein kleines Operationsteam im Flugzeug. Im Gepäck nur das Nötigste: Schmerzmittel, Antibiotika, starke Nerven – und einen dünnen Draht zum Amputieren.

Der große Mann mit den kräftigen Händen hat Routine darin, nach Erdbeben vor Ort Soforthilfe zu leisten. „Ich habe in den vergangenen zehn Jahren alle großen Beben mitgemacht“, sagt er. „Iran, Indonesien, Algerien, elf oder zwölf waren es.“

Am Donnerstagmorgen, 36 Stunden nachdem die Natur Haiti verwüstet hatte, landet Beaucourt mit seinen sechs Ärzten und Schwestern in der Hauptstadt Port-au-Prince. Aber das Ausmaß der Verzweiflung und das Chaos lassen selbst einen so erfahrenen Katastrophenexperten nicht unberührt: „So viele Verletzte. Keine Infrastruktur, kein Militär. Es war das totale Chaos.“

Beaucourt und sein Team sind eine Art kleine chirurgische Eingreiftruppe, die im Ernstfall umgehend und ohne viel bürokratischen Aufwand aufbrechen kann. „Die ersten 48 bis 72 Stunden sind entscheidend, um Leben zu retten“, sagt der Mediziner, dessen Arbeitsalltag sonst Motorradunfälle und Sportverletzungen prägen.

Gleich nach der Ankunft beziehen die belgischen Ärzte in der Straße Delmas 19 ein Haus, das stehen geblieben ist. Sie suchen sich in den Trümmern ein paar Türen, funktionieren sie zu Krankentragen um und beginnen, die Verletzten auf den Straßen zu bergen: „Zwei Tage nach dem Beben lagen die Menschen noch immer unversorgt herum. Und so viele. Es waren Tausende.“ Und: „Der Unterschied in Haiti zu anderen Beben ist die riesige Zahl von Verletzten“, sagt er und hebt zur Erklärung ein Trümmerstück auf. „Die Dächer hier sind alle aus Beton, schwerem Beton. Wenn das einstürzt und du nicht tot bist ...“ Er lässt den Satz in der schweren karibischen Luft stehen.

Der Feldeinsatz der belgischen Helfer in Delmas 19 dauert nur zwei Tage. Seither versorgen die Ärzte im Hospital Saint François de Sales im Zentrum von Port-au-Prince Patienten. Das kleine private Krankenhaus liegt mitten im zerstörten Stadtzentrum der haitianischen Hauptstadt. Der eingesackte Präsidentenpalast ist keinen Kilometer entfernt, der Friedhof, wo die Leichen in Massengräbern verscharrt werden, liegt in Sichtweite.

Ein Teil des Krankenhauses hat dem Beben widerstanden. Aber die Neugeborenenstation ist völlig zerstört. Als das schwere Betondach einstürzte, begrub es Dutzende Mütter, Schwangere und Babys unter sich. Aus den Trümmern ragen Inkubatoren, kleine Heizungen und Kinderbetten heraus. Der Geruch der Verwesung dringt mit jeder Windböe bitter-süß in die Nase. Neben dem Krankenhaus sackte eine Grundschule zusammen. Vermutlich 100 Kinderleichen liegen dort noch unter dem Schutt. „In fünf, sechs Tagen wird der Gestank wirklich schlimm sein“, sagt Beaucourt.

Die belgischen Ärzte haben den Hof des Hospitals zur Notaufnahme umfunktioniert. Patienten liegen auf Matratzen, ausgebauten Autorücksitzen, hocken auf Parkbänken oder Plastikstühlen. Manche wimmern leise vor sich hin, andere dösen in der drückenden Hitze. Einige haben Wunden im Gesicht, anderen sind die Beine verbunden. Viele bräuchten eigentlich dringend frische Verbände.

Beaucourt geht im Eiltempo von Patient zu Patient, kontrolliert Infusionen und macht Funktionstests. Ein Krankenpfleger ruft ihn zu einer Patientin, die auf einem Feldbett liegt. Der 33 Jahre alten Fara haben Trümmerteile überall am Oberkörper Hautfetzen und Fleisch rausgerissen. Am rechten Oberarm schimmert der Knochen durch. Eine Verwandte wedelt der apathischen Patientin mit einem Stück Pappe Luft zu und vertreibt die Fliegen, die über der Wunde kreisen.

Der Notarzt beugt sich dicht über die junge Frau und versucht, den Grad der Infektion zu erriechen. „Morgen werden wir die Wunde desinfizieren und eine Drai­nage anlegen“, erklärt er. Die Patientin wird mit Glück in ein paar Tagen das Krankenhaus wieder verlassen können.

Weniger Glück haben diejenigen, an deren Bett oder Matratze eine kleine rote Flagge steckt. „Da müssen wir amputieren“, sagt Beaucourt.

Das Abtrennen von Händen, Beinen und Fingern ist die Hauptarbeit der Traumatologen und Chirurgen aus aller Welt, die seit Tagen in Haiti sind. Offene Brüche und Schnittwunden infizieren sich in der Hitze und dem Dreck in Windeseile, und es droht Wundbrand. Zudem sterben Gliedmaßen ab, wenn Menschen zu lange unbeweglich unter Trümmern festliegen.

Alle Hospitäler, die in Port-au-Prince halbwegs funktionsfähig sind, haben sich in gigantische Krankenlager verwandelt. Im Hospital Canapé Vert im Vorort Pétion­ville liegen die Menschen im Freien, die mit mehr Glück schützt ein Zelt vor der sengenden Sonne, die anderen liegen mit Bein- und Beckenbrüchen auf dem nackten Rasen. Im Hospital General im Stadtzentrum werden die Patienten auf dem Parkplatz versorgt, nur wenige Meter entfernt stapeln sich die Toten vor der überfüllten Leichenhalle.

Seit gestern gibt es Unterstützung für die Notärzte in der Stadt. Ein schwimmendes Krankenhaus der US-Marine mit Platz für 1000 Patienten und sechs Operationssälen hat die Küste von Haiti erreicht und mit der Behandlung von Erdbeben­opfern begonnen. Der erste Patient war ein kleiner Junge gewesen, dessen Haut zu 30 Prozent verbrannt ist. Der Junge sowie ein 20-Jähriger mit gebrochener Wirbelsäule waren zu dem Lazarettschiff gebracht worden, noch bevor es eigentlich einsatzbereit war.

Wie viele Menschen bei dem Jahrhundertbeben vom 12. Januar gestorben sind, ist noch gänzlich ungewiss. Die Regierung geht von bis zu 200 000 Toten aus. Genaues wird man womöglich nie erfahren. Port-au-Prince ist in weiten Teilen ein scheinbar unendliches Trümmer- und Schuttfeld: Unter Schulen, Behörden und Wohnhäusern liegt eine Unzahl von Toten, die vielleicht niemals geborgen werden können. Auch die Zahl der Verletzten und Versehrten geht in die Hunderttausende. Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ schätzt, dass 500 000 Menschen mehr oder weniger schwer verletzt sind.

„Ärzte ohne Grenzen“ hat sechs Kliniken aufgebaut, in denen Chirurgen aus der ganzen Welt operieren. „1000 Patienten warten pro Tag auf Behandlung“, sagt Anja Wolz, medizinische Koordinatorin bei der Organisation. „500 davon müssen operiert werden.“ An dem einen OP-Tisch wird amputiert, und am Nachbartisch wird ein Baby zur Welt gebracht. Das ist der alltägliche Wahnsinn in einer solchen Situation.

Es fehlt an Instrumenten, an Medikamenten, an Hygiene. Der Nachschub funktioniert noch immer nicht, weil der kleine Flughafen den Anforderungen nicht gewachsen ist. Hilfsorganisationen sind inzwischen wütend, weil ein Teil über Tage hinweg keine Landeerlaubnis bekommt. Derweil müssen die Notärzte unter Bedingungen operieren, unter denen sie in Deutschland kein Skalpell anfassen würden. „Wir amputieren sogar unterm Baum“, erzählt die Würzburger Krankenschwester Wolz.

Luc Beaucourt und seine OP-Task-Force haben da im Hospital Saint François de Sales bessere Bedingungen. Sie operieren zumindest unter einem festem Dach. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang betreuen sie Patienten. Sechs- bis siebenmal setzen die Belgier pro Tag den dünnen Amputationsdraht an: „Meistens müssen wir Unterschenkel und Arme abnehmen“, sagt Beaucourt. Es trifft Kinder, Erwachsene, Alte gleichermaßen. So bitter es im Einzelfall sein mag, „sie werden immerhin leben“.

Auch Janine Désire hatte Glück im Unglück. Die 29-jährige Studentin liegt in einem kleinen kühlen Krankenzimmer und schläft. Die Narkose wirkt noch nach. Dort, wo einmal ihr rechter Fuß war, hat sie jetzt einen dicken Verband gebunden. „Sie weiß, was passiert ist, und dass sie ihren Fuß verloren hat“, sagt ihr Bruder Gaétan und wirkt dabei so ruhig, als stehe er noch unter Schock.

Selbst der routinierte Notarzt Beaucourt musste nach seiner Ankunft erstmals so etwas wie einen Schock überwinden. „Ich war das erste Mal in den zehn Jahren berührt. So etwas habe ich noch nie erlebt – die Zahl der Verletzten, die Hoffnungslosigkeit, die Abwesenheit jeder staatlichen Ordnung.“

Warum tut sich ein erfahrener Unfallarzt kurz vor der Rente das alles an? Beaucourt überlegt eine Sekunde, schiebt die Baseballmütze ein Stück nach oben und sagt: „Ich will Ordnung ins Chaos bringen und, ja, auch dem reinen Verwaltungskram zu Hause entfliehen. Wenn ich nach Antwerpen zurückkomme, habe ich wieder so viel Kraft.“

Beaucourt wird noch mehr Kraft aus dem Helfen ziehen können. Die belgische Task-Force hat ihren Aufenthalt gerade verlängert. Insgesamt 13 Tage will der Notarzt mit seinen Ärzten bleiben. Doppelt so lange wie gewöhnlich. „Es gibt noch so viel zu tun.“

Von Klaus Ehringfeld

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