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Panorama Abiturient steht wegen versuchten Mordes vor Gericht
Mehr Welt Panorama Abiturient steht wegen versuchten Mordes vor Gericht
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20:25 13.10.2010
Von Gabriele Schulte
Ein Abiturient steht wegen versuchten Mordes vor Gericht.
Ein Abiturient steht wegen versuchten Mordes vor Gericht. Quelle: dpa
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An den Unfall, der ihr Leben änderte, kann sich Yvonne D. nicht erinnern. Tage nachdem die Studentin aus dem Koma erwacht war, erzählte man ihr davon: Wie sie beim Maiumzug zum „Frühtanz“ in Thüle von einem BMW erfasst wurde, auf der Motorhaube landete und viele Meter weiter auf die Straße geschleudert wurde. Was kurz vorher war, weiß sie noch: Ihre Clique hatte sich in den Zug aus Hunderten feiernden Jugendlichen eingereiht, eine Freundin verteilte belegte Brote. Dann ist Schluss.

Yvonne erlitt einen Schädelbasisbruch, bis heute tut ihr ständig der Kopf weh, sie kann sich schlecht konzentrieren, kann nicht mehr riechen. Tapfer schilderte die 20-Jährige jetzt vor dem Landgericht Oldenburg ihren Leidensweg. Vor der Jugendkammer muss sich seit Mittwoch der BMW-Fahrer Robertas G. wegen versuchten Mordes verantworten.

Der junge Abiturient und Schlachthofarbeiter aus Litauen hat am 1. Mai dieses Jahres nach einer durchfeierten Nacht mindestens 19 weitere Teilnehmer des traditionellen Maiumzugs im Kreis Cloppenburg verletzt. Der Angeklagte im grauen Kapuzenpulli ist 20 Jahre alt, wie Yvonne. Auch er sagt, er könne sich nicht erinnern. Er sei an jenem Morgen betrunken gewesen – von „mindestens 1,69 Promille“ spricht der Staatsanwalt. So lässt der Unfallfahrer zwar über seinen Anwalt eine aus dem Litauischen übersetzte Entschuldigung verlesen. Zu den Zusammenstößen mit all den Menschen und mehreren Bollerwagen jedoch könne er gar nichts sagen, er zuckt immer wieder die Schultern. Er habe sich bedroht gefühlt von Leuten, die ihn auf der schmalen Straße durch Hinterherrennen und Eintrommeln aufs Auto zum Stoppen bringen wollten. Ein junger Mann riss sogar die Autotür auf und versuchte ihn festzuhalten. „Ich habe Angst bekommen“, berichtet der Angeklagte. „Ich wollte weg da.“

Grund zur Angst gab es: G., der seit acht Monaten in einem Garreler Schlachthof Geld für ein Studium verdiente, war nicht nur alkoholisiert. Er besaß auch keinen Führerschein, hatte in Litauen nur Übungsfahrten gemacht. Trotzdem hatte er sich im Auto seines ebenfalls betrunkenen Chefs, einem Landsmann, bereitwillig ans Steuer gesetzt.

Wie mehrere der sieben Nebenkläger vor Gericht schilderten, fuhr der Fahrer des Fünfer-BMW zwischen den entgegenkommenden Jugendlichen im Zickzack umher, erfasste Passanten und Getränkewagen. Er blieb mehrmals kurz stehen und gab wieder Gas. „Der fuhr richtig schnell“, berichtete die 18-Jährige Nicole M., „der fuhr direkt auf uns zu.“ Der Bollerwagen neben ihr sei „in tausend Teile auseinandergeflogen“.

Mühsam machte sich der Vorsitzende Richter Dietrich Janßen mithilfe weiterer Teilnehmer ein Bild von dem Umzug: Wer war mit wem unterwegs, wer hat was gesehen? Andere Jugendliche, die nicht befragt wurden, saßen mit ihren Eltern auf Zuschauerbänken. Die Unfallopfer wollen nicht zuletzt die Haftungsfrage geklärt wissen. G.s Chef hat behauptet, der 20-Jährige habe ihm den Autoschlüssel gestohlen. Der Angeklagte dagegen sagt: „Er wollte, dass ich fahre.“ Das wisse er noch, trotz aller Erinnerungslücken.

Die am schwersten verletzte Yvonne D. brach am Ende doch noch in Tränen aus. Ihr Lehramtsstudium mit Geschichte und Spanisch, erzählte sie, habe sie bisher nicht fortsetzen können. „Die Ärzte wissen nicht, ob es noch gehen wird.“