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Panorama Abi? „Wir sind nicht schlechter“
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00:16 22.11.2015
Von Gabriele Schulte
Nur teilweise vergleichbar: Beim Englisch-Abitur, wie hier an der IGS Roderbruch in Hannover, stellen sechs Bundesländer einige gemeinsame Aufgaben.  Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Sind Niedersachsens Abiturienten schlechter als Schüler in anderen Bundesländern? Diese Frage haben Lehrerverbände, Schüler und das Kultusministerium am Mittwoch ungewohnt einhellig mit einem klaren Nein beantwortet. Den am Vortag von der Kultusministerkonferenz präsentierten Ländervergleich des Abiturnotendurchschnitts halten sie für nicht aussagekräftig – schon allein, weil Anforderungen und Benotungsmaßstäbe unterschiedlich seien.
In der Darstellung der Kultusministerkonferenz zum Jahrgang 2014 liegt Niedersachsen mit einem Abiturnotendurchschnitt von 2,61 – demselben wie im Vorjahr – ganz am Schluss. Spitzenreiter ist Thüringen mit einem Schnitt von 2,16, gefolgt von Brandenburg (2,31) und Bayern (2,33).

Anforderungsniveau muss gehalten werden

„Beim Notendurchschnitt eine Vergleichbarkeit zu suggerieren ist hochproblematisch“, warnte am Mittwoch der Landesvorsitzende der Erziehungsgewerkschaft (GEW), Eberhard Brandt. „Das Ergebnis heißt auf keinen Fall, dass Niedersachsens Schüler schlechter sind.“ Eine Rolle spiele etwa, ob leistungsschwächere Schüler schon vorher ausgesiebt und gar nicht erst zur Abiturprüfung zugelassen würden. Niedersachsen fordere mit fünf Prüfungsfächern und 36 einzubringenden Kursen den Schülern zudem quantitativ besonders viel ab. Die bevorstehende Oberstufenreform werde in dieser Hinsicht Entlastung bringen.

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Allerdings könnte sich ein schlechter Notenschnitt für die Schüler auch sehr nachteilig auswirken. „Abiturienten aus Thüringen oder Brandenburg nehmen Niedersachsens Abiturienten bei Fächern mit Numerus clausus auch hierzulande die Studienplätze weg“, meinte Horst Audritz, der Vorsitzende des Philologenverbandes. Bessere Noten verschenken, um mit anderen Bundesländern mithalten zu können, wollen die Lehrerverbände aber auf keinen Fall. „Es ist wichtig, die tatsächliche Leistung zu würdigen“, stellte Audritz klar. Das Anforderungsniveau an die Bildung müsse gehalten werden. Das komme den Schülern beim Studium und im gesamten Leben zugute. Beim Mathevergleichstest habe Niedersachsen im Übrigen besser abgeschnitten als Bayern, das häufig als Vorbild dargestellt werde. Vielleicht könnten länderübergreifende Absprachen zu Benotungsmaßstäben das Abitur im föderalen System vergleichbarer machen: „Vollkommene Gerechtigkeit wird es aber nie geben.“

Länder haben großen Gestaltungsspielraum

Ein Sprecher des Kultusministeriums verwies auf den großen Gestaltungsspielraum der Länder beim Abitur. So gibt es etwa in Baden-Württemberg und Hamburg die Möglichkeit, mit einer Themenpräsentation zusätzlich zu Prüfungen überdurchschnittlich gute Bewertungen zu erreichen. „Die niedersächsische Landesregierung legt Wert auf eine hohe Qualität des Abiturs“, sagte der Sprecher von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Die Wiedereinführung des Abiturs nach 13 Jahren biete mehr Zeit für vertieftes Lernen. Die Rahmenbedingungen würden verbessert: „Kernkompetenzen wie Deutsch, Mathematik und die zweite Fremdsprache werden gestärkt, es gibt erstmals Förderstunden an den Gymnasien.“

Daniela Rump vom Landesschülerrat verwies auf Erfahrungen in ihrem Umfeld. „Es kommt vor allem auf die Vorbereitung an“, meinte die 19-Jährige von der KGS Pattensen. „Manche Lehrer machen das gut, andere weniger.“ Aber auch die auf 13 Jahre verlängerte Schulzeit werde die Vorbereitung auf die Abiturprüfung erleichtern.  

  

Länderübergreifende Prüfungen sind die Ausnahme

Zur besseren Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen in Deutschland bekommen seit 2014 Schüler in sechs Bundesländern zeitgleich dieselben Klausuraufgaben – allerdings nur in den Kernfächern Deutsch, Englisch und Mathematik. Daran beteiligt sind Schüler aus Niedersachsen, Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Schleswig-Holstein.

Bei der Benotung gibt es aber deutliche Spielräume, auch ist die Auswahl von Aufgaben nur teilweise identisch. Die Absprachen werden mit den anderen Bundesländern fortgeführt. Nach dem Willen der Kultusministerkonferenz soll es für die Abiturprüfungen ab 2017 für Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch auf der Grundlage abgestimmter Bildungsstandards für alle Bundesländer einen gemeinsamen Aufgabenpool geben.

Beim niedersächsischen Zentralabitur, schon 2006 eingeführt, geht es um eine möglichst gute Vergleichbarkeit der Prüfungen im Land. Hierfür werden in fast allen schriftlichen Prüfungsfächern Aufgaben zentral im Ministerium erarbeitet. Die Aufgabenbereiche werden zuvor veröffentlicht, sodass sich die Schulen vorbereiten können.

Obwohl je drei Prüfer beteiligt sind, kann auch beim Zentralabitur die Benotung unterschiedlich ausfallen – je nach Anspruch. Außerdem zählen im Abiturzeugnis die Vorleistungen aus der Oberstufe mit, sie machen einen erheblichen Teil der Abiturnote aus.     

19.11.2015
Imre Grimm 18.11.2015