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Panorama 44 Tote bei Angriff auf Hochzeit in der Türkei
Mehr Welt Panorama 44 Tote bei Angriff auf Hochzeit in der Türkei
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20:47 05.05.2009
44 Menschen fielen der Bluttat zum Opfer. Quelle: Nail Kadirhan/AFP
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Es soll ein festlicher Abend werden, für Sevgi Celebi ist es der schönste Tag ihres Lebens – ihr Hochzeitstag. Habib Ari heißt der Bräutigam, der sie an ihrem Elternhaus abgeholt hat, wie es in der Türkei Brauch ist. Man will nun feiern, musizieren und tanzen in dem Dorf Bilgeköy in der Südosttürkei. Aber dieser 4. Mai endet in einer Katastrophe: Das Brautpaar und 42 Hochzeitsgäste sterben im Kugelhagel maskierter Attentäter. Sechs Menschen tragen bei dem Massaker schwere Verletzungen davon. Drei von ihnen rangen am Dienstag noch mit dem Tod.

Bilgeköy liegt in der Provinz Mardin, etwas abseits der großen Überlandstraße 950, die von der Stadt Mardin durch die karge Hügellandschaft zu der nördlich gelegenen kurdischen Großstadt Diyarbakir führt. In diesem Teil der Türkei gelten andere Gesetze. Hier leben die Kurden. Es ist eine Gegend, in der traditionelle Ehrbegriffe mehr gelten als die Gesetze des Staates. Gibt es Streit, läuft man nicht zum Gericht sondern nimmt das Recht selbst in die Hand, übt Rache. So setzen sich hier blutige Familienfehden oft über viele Generationen fort. Hier heiratet man nicht aus selbstbestimmter Liebe, hier entscheiden ganz archaisch die Familienclans über Braut und Bräutigam.

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Es ist das Land der Agas, der mächtigen Großgrundbesitzer. Es ist das Land, in dem die Rebellen der verbotenen kurdischen Guerillaorganisation PKK ihr Unwesen treiben. Und es ist das Land der sogenannten Dorfschützer, der staatlich besoldeten und bewaffneten Milizionäre, die gegen die PKK kämpfen sollen. Sie sind die wahren Herren in vielen Dörfern der Kurdenregion. Auch das Dorf Sultanköy wird von Dorfschützern kontrolliert. Es liegt auch an der Nationalstraße 950, nur ein paar Kilometer südlich von Bilgeköy. Aus Sultanköy sollen die Attentäter gekommen sein.

Über der Hergang des Massakers gibt es widersprüchliche Augenzeugenberichte. Die Hochzeitsgesellschaft, die etwa 200 Menschen zählte, habe sich gerade auf dem Dorfplatz versammelt, heißt es in einer Schilderung, da seien gegen 21.30 Uhr maskierte und bewaffnete Männer aus verschiedenen Richtungen herbeigestürmt und hätten zu schießen begonnen. Mehmet Besir Ayanoglu, der Bürgermeister von Mardin, stellt die Ereignisse etwas anders dar. Seine Version stützt sich auf die Berichte zweier Mädchen, die das Massaker überlebten. „Wir waren in zwei Räumen. Die maskierten Männer trieben alle Menschen zusammen und begannen zu schießen.“ Die beiden Mädchen überlebten unter den Leichen getöteter Hochzeitsgäste. „Die Maskierten sind ins Haus eingebrochen und haben wahllos auf alle geschossen, Männer und Frauen“, berichtete eine 20-Jährige.

Etwa 15 Minuten soll das Massaker gedauert haben. Es ist von vier Tätern die Rede. „Es war unbeschreiblich, man glaubte seinen Augen nicht“, sagte Ahmet Can, einer der Augenzeugen, den Reportern des Fernsehsenders Kanal 24. Unter den 44 Opfern sind 17 Frauen und sechs Kinder im Alter zwischen drei und zwölf Jahren. Die Kinder gehörten alle zu einer Familie, die vollständig ausgelöscht wurde. Auch der Imam, der islamische Geistliche, der das Paar gerade getraut hatte, wurde getötet. Er habe eben begonnen, das Gebet nach der Trauung zu sprechen, da seien die ersten Schüsse gefallen, berichtete die Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf einen Augenzeugen. Der Vater der Braut, Cemil Celebi, überlebte das Massaker. Die Täter konnten offenbar unerkannt entkommen.

Noch in der Nacht sperrten die Polizei und die paramilitärische Gendarmerie das Dorf weiträumig ab. Auch die Telefonleitungen wurden gekappt. Die anfängliche Vermutung, es könnte sich um einen Überfall von PKK-Terroristen gehandelt haben, bestätigte sich nicht. „Der Staatsanwalt hat die ganze Nacht durchgearbeitet und Augenzeugen vernommen“, berichtete Innenminister Besir Atalay am Dienstagmorgen. „Wir gehen davon aus, dass es sich um eine Familienfehde handelte.“

Welche Spur ins Nachbardorf Sultanköy führte, war zunächst unklar. Aber noch in der Nacht riegelte die Gendarmerie auch Sultanköy ab. Innenminister Atalay bestätigte, man habe in der Ortschaft acht Verdächtige festgenommen und Waffen sichergestellt. Die Festgenommenen sollen zu einem Clan gehören, der seit langem mit der Familie von Cemil Celebi, des früheren Dorfvorstehers von Bilgeköy, verfeindet war, berichteten türkische Medien am Dienstag. In anderen Berichten hieß es, ein Streit um die Braut sei Anlass für den Massenmord gewesen: Ein Mann aus Sultanköy habe das Mädchen heiraten wollen, sei aber abgewiesen worden. Deshalb habe sein Clan Rache genommen. Eine dritte Version lautet, das Massaker sei Ergebnis einer Fehde zwischen zwei rivalisierenden Gruppen von Dorfschützern gewesen. Diese Vermutung äußerte Ferhat Özen, der amtierende Gouverneur von Mardin.

Während die Polizei am Tatort Spuren sicherte und aus Ankara neben Innenminister Atalay auch Justizminister Sadullah Ergin und Landwirtschaftsminister Mehdi Eker in die Provinz Mardin aufbrachen, versammelten sich noch in der Nacht hunderte Menschen vor dem Krankenhaus von Mardin, wo die Toten in einer Leichenhalle aufgebahrt und die Verletzten behandelt wurden.

In Ankara unterbrach Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan eine Sitzung und ließ sich über die Geschehnisse unterrichten. „Keine Tradition kann ein solches Verbrechen entschuldigen“, sagte der Premier am Dienstag in einer Rede vor seiner Parlamentsfraktion. Es müsse eine Änderung jener Mentalität geben, die zu solchen Gewaltorgien führe, sagte Erdogan und appellierte an Lehrer, Professoren und Medien, an dieser Veränderung mitzuarbeiten.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass die Täter Dorfschützer waren, so käme die Regierung allerdings auch politisch in Zugzwang. Denn das Dorfschützersystem hat sich längst zu einem Staat im Staate entwickelt. 1985, ein Jahr nachdem die PKK den bewaffneten Kampf für einen eigenen Kurdenstaat aufgenommen hatte, begann die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Turgut Özal mit dem Aufbau dieser Miliz. Männer aus kurdischen Clans, die sich loyal gegenüber dem türkischen Staat erklärten, wurden mit Waffen ausgerüstet, bekamen ein staatliches Gehalt und Sozialleistungen.

Ihre Aufgabe sollte es sein, die Dörfer in den Kurdenprovinzen vor Angriffen der kurdischen Untergrundorganisation PKK zu schützen. Nach offiziellen Angaben stehen knapp 60.000 Dorfschützer im Sold des Staates. Das System ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im verarmten Südosten der Türkei, wo die Arbeitslosenquote örtlich bei mehr als 50 Prozent liegt. Für viele Familien ist der Sold, den die Männer als Dorfschützer verdienen, das einzige Einkommen.

Doch längst hat sich das System verselbstständigt, hat mafiöse Strukturen entwickelt und ist der Kontrolle des Staates entglitten. Dorfschützer sind im Drogenschmuggel und Waffenhandel aktiv, sie terrorisieren mit Schutzgelderpressungen ganze Landstriche. Nach einer Recherche der Zeitschrift „Nokta“ aus dem Jahr 1996 war in den achtziger und neunziger Jahren jeder dritte Dorfschützer in Straftaten verwickelt – vom Rauschgifthandel über Menschenraub und Vergewaltigung bis hin zu Mord. Das Dorfschützersystem stärkt auch die feudalen Strukturen der Region. Manche Großgrundbesitzer unterhalten regelrechte Privatarmeen aus vielen hundert Dorfschützern. Dass zahlreiche dieser Agas politisch überaus gut vernetzt sind und einige von ihnen sogar selbst im Parlament in Ankara sitzen, macht das Dürfschützersystem erst recht zu einem brisanten Politikum.

Keine türkische Regierung hat bisher eine Antwort auf die Frage geben können, wie man die 1985 gerufenen Geister wieder loswerden, wie man das System auflösen oder zumindest seine schlimmsten Auswüchse beschneiden kann. Die rund 60 000 Milizionäre sind nicht nur eine politische, sondern auch eine militärische Macht, die man nicht einfach entwaffnen kann. Das Massaker von Bilgeköy dürfte dieses brisante Thema in Ankara wieder auf die politische Tagesordnung bringen.
Während am Dienstagmorgen Arbeiter begannen, mit vier Baggern am Rande des Dorfes Bilgeköy Gräber für die Getöteten auszuheben, konnte Sadik Akbulut, der Lehrer der Dorfschule von Bilgeköy, eine Art zweiten Geburtstag feiern. Auch er und seine Frau Bedia hatten von den Celebis eine Einladung zur Hochzeit erhalten. „Wir wollten auch hingehen“, erzählte Bedia Akbulut der Agentur Anadolu. Aber dann sei ihr Mann eingeschlafen. „Ich wollte ihn nicht wecken“, sagte die Frau. Erst als die Schüsse fielen, schreckte Sadik Akbulut aus dem Schlaf auf.

von Gerd Höhler